Offenbar ist vielerorts Durchhalten angesagt. Zwei Monate trennen uns noch vom Jahre 2016, das sicherlich einige Überraschungen und Schönheiten zusammen kocht, mit denen wir in Kürze vielleicht auch spielen dürfen. Solange stecken wir aber noch in der Warteschleife und können nur hoffen, dass sich nebenbei gegebenenfalls etwas verändert. Der Ansporn dazu, es selbst zu versuchen, ist hingegen erschlagen von Millionen Laubblättern, die am Weg herumliegen und immer wieder zu bereits erkannten Schlussfolgerungen führen. Kein Wunder, dass bald der Winterschlaf vollzogen wird, so wie sich die müden Knochen übereinanderstapeln und höchstens noch als Kostüm zu Halloween aufraffen. Völlig aus den Augen gerät dabei, wie wenig am Ende hängen bleibt, wie viel am Boden zerschellt und lediglich ein Abbild dessen, was Menschen leisten könnten, mit Anwesenheit glänzt. Eine Renovierung ist von Nöten, also her mit einem neuen Narrativ! Die Vorbereitungszeit ist angeschlagen und sollte neue Impulse hervorbringen, damit es sich aus der Misere der Endstufe eines jeden Jahres herausschießen lässt.

Die Filme im November

Alle wollen zu den Sternen fliegen, überlassen sich allerdings einer Wartezeit, die unnötig auf alten Idealen hockt oder andere dafür vergisst. So kommt es, dass wir diesen Monat den vielleicht letzten Animationsfilm der Kreativitätsquelle Studio Ghibli auf der Leinwand erleben dürfen, während ein James Bond denselben Martini zum vierundzwanzigsten Mal durchschüttelt. Am Ende thront so oder so noch der Sternenkrieg und wie dieser Altes und Neues in sich verknüpft. In der Zwischenzeit wollen wir mit unseren fünf nach Kinostart sortierten Empfehlungen dieses Monats zum Umdenken bewegen, wie man zumindest per Leinwand aus diesem Trott und anderen kommt. So gilt es unter anderem, die Scheußlichkeit aus der Selbstgefälligkeit herauszukitzeln, Erinnerungen an wahre Güte zu erwecken, Innovationen für die Nachwelt zu erschaffen und Geschenke der Reflexion anzubieten. Alles keine leichten Geschichten, aber auch keine voller unmöglicher Ziele. Bloß nicht faul werden auf den letzten Metern des Jahres 2015! Wer die Zukunft genießen will, darf sich nicht nur auf Marty McFly und Doc Brown verlassen.

El Club

Kinostart: 5. November. Regie: Pablo Larraín.

Szene aus „El Club“ © Piffl Medien GmbH

Szene aus „El Club“ © Piffl Medien GmbH

Selten finden Werke ihren Weg auf die Leinwand, bei denen einem durch bloße Wörter schlecht wird. Jedoch nicht im Sinne von Hohn und Ekel – sondern im Sinne eines Gefühls, das jenseits des gängigen Horrors Angst macht. „El Club“ schafft dies ausgerechnet, indem er kontinuierlich die Wahrheit verdrängt, indem sich seine Figuren ihrer Schuld und ihrem Eingeständnis verweigern. Regisseur und Koautor Pablo Larraín ballt dabei eine Gruppe Priester in einem Dorf nahe der Nordküste Chiles zusammen, die allesamt aus ihren Gemeinden verbannt wurden, da sie Kinder missbraucht haben und nun abgeschottet vom Rest der Gemeinschaft leben müssen. Nun ruht hier gewiss eine an sich schwierige Thematik, die sich kritisch mit der reellen Methodik des Todschweigens in religiösen Gemeinschaften auseinandersetzt. Jedoch verlässt sich der Film nicht darauf, ideologische Wut einzunehmen und von dort aus kathartischen Gelüsten und Genremustern nachzugeben. Genauso wenig jedoch überlässt er den Konflikt der bloßen Theorie. Wer jedoch auf eine derart ungemütliche wie lohnende Erfahrung Wert legt, erlebt hier eine Passion von Film, die kaum angemessener inszeniert werden könnte.

Erinnerungen an Marnie

Kinostart: 12. November. Regie: Hiromasa Yonebayashi.

Szene aus „Erinnerungen an Marnie“ © Gkids

Szene aus „Erinnerungen an Marnie“ © Gkids

Erinnerungen an Marnie“ zeichnet sich exakt durch das aus, was Ghibli über lange Zeit erfolgreich gemacht hat: einen wunderschönen Animationsstil, eine charmante Geschichte, tolle Musik und hervorragend ausgearbeitete Charaktere. Wieder einmal sind es starke weibliche Charaktere, die den Film auf unnachahmliche Art und Weise tragen. Der Film erinnert dabei an Yonebayashis Debüt „Arriety – Die wundersame Welt der Borger“ aus dem Jahr 2010. Auch dort ging es um ein krankes Kind, das sich in einer neuen Umgebung zurechtfinden muss und Freundschaft mit einer außergewöhnlichen Person schließt. Anders als in vielen herkömmlichen Animationsfilmen hat der Film ein ausgesprochen ruhiges Tempo – ein Unwetter bildet bereits den Höhepunkt in Sachen Action. Stattdessen geht es wie in beinahe allen Ghibli-Filmen um zwischenmenschliche Beziehungen, welche durch Charaktere getragen werden, die man schon nach wenigen Minuten ins Herz geschlossen hat. Dass der Film mit fortlaufender Spielzeit ein wenig vorhersehbar ist, stört nicht im Geringsten – es ist hingegen sogar schön, sich bei Ghibli wieder einmal in Sicherheit wiegen zu können.

Steve Jobs

Kinostart: 12. November. Regie: Danny Boyle.

Szene aus „Steve Jobs“ © Universal Pictures International Germany GmbH

Szene aus „Steve Jobs“ © Universal Pictures International Germany GmbH

Steve Jobs: Kasper, Prolet, Genius. „Steve Jobs“: Manifest, Rührstück, Operette. Die Person, sie, und das Produkt, es. Willkommen bei Danny Boyle und Aaron Sorkin, willkommen im Tollhaus und postnatalen Appleblues. Dieser Film ist ein Steak, und dieser Film ist mit Messer und Gabel zu genießen – während die Seiten stechen und der Atem rasselt, das Herz pocht und die Pepsi zur Neige geht. Doch eigentlich ist er ein Feuerball, in Form eines klassischen Dreiakters, mit Theater in den Blutbahnen und Konfrontation in den Synopsen, hölzern, kalkuliert, pointiert. Eine Tortur, nicht interessiert an Fakten, Wahrheiten oder Botschaften, ausschließlich epochal, natürlich epochenübergreifend. Sie beginnt in einer Garage, aber es beginnt mit einem Lächeln. Beide beginnen in einem Orchestergraben, Daniel Pemberton wärmt seine immateriellen Musiker auf, derweil sich Steve und Steve balgen, und der Zuschauer als Voyeur in einer Ecke kauert, ob Rot oder Blau, egal. Wenn Steve Jobs stoppt, geht ein Licht an; wenn „Steve Jobs“ stoppt, rülpsen Texttafeln. Dann alles noch mal, Russisch Roulette auf Zelluloid, als zylindrischer Hohlkörper um ein Subjekt, das Objekt ist.

Familienbande

Kinostart: 19. November. Regie: Mark Noonan.

Szene aus „Familienbande“ © Pandora Filmverleih

Szene aus „Familienbande“ © Pandora Filmverleih

Der Durchbruch ließ bei Aidan Gillen auf sich warten. Lange Zeit wurden ihm eher nebensächliche Rollen zugestanden, bis er sich mit der Figur des Petyr Baelish in „Game of Thrones“ größere Bekanntheit verschaffen konnte. Mit „Familienbande“, oder dem treffenderen Originaltitel „You’re Ugly Too“, der auf die vielen Sticheleien zwischen der kecken Nichte und ihrem Onkel angespielt, stellt er seine Wandlungsfähigkeit unter Beweis und streift sich in glaubhafter Manier das Gesicht eines vom Leben gebeutelten Ex-Sträflings über. Einfühlsam wird die schwierige Annäherung der beiden beschrieben. Kleine Highlights sind hierbei die gewitzten Wortduelle, die sich Gillen und sein freches Mündel liefern und die dem Drama, welches sich handlungstechnisch in eher konventionellen Mustern bewegt, eine wunderbar verspielte Note aufdrücken. Trotz der trübseligen Hintergrundkulisse Irlands und dem kontinuierlich verschleiernden Regenwetter ist es den tollen Dialogen als auch dem unterschwelligen, wortlosen Verständnis der beiden charismatischen Hauptdarsteller geschuldet, dass „Familienbande“ als kleine, aber feine, beschwingte und sehr liebevoll arrangierte Dramödie heraussticht, die man nur allzu gern ins Herz schließt.

The Gift

Kinostart: 26. November. Regie: Joel Edgerton.

Szene aus „The Gift“ © Paramount Pictures Germany GmbH

Szene aus „The Gift“ © Paramount Pictures Germany GmbH

Ein Geschenk zu überreichen, ist eine Sache. Etwas Besonderes entsteht allerdings erst durch die Verpackung – die zusätzliche Mühe, welche Persönlichkeit, Freundschaft, sogar Liebe ausstrahlt. Diese Aufmerksamkeit biegt das Gewöhnliche zum Außergewöhnlichen und ist auch in der Welt des Kinos ein Faktor, der ein Genre um neue Aspekte bereichern kann. Das australische Multitalent Joel Edgerton beweist dies mit seinem Spielfilmdebüt als Regisseur, „The Gift“, dem zudem ein Drehbuch seiner selbst zugrunde liegt. Sein Thriller bietet aber nicht nur eine frische, stilistische Oberfläche, da seine Inszenierung reichlich Kalkül aus der Materie eliminiert. Kompakt zeichnet er das Pärchen in seiner neuen Behausung, Simon (Jason Bateman) und Robyn (Rebecca Hall), das einerseits durch einen natürlichen Alltagsdialog besticht und seine Charakteristika kontinuierlich offenbart, ohne dabei plakativ oder im Gegenzug kryptisch zu wirken. Edgerton hält eine Balance, die sich Subtilitäten erlaubt und dennoch zum Miträtseln einlädt – schließlich ist sein Werk keines, das mit schnell identifizierbaren Rollenmodellen einen Kampf ums bloße Überleben entwirft.

Weitere Starts im November

Ebenso in den hiesigen Lichtspielhäusern laufen an: „Spectre“ am 5. November; „Alki Alki“, „Eisenstein in Guanajuato“ und „Irrational Man“ am 12.; „The Diary of a Teenage Girl“, „Ich und Earl und das Mädchen“, „Mia Madre“, „Stonewall“ und „Die Tribute von Panem – Mockingjay Teil 2“ am 19. November; „Arlo & Spot“, „Bridge of Spies“, „Ewige Jugend“ und „Love“ (Pro und Contra) am 26. November.

Für alle, die sich ihre Hintern lieber oder vorrangig auf der heimischen Couch platt drücken, gibt es: „City of McFarland“ und „Demonic“ ab 5., „Minions“ und „Streif – One Hell of a Ride“ ab 12. November, „Das Zimmermädchen Lynn“ und „Turbo Kid“ ab 13., „Am grünen Rand der Welt“ und „Terminator – Genisys“ ab 19., „Duff – Hast du keine, bist du eine“, „Escobar – Paradise Lost“, „Für immer Adaline“, „Ruined Heart“ und „Victoria“ ab 20., „Freistatt“ ab 24., „Die abhandene Welt“, „Die Liebe seines Lebens“ und „Manglehorn“ ab 26., „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ und „It Follows“ ab 27. sowie „Reality“ ab 30. November.

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Kinostart: 27.07.2017

Django

Étienne Comars Debüt eröffnet mit einem Porträt über Django Reinhardt die 67. Berlinale.

Kinostart: 06.04.2017

Tiger Girl

Jakob Lass’ dritter Langfilm zeigt erneut befreites, deutsches Kino basierend auf einem Skelettbuch.

Kinostart: 09.03.2017

Wilde Maus

Josef Haders Debüt als Regisseur ist ein harmloser Film über Kommunikation und Schnee.

Kinostart: 16.02.2017

Elle

Paul Verhoeven kehrt zum Wechselspiel der Moral in der humanistischen Rücksichtslosigkeit zurück.

Mr. Long

Sabu, Japan (2017)

Zerbrochene Leben und einstürzende Neubauten: In seiner neunten Berlinale-Teilnahme schickt Sabu Rindersuppen in den Wettbewerb.

Wilde Maus

Josef Hader, Österreich (2017)

Selbstmord durch gefrorenes Wasser: Josef Haders Debüt als Regisseur ist ein harmloser Film über Kommunikation und Schnee.

Occidental

Neïl Beloufa, Frankreich (2017)

Italiener trinken keine Cola! Neïl Beloufa verzettelt sich in seinem chaotisch-absurden Kammerspiel-Debüt.

Tiger Girl

Jakob Lass, Deutschland (2017)

Freiheit durch Reduktion: Jakob Lass’ dritter Langfilm zeigt erneut befreites, deutsches Kino basierend auf einem Skelettbuch.