Es gibt zwei Arten von Schauspielern: die Träumer und die Arbeiter. Die Träumer lieben die Maskerade, stülpen sie über ihr eigenes unsicheres Ich und verleiben sich ihre Rolle ein, bis ihr wahrer Charakter unter dicken Pinselstrichen des Fiktiven verborgen liegt. Nicht selten experimentieren sie jedoch mehr, als es ihrem Gesamtwerk dienlich wäre. Sean Penn beispielsweise gehört dieser Garde an. Einer Garde, in der Talent von moralischen Idealen untergraben wird. Matt Damon allerdings, das ist ein Arbeiter. Denn sein Facettenreichtum liegt nicht in seinem Schauspiel, sondern lediglich in der Wahl seiner Projekte begründet, die zwischen Idolen („Bourne“-Reihe, „Der Soldat James Ryan“) auch Autoritäten einschleusen („Syriana“, „The Green Zone“). Abseits der Leinwand führt er zuverlässig seine politischen Standpunkte aus, welche schließlich als Sprecher der Dokumentation „Inside Job“ über das Finanzdebakel des Jahres 2008 gipfeln. Dieser Matt Damon ist ein Durchschnittbürger: Nicht nur ist er wie du und ich, er schmückt die Banalität dahinter zudem mit einem Funken Ironie. Es fällt schwer, ihn nicht zu mögen.

Auch in seiner mittlerweile dritten Zusammenarbeit mit Regisseur Gus Van Sant stapft sein Charisma in „Promised Land“ durch ein nun ländliches Amerika. Dort mimt er den Protagonisten von Dave Eggers Erzählung: Steve Butler, ein desillusionierter Naturbursche aus Iowa, der einen weiteren Landstrich unter die Fittiche des Erdgaskonzerns „Global“ bringen soll. Soweit, so „Good Will Hunting“. Zu beiden nämlich steuerte Damon einen Teil zum Drehbuch bei (diesmal mit Schauspielkollege John Krasinski statt Ben Affleck), beiden fühlt sich eher Damon als Van Sant persönlich verbunden, beide gehören dem Mainstream und weniger den aufregend experimentellen Filmen Van Sants an und beide sind im Kern doch nur eines: Geschichten einer Erlösung. Fortwährend erzählen sie nämlich von gesitteten Landstreichern in der Prärie Amerikas, den kargen Dörfern unweit der Stadtsiedlungen und von Tante-Emma-Läden, in denen wir nebst Kreuzschlitzschrauben verwaiste Hausfrauen finden.

Gus Van Sant gehört jedoch seit jeher zu einer Generation von Regisseuren, die mit bitterer Miene auf den amerikanischen Traum blicken: In seinem Frühwerk „To Die For“ verführt eine Frau Jugendliche, um ihren Ehemann zu töten, damit der Traum vom Ruhm kein versperrter bleibt; „Last Days“ belebt die fiktionale Darstellung eines Selbstmords, angelehnt an Kurt Cobains letzte Lebenswoche; „Elephant“ wiederum treibt eine Meditation auf das Massaker in Columbine voran; und „Milk“ handelt gleich von dem politischen Pioneer der Schwulenbewegung, Harvey Milk. Der angenehm zurückhaltende und portioniert warmherzige Steve Butler jedoch tritt in der Provinz Pennsylvanias in die Schlaglöcher des menschlichen Naturells, wo der Anzug durch ein Flanellhemd und das amerikanische Urverständnis der jederzeit zu verwirklichenden Träume durch schlichten Überlebenstrieb ersetzt werden. In eine Maskerade schlüpft er, bestellt mit Partnerin Sue Thomason (Frances McDormand) einen unauffälligen Karren, um den alsbald wenig ahnungslosen Siedlern der Ländereien die frohe Kunde der Lüge und den Millionen unter ihren Arbeitsstiefeln zu verbreiten.

Sogar eine Romanze mit der Lehrerin Alice (Rosemarie DeWitt) und eine vermeintlich bleibende mit dem Inhaber des Baumarkts, Rob (Titus Welliver), inkludiert Van Sant, welche der Debatte um Bohrrechte ein menschelndes Element aufsetzen, in dieser doch ziemlich offensichtlich gestrickten Farce des Mitgefühls mit dem eigentlichen Bösen. Butler ist kein wahrer Gläubiger, doch jemand, der sein Leben einer Freud’schen Reaktionsbildung unterwirft. Allein deswegen diskutiert er effektiv: Weil er darin die einzige Möglichkeit für Kleinbauern zu sehen glaubt, sich der Zukunft anzunehmen; weil keine Wahl besteht, außer sich der Gewinnerseite anzuschließen. Somit gibt zunächst er nach – mit Elan. Seine Verkleidung und die prägnante Heimeligkeit, die Zugehörigkeit im doch Fremden kreieren ein Spiegelbild der im Landesinneren arbeitenden „Künstler“. Gleiches gilt für die alleinerziehende Mutter Sue, welche ihren Sohn mittels Skype aufwachsen sieht, während sie um eine Lösung im Unlösbaren ringt. Die „Mission“ nimmt sie weniger gefangen, aber ohnehin blickt sie nur über die Tische in Gesichter verzweifelter Landwirte. Besser der Hammer sein als der Nagel.

Der schlaftrunkene Schaum an der Oberfläche hält „Promised Land“ allerdings von einer subtil gezielten Exkursion in die wirklichen Spannungen um das Thema Fracking ab und drangsaliert das amerikanische Hinterland lieber mittels permanent wehender Sternenbanner. Fern einer Diskussion oder einer zumindest annähernd differenzierten Grundlage kollidieren lediglich die vermeintlichen Extremisten untereinander und weniger die Landinhaber. Das wirklich Menschliche – der Gedanke vom möglichen Ruin, der die Bauern umgibt und in Entscheidungen wirft, die nicht ihre eigenen sind – gerät ins Hintertreffen, er schwindet in der drögen und entsättigten Farbskala Van Sants und dem breiigen Drehbuch. Denn der Gutmensch wagt das Gewand eines Mephistos nicht, sondern flüchtet gen Finale in seine eigene Irreführung. Obgleich er in dieser höchst sympathisch ist.

Am Ende spielt das gesichtslose Unternehmen mit der Integrität des Antihelden. Und er spielt mit …  bis zu einem Punkt. Wir alle bezahlen und wir alle gewinnen. Wen kümmert es? Steve Butler. Eine einzige Schönheit liegt in Gus Van Sants „Promised Land“, indem er nicht zwingend von Fracking handelt, nicht von Erdgas, nicht von Hoffnungslosigkeit, sondern der Macht hinter guten Menschen das Böse zu suchen, aus guten wie schlechten Gründen. Denn in Steve Butler strahlt die Wahrheit hinter dem Scheinbegriff Fracking: Wir mögen bezahlt werden, doch bezahlen mit unserem Grund und Erbe. Es ist unsere eigene falsche Entscheidung.

Meinungen

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