„Was ist Filmemachen anderes, als im Dunkeln zu fummeln?“, fragte der amerikanische Regisseur Alexander Payne einmal. Nicht nur deswegen widmete das Filmfest München ihm heuer eine Retrospektive. Und wir nun ebenso.

Ein Sprinkler keucht noch Stoß für Stoß Wasser, da dreht Jim McAllister – Ottonormallehrer, Konsensidealist, Schmalspurpragmatiker – schon seine Runden in grauem Jogging. Danach: Dusche im Highschooltrakt, freundliche Miene, Neunzigerjahreanzug, ein voller Kühlschrank in der Personalwohlfühlkammer. McAllister (Matthew Broderick) schnaubt flüchtig, zieht den Abfalleimer heran, kramt schwarzschimmelige Speisen hervor. Das ist Alexander Paynes „Election“! Kurz darauf endet die Idylle des Lehrers für Geschichte und Staatsbürgerkunde, als ihm eine schnaubende, besserwisserische Bestie mit Quadrattisch und Teleskopbeinen begegnet. Der Hass kommt bestimmt; wie die Rache des Hausmeisters. Und die Bestie? Heißt Tracy Flick (Reese Witherspoon): Schülerin, Einzelkind, Sprecherin für alle Angelegenheiten, die einer Sprecherin bedürfen. Tracy ist die holde Königin der Contenance, ein Engel für die Wortfetischisten des pedantischen Lebens, eine Hoffnung Amerikas, die sich selbst salbt und göttlichen Beistand fordert. Ach, Henry David Thoreau zitiert sie auch. Who cares? Tracy cares! Derweil schreien Indianer wie in einem Spaghettiwestern. Und alles quäkt beim Sex: „Fill me up!“

Auch das ist Alexander Paynes „Election“: eine selige, zappelnde, explosive Mauerblümchensatire, die nur bedingt der Institution Highschool folgt. Stattdessen geht es zu wie im Amerikanischen Bürgerkrieg: Nord gegen Süd, Pussy gegen Penis! Die Wahl für das Amt des nächsten Schulsprechers ist hier lediglich ein Macguffin, um den Payne mit geisteskranker Ironie kreist, damit seine Figuren aus dem Startblock knallen, als ob die Formel 1 neuerdings im suburbanen Omaha stattfindet. McAllister, der durchschnittliche Spießbürger; Tracy, die impertinente Know-it-all: Das ist der Kampf, den „Election“ bis zum bitteren Finale ausfechtet. Zuvor breitet Payne mit Koautor Jim Taylor jedoch eine Fabel über den Zorn der Natur aus, die sich erdreistet, zwischen dummen und schlauen Menschen zu differenzieren. Und das nur ihrer Intelligenz wegen? Sagenhaft! Die größte Überraschung aber zeigt sich auch über fünfzehn Jahre später in der konsequenten Tapete, welche Payne mit rohem Kalkül an die Inszenierungswand klatscht. Und in einer Reese Witherspoon, damals putzige dreiundzwanzig Jahre alt, die ihre Tracy Flick mit unverschämter Raffinesse als traurige Homecoming Queen anlegt; immer auf der Suche nach einem Partner, der ihr Streben nach Erfolg nicht als Sucht des Teufels interpretiert.

Oder wie Dave Novotny es auszudrücken pflegt, als er Freund und Kollege Jim McAllister von seinem Techtelmechtel mit Tracy erzählt: „Her pussy gets so wet you can’t believe it!“ Die Seelenverwandtschaft stockt jedoch, da Tracys führsorgliche Mum den Stecker zieht – eine eindeutig zweideutige Postkarte („Maui ist für Liebende“) ist zu viel des Guten. Für Dave ebenso das Ende seiner „Karriere“ als Mathematiklehrer. Tracys Route to Success tut das keinen Abbruch: Wo McAllister sich bei einem fehlgeleiteten Rendezvous einen Bienenstich einfängt, der sein Auge in eine wulstige, platzende Vulkanlandschaft transformiert, bäckt sie vierhundertachtzig Cupcakes mit der Aufschrift „Pick Flick“. Jenes Strebertum kennzeichnet Alexander Paynes Zweitwerk, welches sich nach „Citizen Ruth“ und seinem Abschlussfilm an der UCLA, „The Passion of Martin“, abermals keine banalen Charakterisierungen erlaubt und mit schwarzer, süffisanter Groteske einen intelligenten Unsinn beschwört, der den Teeniekomödien der neunziger Jahre den Stinkefinger zeigt. „Election“ ist mehr als ein brachiales Knallbonbon. Denn Payne wagt unter den Schnittfolgen Kevin Tents ein Voice-over-lastiges Karussell der Eitelkeiten. Der Lehrer ist hier genauso wenig ein Engel wie die Schülerin, die sich unter ihm aufreibt.

Meinungen

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