Ein menschliches Skelett schlurft in seinen Schlüsseldienst, wechselt eine Glühbirne, den Rückenbuckel gestreckt, die Finger mit Pflastern fixiert. Mist, wieder durchgebrannt. Ein unmerkliches Fauchen, dann Resignation. Das Leben geht weiter. Immer weiter. Immer weiter für Angelo Manglehorn, einem alten, deprimierten, sehnsüchtigen, geschiedenen Zausel mit schütterem Haar und schütterem Alltag. In den Straßen Texas fällt er jedoch kaum auf, wuchert im Etablissement der Immigranten, Liegengebliebenen und Niedergestreckten. Wie ein Reifen kullert er durch sein Dasein: von der Hitze zerfressen, vom Asphalt abgestoßen. Daher versteckt sich seine einzige Freundin Fanny bisweilen im Schrank, obwohl sie nicht sagen kann, wie sie fortwährend dorthin gelangt. Aber Fanny ist auch eine Katze. Und als diese weiß sie nicht einmal, dass sie einen Schlüssel ihres Herrchen verschluckt hat, der ihr nun schwer im Magen und Angelo schwer im Geldbeutel liegt. Aber darum geht es David Gordon Green in „Manglehorn“ nicht. Nicht um Angelo, nicht um Fanny. Nicht um den schwarzen Polizisten, der am Eingang einer Bank wacht, nicht um den penetranten Pimp dude, gespielt von Indie-Nachtmahr Harmony Korine, der als Tan Man ein Solarium für die männliche Klientel und einige weniger klare Geschäfte leitet. Green geht es um: die Liebe. Und darum, dass ein Mann, wie zerfressen er auch sein mag, an dieser Liebe festhalten darf, bis es keinen Grund mehr gibt, an ihr festzuhalten. Ein wenig wie Robert Redford in „All is Lost“, da beides im Kern Geschichten sind über alte Männer und ihre Sehnsucht nach dem Meer des Vergessens.

Bis zur Katharsis ist es für Angelo allerdings ein uneiniger, schändlicher Weg, der mit Voice-over, schlitternden visuellen Spielereien und uferlosen Nebenschauplätzen bevölkert wird, die allesamt die Titel gebende Figur infrage stellen. Im Grunde scheint es so, als schäme sich Green der Simplizität seines Charakters und müsse mittels Paul Logans Drehbuch einen verheerenden Overflow formieren. Doch wie bereits in „Joe“ versucht er damit nur, einer plausiblen Struktur zu entkommen, welche linear am Rande der Belanglosigkeit taumelt und sich später beschwipst von der eigenen Redundanz in einen Schaukelstuhl zurückzieht. Wenn „Manglehorn“ aber eines ganz gewiss ist dann Al Pacino, der seinen verlotterten Schlosser als einsamen Weirdo mit seltener Subtilität ohne Größenwahn mimt. Dazwischen sogar Szenen, die sich wie Gemälde vom Traum eines versteinerten Pfadfinders entblättern. Einmal sitzt Angelo so mit Fanny auf dem Ast eines Baums, ein anderes Mal spaziert er in Zeitlupe an einem Unfall vorbei, entlang ineinander verkeilter Autos und in alle Himmelsrichtungen zerplatzter Wassermelonensprengsel. Selbst wenn Pacino „Manglehorn“ ist – David Gordon Greens Film gehört allein Fanny, der weißen Perserkatze mit flauem Magen. Auch wenn diese kein Fellknäuel hinauswürgt.

Meinungen

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