Einöde, Provinznest und Stadthektik, wo die Menschen klein, die Schilder umso größer sind. Kalifornien, New York, Mexiko, Acapulco, wieder zurück nach San Francisco: Die Vielfalt der auf der Landkarte verzeichneten Orte heimlich geschmiedeter Träume kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass man sich in diesem Film verloren fühlt. Man weiß nicht, wohin man gehört. Ist es hier oder dort, da oder nebenan, jenseits des Himmels, der Horizontlinie etwa? Zeit spielt eine gewichtige Rolle in Jacques Tourneurs von Engeln und Teufeln beseeltem Werk der Schwarzen Serie, aber wir wissen eigentlich nie, wo wir uns befinden. Rastlos sprinten wir, zwanghaft flüchtend vor innerer Leere und deren urban-mediterranen Haltestellen, doch die Zeit vergehe hierbei: Robert Mitchum erzählt es unnachahmlich lakonisch und kantig, als er in ihr wartet – wie ein verglühender Zigarettenstummel, wie ein Fahrstuhl in die Tiefe mit der Gewissheit, irgendwann irgendwo kopfüber anzukommen. Ein Fensterausblick der San-Francisco-Skyline ähnelt in einer jener irritierenden Momentaufnahmen einem gespenstischen, expressionistischen Ölgemälde, das gar nicht der impressionistischen Gegenwart entsprungen sein kann. Wie hat sich die Wahrnehmung unserer äußeren Umwelt bereits verändert, wenn wir meinen, im Alltäglichen die Schatten unseres irreparabel beschädigten Seins zu erblicken?

Fernab grobschlächtig dramatisierter Suspense-Situationen (einzige Ausnahme: der Protagonist Jeff versteckt eine Leiche, während er danach überaus angespannt auf blinkende Fahrstuhlknöpfe schaut; ein stilsicheres Meisterbeispiel an fiebrig eingefangener Unruhe) setzt „Goldenes Gift“ den ruppig-poetischen Wortgefechten, die so kalt wie Hundeschnauze klingen, die Verletzlichkeit zweier liebender Pärchen gegenüber, deren Unnachgiebigkeit, den Partner nicht anderen zu überlassen, eine Arie über den Tod besingt. Ebenso lichtundurchlässig fotografiert wie halbnah (und unnahbar) geschnitten, geht es um die lebenserhaltenden und nicht zuletzt lebensvernichtenden Dinge fundamentaler Zwischenmenschlichkeit, um Betrug und Manipulation angesichts der universellen Verlockung des Geldes, obendrein um arglistige Tarnungen und niederträchtige Täuschungen aus Schein- und Hassliebe. Kirk Douglas, Jane Greer und vor allem die bisweilen verschenkte, dennoch wunderschön kopfdurchsetzende Rhonda Fleming spielen in ausgezeichneter Haltung ein diabolisches Dreieck, damit die Vergangenheit eines Mannes (Mitchum) um keinen Preis in Sicherheit ruht. Jacques Tourneur manövriert dieses Dreieck in den einzig möglichen Winkel, der für das Böse und das Böse möglich scheint – in den toten. Ein taubstummer Junge beantwortet die Frage, ob sich Jeff für die ehemalige Geliebte, also für das Böse, entschieden hätte, mit einem Kopfnicken.

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