So sieht er wohl aus, der Albtraum des Lebens, in dem sich das immer gleich gefärbte Herbstlaub in Bächen von den Bäumen stürzt und der Selbstmord vielleicht die beste Metapher des Alltags bildet: auf einer Parkbank – in der ironischen Stille der Einsamkeit, der geschundenen und weinenden Herzen.

Woody Allens wahrer Film, „Manhattan“ (1979) – eine einzige Anekdote an New York – ist die cineastische Zerstörung der Midlife-Crisis, ein Wort, das in den 70ern erst seine Bedeutung fand und inmitten Allens zynischer Wortfrickel der Depression schon ein nostalgisches Kleid suchte. Damals, könnte man auch sagen, damals war das Kinopublikum vor dumpfem Humor gefeit, sehnte die Dunkelheit des Saales als Flucht herbei und öffnete sich der Schwarzweißfotografie; damals inszenierte Film Wirklichkeit. Egal wie sehr es auch platonisches Ideal war – schließlich neigte die filmische Realität immer zur Überheblichkeit, zur Selbstbezüglichkeit des Mediums, die aus Fantasien unzähliger Visionäre zuvor zusammengepanscht wurde –, wir liebten, was wir sahen. The good ol’ times.

Allein die paar Momente der Nostalgie stiehlt uns nun Frances Halliday (Greta Gerwig), diese überschwänglich hüpfende, unentwegt kreisende, im Spaß kämpfende und bisweilen in wirren Tanzschritten stolpernde Heldin und Titelgeberin von Noah Baumbachs Liebeserklärung an den Unfall Leben in „Frances Ha“. Die Nostalgie stiehlt sie uns, und färbt gleichzeitig die schwarzweiß abbröselnde Fassade in knallige Albernheit. Doch eigentlich ist es eine Geschichte der Freundschaft zwischen Frances und ihrer Freundin Sophie (Mickey Sumner), nicht fern vom romantischen Gezeter einer ewigen Affäre, die jedwede Beziehung einer Frau mit einem Mann verdrängt. Eines Abends sitzen beide nah beieinander und Frances bittet Sophie: „Erzähl mir unsere Geschichte.“ „Was, noch mal?“ Ein Nicken genügt, der Tanz beginnt: Frances wandelt durch Beziehungen, Wohnungen und Apartments, um in dem Irrgarten New York City stellvertretend für die gestaltlose Gruppe junger Singles von 22 bis 30 dem Schwebezustand zwischen College und eigens gegründeter Familie zu entgehen.

I catch a paper boy
But things don’t really change
I’m standing in the wind
But I never wave bye-bye

David Bowie: „Modern Love“ (aus dem Album „Let’s Dance“)

Es ist weniger Komödie, als tatsächlich: Alltag. Das rohe, ungezähmte Leben inklusive der Suche nach dem Selbst, aber dennoch beseelt von dem Esprit dieser Frances. Immerhin schwebt sie gleich einer Amazone der Großstadt durch die Segmente, jedes nicht wie häufig mit einem Datum, sondern einer neuen Adresse unterlegt. Als mal wieder das Geld für die Miete fehlt, verschlägt es sie für einige Sommermonate an ihre Alma Mater, Vassar, ein weiterer Rückzug bringt sie nach Sacramento, in das Haus ihrer Eltern. Auch wenn sie es selbst behauptet: Arm ist sie keineswegs, denn ihr Platz ist nicht der ganz unten auf der wirtschaftlichen Leiter. Eher etabliert sie sich als leicht angespannte Boheme des Mittelstandes, mit ihrer Reihe gut betuchter Freunde und Verwandter.

Eine Spritztour nach Paris beleuchtet dann gleich eines präzisen Messinstruments die Ambivalenz des Films: Wie kann jemand, der kaum die Miete bezahlen kann, sich einen Kurzurlaub in Paris leisten? Nun, sie kann es nicht. Belastet wird einfach die Kreditkarte, die sie erst kurz zuvor zugeschickt bekam. Wen sie dort kennt? Keine Menschenseele, der einzige Freund beantwortet ihre Anrufe nicht. Wie sie sich fühlt? Leicht enttäuscht, einsam, traurig. Obwohl es den Anschein hat, ist es keine Katastrophe – nur ein Teil des Prozesses. Wesentlich unglücklicher ist Frances später, als sie von Sophies Verlobung mit Patch (Patrick Heusinger) hört, einem Händler bei Goldman Sachs, und deren Umzug nach Japan; doch Sophie lässt Frances nie im Stich, heiratet weder ihren Verlobten, noch bleibt sie im fernen Osten.

Es stellt sich die Frage: Wer oder was ist Frances Halliday? Die Antwort drängt durch ihre Darstellerin, Great Gerwig. Nicht nur ihre Leinwandpräsenz, sondern ihre Stimme schon im Drehbuch des Films spürt der unerfüllten Sehnsucht ihrer Figur hinterher, die einer Filmsprache bemühter Hektik ausweicht. Auch da Baumbach (seines Zeichens Liebhaber von Gerwig) schwerlich die Kamera von ihr nehmen kann, atmet „Frances Ha“ scharfsinnig den Geist New Yorks ein und genügt selten einer merkwürdigen Poetisierung des Moments.

Sogar den von Woody Allen lieblich gewonnenen Aspekt der Überromantisierung schlägt Baumbach aus. Denn nicht um die Auf und Abs des Liebeslebens von Frances geht es, nicht um die Abwesenheit eines Freundes. In einem anderen Film wären die vorübergehenden Zimmergenossen Lev (Adam Driver) und Benji (Michael Zegen) zu romantischen Interessen degradiert worden. Doch hier geht es um Freundschaften, Familienbande, Arbeitsbeziehungen und Frances’ Kampf ihr Leben und ihre Karriere mit tippelnden Fehlschritten vom Boden zu sammeln. Letztendlich ist dies nicht der zurückhaltenden Spontaneität eines Allen oder Jean-Luc Godard und all den Abkömmlingen der Nouvelle Vague geschuldet, sondern der Kunst des Noah Baumbach, der das bizarr außerweltliche Gefühl vieler Independent-Produktionen in unfassbares Glück verwandelt. „Frances Ha“ definiert eine Liebe der Neuzeit, ein warmes Techtelmechtel mit den Konventionen des Lebens, die ein Scheitern verbieten, aber doch so sehr anbieten, dass man scheitern muss. Einfach, weil es Spaß macht.

Schließlich trägt die große Greta Gerwig ein seltenes Juwel unter der abgestandenen Fassade des Mumblecore hervor, in dieser sprühenden Parabel einer unsicheren und doch spielerischen Generation, die ihre Zuflucht im Träumen findet. Tatsächlich hypnotisiert „Frances Ha“ durch seinen Charme und eine Protagonistin, die so einzigartig, so wunderbar schillernd mit Fehlern behaftet ist, so bestimmt nach einer Limonade in einem Garten voller Zitronen sucht, dass wir eine kurze Überdosis dieses Lebens teilen möchten. Ein schöneres Vermächtnis als die berühmte Parkbank an der 59. Straße, direkt vor der Queensboro Bridge in Woody Allens „Manhattan“, mag es niemals geben können. Wie sie da beide sitzen – Allen und Diane Keaton –, und die Sonne über dem East River milchig glänzend aufgeht. Und er zu ihr sagt: „I love this city.“ Frances Halliday jedoch würde vielleicht nur sagen: „Ahoi, sexy!“ Dabei wäre es nicht minder großartig.

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