Aus hiesigen Landen kommt manch unterschätzter Veteran nur selten zu Ehren. Deshalb widmen wir uns dem Werk von Hans W. Geißendörfer in einer Retrospektive voller Filmschätze. Einer davon heißt „Die Eltern“ und wurde uns von der Geißendörfer Film- und Fernsehproduktion freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

In Hans W. Geißendörfers Filmen steht zu gewissen Teilen immer die Familie im Mittelpunkt. Schließlich ist sie eine bewährte Einheit, um Reibung zu üben und wo sich Individuen zur Gemeinschaft gedrängt fühlen. Das thematische Mittel der Isolation wurde im Werk des Regisseurs oft erwähnt – und nirgends beweist sich dieses effektiver als im Konzept der Verwandtschaft. Ein bezeichnender Eintrag in die Filmografie Geißendörfers findet sich auch in „Die Eltern“. Dieser schneidet sich nach dem Märchen vom „Delfin und der Muschel“ schnell in eine prekäre Lage hinein, bei der die kleine Ann (Anne Bennent) vor dem brennenden Wrack des Autos ihrer Eltern aufwacht. Sie gerät in die Obhut von Tante Babette (Barbara Rütting) und Onkel Ronny (Henri Serre), doch sind diese nicht auf die Traumata Anns vorbereitet. Sie glaubt nämlich, ihre Eltern jenseits des Grabes zu sehen; lässt keinen an sich heran und niemanden etwas aus dem Besitz der Verstorbenen in der heimatlichen Villa benutzen. Das erinnert nicht von ungefähr an jene Widerstände der kleinen Nesi in Theodor Storms „Viola Tricolor“ – doch in diesem Fall sind die Ersatzeltern wahrlich kein angenehmer Umgang.

Babette überkommt nämlich schon der Schrecken bei einem Haufen Ameisen, die der verstorbene Herr Vater in die Alkoholreserven verstaute, damit sie niemand anrührt. Und obwohl sie versucht, das Kind als Teil der Familie zu sehen und liebevoll zu sein, sind ihre Nerven letztendlich nicht dafür gerüstet. Ganz anders dagegen, aber auch nicht besser, übt sich Ronny in Kälte und Kultur im Rüschenhemd, kommt öfters selbstgefällig hinter dem roten Vorhang im Spielzimmer hervor und beachtet Ann im Verlauf des Films scheinbar so wenig wie möglich. An Beiden lässt sich eine gehörige Portion Filmmensch sowie Melodramatik finden, wie es dem Werk aber auch gerecht wird, das gerne einige stilistische Überspitzungen in Kauf nimmt, während es diese gleichsam in ein behutsames Psychogramm eines kleinen Mädchens erdet. Geißendörfer schaut mit Kinderaugen auf undurchschaubare Motive, fordernde und überforderte Erwachsene sowie Eindrücke jenseits aller Erklärungen, bei denen die Ungewissheiten teils unheimliche Auswüchse erreichen. Zeitweise gilt für Ann aber auch der Rückzug zur Einsamkeit, auf den Taubenschlag im Dachboden oder in die umliegende Natur und bloße Erkundung des Hauses.

Die Atmosphäre bietet hier famose und konkrete Bilder, die aber stets Gefühle der Befremdlichkeit und Melancholie auslösen und dies nicht zuletzt in den Augen von Anne Bennent ausdrücken. Stellvertretend für das Mitgefühl des Zuschauers mimt sodann der Onkel väterlicherseits, Michael (Heinz Bennent, Vater von Anne Bennent), der schon länger als unliebsames Anhängsel der Familie behandelt wird, doch fernab allen Leistungszwangs der Ersatzeltern wirklich zu verstehen und kommunizieren versucht, was in Ann vorgeht. Das ist auch nicht einfach, aber zumindest eine Form der Sorge in jener patriarchalischen Disharmonie, welche zudem vom erdrückenden Gewicht des Hauses und seiner zusammengerückten Bewohner an die Grenzen getrieben wird. Der Rhythmus von Geißendörfers Film könnte unter heutigen Gesichtspunkten ebenso disharmonisch erscheinen, keine gängigen Formeln verfolgen oder sich mit leicht identifizierbaren Figurenzeichnungen begnügen.

Umso eher erliegt man jedoch dem Reiz eines komplexen Netzwerkes an psychologischer Ambivalenz. Zwischen kindlicher Unschuld, häuslichen Mysterien und Eskalationen bietet diese Wundertüte von Film zudem reichlich inszenatorische Konzentration – erneut getragen von Kameramann Robby Müller und der Musik Eugen Thomass’ als überzeugende Veräußerlichung eines alle betreffenden Traumas. Das vereint Herz und Schönheit, aber auch Wahnsinn und Schock in sich. Wenn man dann noch das unglaubliche Finale erlebt, wird eines vollends gewiss: Geißendörfer ist nochmals über seine bisherigen Werke hinausgewachsen und dennoch treu geblieben. Hier spielt er den Nukleus seiner Charakterstärken und besten Themen aus und bietet eine aufregende Vorschau auf jene nachfolgenden Werke, die in dieser Tradition noch weitere Höhen und Emotionen anschlagen werden. Ein maßgeblicher Film, nicht nur im Schaffen seines Regisseurs!

Meinungen

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