Die Mutter sagt noch, sie liebe ihn. Dann lässt sie ihren Jungen in Handschellen des Nachts von Fremden aus dem Zimmer schleppen, ihn hinein in einen Laster mit anderen Jungen schmeißen und schließlich dort – in sandiger Pampa – aufwachen, wo einzig die physische Stärke eines Menschen noch zählt, weil die psychische alsbald gebrochen wird. „Coldwater“ heißt der Ort, den Brad (ein Debüt unter mindestens doppeltem Ryan-Gosling-Boden: P.J. Boudousqué) nun zu Hause nennt, eine dreckige, versiffte Heilanstalt für Jugendliche mit Gewalt-, Drogen- und allerlei sonstigen Problemen. Im martialischen Amerika heißt das Großspuriger: Bootcamp. Bis Brad es verlassen kann, wird nicht mehr viel an den Jungen von einst erinnern. Und bis Regisseur und Drehbuchautor Vincent Grashaw ihn es verlassen lässt, wagt dieser in 104 Minuten die Begegnung mit Moral, Erziehung, tätlichen Übergriffen und fraglichen Dilemmata inmitten einer Intensität, welche gen Ende sogar Nadeln unter Fingernägel treibt.

Für „Coldwater“ zahlen die Erziehungsberechtigten der unfrei zugesandten jungen Männer, doch bezahlen einzig die Jungen selbst: mit Wasserentzug, endlosen Läufen in der Wüstenhitze, niedergestreckten Nächten in einem Isolationsraum und ohnehin einigen weiteren Praktiken direkt aus Guantánamo. Das System jener Entwaffnung soll von der Welt befreien, die den Jungen eine Tür öffnete, welche sie unwirsch gebrauchten. Doch in Wahrheit wendet es die Erziehung aus den Köchern der Gewalt direkt in den Menschen hinein – ob nun über Colonel Reichert (James C. Burns), seine Untertanen oder gleich die Opfer des Überlebensparcours: Am Ende frisst das Konzept Bootcamp nicht nur die Schwachen, sondern im Grunde alle. Für diese Wahrheit braucht es bittere Nerven, aber vor allem einen Willen zur Notwendigkeit des Gezeigten. Spätestens jetzt.

Vincent Grashaw tanzt dabei in seinem Spielfilmdebüt, welches seit 1999 durch etliche Hände schlingerte, zwar durch eine konventionell verknüpfte Struktur aus ungesäumten Vor- und Rückblenden, manövriert seine Protagonisten jedoch gleichsam nie in ein zu rechtes Licht, als ob sie vielleicht sogar unbegründet nach „Coldwater“ gekommen wären. Stattdessen formt er durch Bildgestalter Jayson Crothers ein grelles Porträt des Ausbruchs, der spät kommt und alle vorherige Taktik benötigt.

Meinungen

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