Steve Jobs: Kasper, Prolet, Genius. „Steve Jobs“: Manifest, Rührstück, Operette. Die Person, sie, und das Produkt, es. Willkommen bei Danny Boyle und Aaron Sorkin, willkommen im Tollhaus und postnatalen Appleblues. Dieser Film ist ein Steak, und dieser Film ist mit Messer und Gabel zu genießen – während die Seiten stechen und der Atem rasselt, das Herz pocht und die Pepsi zur Neige geht. Doch eigentlich ist dieser Film ein Feuerball, in Form eines klassischen Dreiakters, mit Theater in den Blutbahnen und Konfrontation in den Synopsen, hölzern, kalkuliert, pointiert. Eine Tortur, nicht interessiert an Fakten, Wahrheiten oder Botschaften, ausschließlich epochal, natürlich epochenübergreifend. Sie beginnt in einer Garage, aber es beginnt mit einem Lächeln. Beide beginnen in einem Orchestergraben, Daniel Pemberton wärmt seine immateriellen Musiker auf, derweil sich Steve und Steve balgen, und der Zuschauer als Voyeur in einer Ecke kauert, ob Rot oder Blau, egal. Wenn Steve Jobs stoppt, geht ein Licht an; wenn „Steve Jobs“ stoppt, rülpsen Texttafeln. Dann alles noch mal, Russisch Roulette auf Zelluloid, als zylindrischer Hohlkörper um ein Subjekt, das Objekt ist.

Die Ménage-à-trois formt sich aus Macintosh, NeXTcube und iMac – aber ihr Interesse gilt: Steve Jobs gegen Steve Wozniak, Steve Jobs gegen Lisa Brennan, Steve Jobs gegen Joanna Hoffman, Steve Jobs gegen John Sculley. Der eine ist da, der andere kehrt wieder, darauf ist Verlass. Jene Assemblage liefert sich einer Struktur aus, die ihren Selbstzweck bis zur Absurdität konterkariert. Gleichwohl funktioniert Aaron Sorkins Drehbuchkomposition exakt deswegen – weil ihr an einem fiktionalen Motor liegt, den es zu übertakten gilt. Steve Jobs? Nur ein Name. „Steve Jobs“? Nur ein Titel. Die Person und das Produkt, irrelevant. Allein der Kosmos zählt, in dem theoretische wie praktische Sprengsel brillant koordiniert werden, um eine Figur zu personifizieren, die bekannter ist als das Evangelium. Aber natürlich ist sie dies nicht, oder zumindest nicht hinlänglich, obwohl Joshua Michael Sterns „Jobs“ einst 2013 darüber stolperte. Steve Jobs, der messianische Guru für die Informatikhallodris dieser Welt, outet sich unter Michael Fassbenders Sorkinismen als Brachialrhetoriker und soziopathischer Konformist, permanent über seine Mitmenschen turnend, ein hagerer Egozentriker mit Kalkül und Diskette, außerstande, eine einzige Zeile zu programmieren.

Dazwischen zündet Regisseur Danny Boyle visuelle Sperenzien, zitiert Bob Dylan auf dem Boden und projiziert Skylab, die abstürzende Weltraumstation der NASA, an die Wand. Ansonsten: Zurückhaltung, Understatement. Einmal 1984, 16 mm, Synthesizer, College; einmal 1988, 35 mm, Klassik, Oper; einmal 1998, High Definition, Elektro, Konzertsaal. Mehr nicht. Keine Bio- oder Hagiografie, sondern ein hermetisches System, das Jobs zwar als Zyniker porträtiert und seine Waffe, das Wort, à la Shakespeare für Phobiker, drangsaliert, sich nicht aber beugt, weder existenzielle Antworten liefert noch Visionen preist. Dennoch, das Worksheet rotiert – es ist fürwahr ein Produkt eines Subjekts, das nicht als Subjekt taugt und am Ende dennoch Subjekt sein muss, inklusive Läuterung im Angesicht seiner Tochter. Die Blinden, leider, werden nach „Steve Jobs“ noch immer nicht sehen können. Und das ist – neben den katastrophalen Einspielergebnissen – die Tragödie eines Films, der viel über die Faszinosa unserer Zeit zu berichten weiß. Nur kaum etwas über seine titelgebende Ikone.

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