Egal, wie lange man Woody Allen aus dem Weg geht: Kehrt man wieder zurück, scheint alles beim Alten. Sein konsistenter, regelmäßiger Produktionsrhythmus ist seine größte Stärke, da er seine Themenfelder in bewährter Tradition wiederholt. Diese mögen nur bedingt sein – doch „Irrational Man“ beweist zumindest, dass er noch Kurzweile zaubern kann, obwohl die Stärke seines Films womöglich nur ein Echo vergangener Abenteuer ist. Auch hier steht anfangs die Beziehung zwischen Intellektuellen im Fokus, die sich (wahrscheinlich dem Realitätsverständnis Allens geschuldet) zwischen dem frustrierten Autor und Tutor Abe Lucas (Joaquin Phoenix mit Hängebauch) und seiner schwärmerischen Schülerin Jill (Emma Stone) abspielt. Zwar beherrscht Abe seine Verbal masturbation, kommt entgegen seiner literarisch philosophischen Versiertheit aber nicht dazu, eigene Arbeiten zu bewerkstelligen oder dem Alkohol abzuschwören, weshalb nicht einmal Sex mit angehenden Musen zustande kommt. Intellekt kann einen attraktiv machen, aber noch lange nicht zum Lustmolch umfunktionieren.

Aus diesen künstlerischen First world problems zu entkommen, ist unmöglich; die Sinnkrise bis hin zur Todessehnsucht unausweichlich. Durch einen Zufall hört Abe jedoch einem Unrecht zu, dem sich eine ihm unbekannte Person ausgesetzt sieht. Fortan setzt er es sich in den Kopf, wie es wohl wäre, das perfekte Verbrechen zu begehen, um das Leben jener Problembehafteten zu erleichtern. Und da geschieht es: Die kreativen Säfte laufen wieder auf Hochtouren und Liebe und Leidenschaft erblühen, während die moralische Frage um Schuld und Überlegenheit die Runde in der Planung und Ausführung einer mörderischen Tat macht. Regisseur und Autor Allen setzt diese Konflikte wie gewohnt in einen leichtfüßigen Rahmen mit Jazz der Marke Easy Listening, kreiert stilsichere Konversationen mit neurotischem Flair, welche sich im oberen Mittelstand mit Beobachtungen und Einsilbern über Dostojewski („He got it!“) bis Heidegger und dem Faschismus begnügen, um daraus ein sonniges Krimilustspiel über die empathische Einmischung zu entwickeln. Wobei der Begriff der Empathie hier mit Vorsicht genossen werden muss.

Die Selbstgefälligkeit von Allens Alter Egos übt sich nämlich mehr in der Theorie des Menschlichen, als es in der Praxis ersichtlich wird. Die Tat auszuführen und im Nachhinein zu ihr zu stehen, wird zum spielerischen Geheimnis umfunktioniert, dem eine moralische Ambivalenz innewohnt, obgleich sich Allen seine Protagonisten durchwegs aneignet. Dessen rhetorischer Zynismus in der Testphase menschlichen Verhaltens zeugt allerdings von oberflächlicher Funktion. Die Vermeidung von Bezug und Spannung passiert nicht bloß in der Fixierung auf die Komödie, sondern ebenso im Dauereinsatz erklärender Dialoge und Voice-over aus zweierlei Perspektiven. Das ist als Erzählart kein Unding, wenn denn die Bildebene nicht schon alles Wichtige vermitteln würde, ohne ein Wort sprechen zu müssen. Durch die mehrfache Nennung auf den jeweiligen Ebenen entsteht zwangsläufig Redundanz, aus dem lückenlosen Geltungs- und Mitteilungsdrang der Figuren ein Mangel an offener Interpretation, der zudem mit simplen Phrasen à la „He is so complicated but also brilliant“ Klischees des Opus Woody forciert, ohne diese subversiv zu brechen.

Jeder Regisseur hat seine Eigenarten – in diesem Fall jedoch wünscht man sich, dass das Medium Film weiter ausgereizt worden wäre. Einem Kameramann wie Darius Khondji ist jedenfalls mehr zuzutrauen als ein schöner Jahrmarkt mit Spiegelkabinett. Ansonsten besitzt die Verknüpfung von Ensemble und Ereignissen unbeschwerten Esprit, das moralische Tauziehen Gesprächsstoff. Dennoch verlässt man den Film mit einem Gefühl der Teilnahmslosigkeit, da das Menschliche eher im Rechtfertigungszwang aufgeht und sich für einen gehobenen Umgangston vom Praktischen abkoppelt, das sträflich unterrepräsentiert scheint. Einen gewissen Charme muss man der Irrationalität zugestehen, wenn sie sich denn blicken lässt. Doch es wird auf Sicherheit gesetzt – sowohl auf jene, die erwartbare Qualität verspricht, als auch auf jene, die Qualitäten über die einmalige Sichtung verdrängt.

Meinungen

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