„Was ist Filmemachen anderes, als im Dunkeln zu fummeln?“, fragte der amerikanische Regisseur Alexander Payne einmal. Nicht nur deswegen widmete das Filmfest München ihm heuer eine Retrospektive. Und wir nun ebenso.

Die eigene Frau liegt im Sterben, die Sippschaft nervt wegen einer finanziellen Entscheidung, die beiden Töchter gehen auf die Barrikaden. Was tun? Egal! Denn für jene, die aussehen wie George Clooney, können solche Probleme nur Nichtigkeiten sein. Glücklicherweise hat Alexander Payne ein derart gutes Händchen fürs Geschichtenerzählen, dass selbst ein George Clooney menschlich wirken kann. In seinem wunderbaren Drama „The Descendants“ zeigt er den Hollywoodstar von einer anderen Seite: überfordert, traurig, in wenigen Momenten nicht einmal sexy, sondern im Schlabberlook mit Bermudashorts.

Anders als in vielen seichten Komödien, in denen ein dahergelaufener Hallodri Verantwortung für seine Kinder übernehmen soll, zu denen er stets wenig Kontakt hatte, ist „The Descendants“ ein vielschichtiger und stimmiger Film über Probleme und wie man diese lösen kann. Oder eben auch nicht. Payne weiß, dass sich nicht alles lösen lässt und auch nicht alles gut ausgeht. Alles andere als ein Problem stellt hier allerdings Shailene Woodley dar. Die Newcomerin, um die inzwischen das riesige FranchiseDie Bestimmung“ gebaut wurde, feierte mit diesem Werk ihren Durchbruch und spielt einen wunderbaren Konterpart zu Clooneys Matt King. Es ist daher umso schöner zu sehen, wenn sich beide im Verlauf des Films näherkommen, nicht ganz kitsch- und klischeefrei, aber sympathisch.

„The Descendants“ spielt auf Hawaii. Für viele Menschen das absolute Urlaubsparadies – Sommer, Sonne, Palmen, fette, große Menschen, die auf winzigen Gitarren musizieren und dabei fröhlich pfeifen. Aber Matt erzählt gleich zu Beginn des Films, dass es auch dort Probleme gibt: Regen, Sorgen, Arbeitslosigkeit, fette, große Menschen, die zu dicke Finger haben, um auf winzigen Gitarren fröhliche Musik zu spielen. Payne bringt in seinem sechsten Spielfilm Freude und Trauer dicht zusammen und lässt durch seine ruhige Regie beim Zuschauer zwar keine Sicherheit entstehen – aber dieser lässt sich dennoch gerne führen. Und egal, ob es schlecht ausgeht oder sich alles zum Guten wendet: Ein wenig fühlt sich dieser Film schon wie ein Urlaub auf Hawaii an.

Meinungen

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