Wenn wir schreiben, erinnern wir uns. Wenn die Großen unter uns spielen, zeigen, darstellen, geben sie uns etwas, um uns zu erinnern. Es ist ein Geschenk an die Nachwelt, welches wir annehmen und betrachten. Mal verlieben wir uns in die Schönheit jener Darstellung, ein anderes Mal schauen wir voller Erstaunen auf das uns Gebotene. Schauspieler werden für uns, als Betrachter und Beobachter, Freunde und Wegweiser. Sie definieren für uns, was Film sein kann und wie wir Menschen sehen. Wir wollen so sein wie sie, eifern, kreischen, rufen ihnen nach. In vollkommen blasphemischer Liebe zum Dargestellten sind wir gefangen im uns umwebenden Nebel der Kunst. Und wenn das Leben eines großen Charakterdarstellers zu Ende geht, greift dieser Verlust tief in uns – doch wir können uns erinnern, indem wir schreiben. Und jetzt erinnern wir uns an Alan Rickman, der uns im Alter von 69 Jahren am 14. Januar 2016 verlassen hat.

Denken wir an Rickman, kommt uns als Erstes jener drakonische Professor Severus Snape aus den Verfilmungen der „Harry Potter“-Reihe von Joanne K. Rowling in den Sinn. Für viele von uns – auch für mich, aufgewachsen als jene Generation Potter – war Snape gleichsam Hassobjekt als auch unnahbarer, mystifizierter Lehrer, der uns lehrte, wie wir den Tod verkorken, den Ruhm in Flaschen füllen und Ansehen zusammenbrauen. Irgendwie konnte uns dieses Arschloch, wo es doch unseren Helden Harry Potter schikanierte, nicht vollends abstoßen. Wenn wir dann, nach acht Filmen, die Ambivalenz des Charakters Severus Snape erkannt haben und bemerkten, dass es der Perfektion eines Alan Rickman gelang, uns an der Nase herumzuführen, verliebten wir uns nicht nur in den Charakter Severus Snape, sondern fielen auch auf die Knie – vor dem Schauspiel Rickmans und seiner Darstellung eines hassenden Helden. Alan Rickman hat als Professor in Hogwarts eine Generation geprägt, ein Bild von Gut und Böse über den Haufen geworfen und uns auch gleichzeitig gezeigt, dass wir zwar hassen und lieben, aber niemals wirklich unsere Vergangenheit vergessen können, die uns so weit verfolgt, dass wir für sie sterben würden.

Alan Rickman war vielleicht der Einzige, dem man dabei zusehen konnte und wollte, wie er in Zeitlupe und bester britischer Manier einen Tee zubereitet, während „Mind Heist“ aus „Inception“ dröhnt, und – mit einem Ausdruck rasender Wut auf dem Gesicht – denselben von sich wirft. Dies ist eine vieler viraler Erinnerungen an Rickman, doch es verdeutlicht vor allem eines: Er ist die Legende, zu der er sich selbst gemacht hat. Er war mehr als Severus Snape: Er war Hans Gruber, er war der Sheriff von Nottingham – und obgleich wir seine Darstellung der bösen, zum Tode verdammten verrückten Antagonisten lieben, die er uns hassen und lieben lehrte, war er doch so viel mehr. In seiner vielleicht schönsten Rolle in „Snow Cake“ zeigt er die verletzliche, die liebevolle, die schöne Seite des Alan Rickman, die rückblickend vielleicht viel zu selten zum Vorschein kam. Aber wir erinnern uns an den Charaktermimen, die Spitze der britischen Schauspielelite, die doch sowieso schon so einzigartig ist, wie Alan Rickman selbst.

Eine Rolle, die er ausfüllte, war etwas Besonderes, und allein sein Mitwirken an Film, Fernsehen und Theater machte das Endprodukt sehenswert. Denn selbst wenn Qualität und Anspruch fehlten, die sonore, tiefe Stimme des oftmaligen Antihelden war immer ein Highlight. Mit einem Wort, in Intonation und Aussprache, ist es Alan Rickman öfter gelungen Emotionen zu transportieren, als anderen mit längerer Filmografie und ausdrucksstärkerem Schauspiel. Das Charisma dieses Mannes, die stämmige Schönheit seiner Präsenz, ja, auch seine oftmals unnahbare Ausstrahlung machte ihn zum Interessensobjekt. All das repräsentierte er als Hans Gruber in „Stirb Langsam“ – seine wohlgemerkt erste Kinorolle überhaupt. Und machte ihn zum Herzensbrecher einer Generation, definierte er doch den Kult eines neuen Schurken: schön, interessant, intelligent, distanziert, kultiviert. Kein verrücktes Einmaleins, das er uns vorrechnete. Für Rickman war eine Rolle stets auch ein Herzensprojekt. Das merkte man nicht nur an der Darstellung, sondern auch an seiner Rollenauswahl. Als geschlechtsloser Metatron und Gottes Stimme in „Dogma“ war er die filmische Absurdität, aber auch die absurde Ausnahme in allem, die sich Rickman gönnte, wenn er es wollte.

Was nützt es uns, die Vita eines Meisters wie Alan Rickman nachzuempfinden, wenn es uns doch nicht hilft, jenen tragischen Verlust einer Ikone, eines Helden zu überwinden. Rickman prägte eine Generation von jungen Menschen, die unter ihm aufwuchsen und ihn selbst nach Jahren nicht vergessen konnten. Er war ein Maßstab im Weltkino, die Stimme von Eleganz, von Verrücktheit, meistens aber vor allem von Menschlichkeit. Es ist nie leicht zu akzeptieren oder gar zu verstehen, wie es Menschen treffen muss, die einen Abdruck hinterlassen haben, den wir nicht vermissen wollen. Aber gerade deswegen ist es schön und wichtig, sich zu erinnern. Erinnern, indem wir nicht vergessen, was er uns gegeben hat, auch wenn er letztendlich vielleicht nur einer von vielen war. Von vielen kann ein Mann aber auch der Besondere sein. Und der war Alan Rickman ohne Frage.

Der Kloß im Hals, wenn wir an ihn denken, wird irgendwann verschwunden sein. Nicht heute, nicht morgen und besonders nicht dann, wenn wir uns zurückbesinnen. Uns ansehen, wie er im Wahn durch sein Schloss in „Robin Hood“ rennt, wie er an der Seite von Sigourney Weaver in „Snow Cake“ seinen verletzlichsten Blick offenbart. Und ganz bestimmt nicht, wenn wir seine ikonischste Rolle als Severus Snape erleben. Es war sicherlich kein allzu langes Leben – aber es war ein aufregendes. An der Seite von Menschen lernte und lehrte er, was für ihn Schauspiel bedeutete. In eigenartiger Groteske lebte er wie Snape selbst – als Lehrer, als immer respektierter und liebender, aber vor allen Dingen als Größe. Einen Mann wie Alan Rickman, ob als Schauspieler oder Regisseur, als Mensch selbst – er hinterlässt Fußstapfen, die niemand wird ausfüllen können. In der wohl besten Szene der gesamten „Harry Potter“-Reihe, sehen wir die Vergangenheit von Severus Snape, seine Liebe zu Lily Potter, der Mutter seines gehassten Schülers. Und am Ende, als die silberne Hirschkuh seinen Zauberstab verlässt, blickt Albus Dumbledore ihm in die Augen und fragt: „After all this time?“, und Snape steht dort, der verletzte Blick eines innerlich toten Mannes und sagt: „Always.“

Ja, Alan Rickman war einzigartig. Und genauso, wie Snape Lily immer geliebt hat, werden auch wir ihn nie vergessen und denken: Always.

Meinungen

Teile uns deine Meinung zu „Alan Rickman“ mit. Die Angabe eines Namens, einer korrekten E-Mail-Adresse sowie der Kommentartext sind verpflichtend. Alle Meinungen werden moderiert.

Kinostart: 27.07.2017

Django

Étienne Comars Debüt eröffnet mit einem Porträt über Django Reinhardt die 67. Berlinale.

Kinostart: 06.04.2017

Tiger Girl

Jakob Lass’ dritter Langfilm zeigt erneut befreites, deutsches Kino basierend auf einem Skelettbuch.

Kinostart: 09.03.2017

Wilde Maus

Josef Haders Debüt als Regisseur ist ein harmloser Film über Kommunikation und Schnee.

Kinostart: 16.02.2017

Elle

Paul Verhoeven kehrt zum Wechselspiel der Moral in der humanistischen Rücksichtslosigkeit zurück.

Mr. Long

Sabu, Japan (2017)

Zerbrochene Leben und einstürzende Neubauten: In seiner neunten Berlinale-Teilnahme schickt Sabu Rindersuppen in den Wettbewerb.

Wilde Maus

Josef Hader, Österreich (2017)

Selbstmord durch gefrorenes Wasser: Josef Haders Debüt als Regisseur ist ein harmloser Film über Kommunikation und Schnee.

Occidental

Neïl Beloufa, Frankreich (2017)

Italiener trinken keine Cola! Neïl Beloufa verzettelt sich in seinem chaotisch-absurden Kammerspiel-Debüt.

Tiger Girl

Jakob Lass, Deutschland (2017)

Freiheit durch Reduktion: Jakob Lass’ dritter Langfilm zeigt erneut befreites, deutsches Kino basierend auf einem Skelettbuch.