„Was ist Filmemachen anderes, als im Dunkeln zu fummeln?“, fragte der amerikanische Regisseur Alexander Payne einmal. Nicht nur deswegen widmete das Filmfest München ihm heuer eine Retrospektive. Und wir nun ebenso.

Ach Amerika, was bist du schön! Der Himmel ist blauer als blau, das Gras grüner als grün. Die Kinder spielen sorgenfrei auf der Straße. Während im Sonnenlicht weiße Reihenhäuschen mit dem Lächeln sich zuwinkender Nachbarn um die Wette strahlen. Alle sind glücklich und froh. Solange der Schmutz der wirklichen Welt draußen bleibt. Auf Amerikas hübschem Rasen ist kein Platz für dreckige Themen wie Sex, Hautfarbe oder, Gott bewahre, Homosexualität. Wer sich gern über Sicherheitszäune und Verbotsschilder hinwegsetzt, um auf Grünflächen einen dicken Haufen zu legen, der kann auch gleich „Citizen Ruth“ schauen. In seinem Regiedebüt setzt sich Alexander Payne über Anstand und kleingeistige Moral hinweg und trifft seine Landsleute dort, wo es richtig wehtut: nicht in die Weichteile, sondern in ihren Glauben. Ein Film über Abtreibung? Dann bitte nur als hochemotionales Drama. So ungefähr dürfte die einhellige Meinung der großen Filmstudios Ende der Neunziger gelautet haben. Nicht so beim amerikanischen Indie-Kino, dessen Haltung zu heißen Eisen und Kraftausdrücken bereits damals lockerer war. So nimmt sich „Citizen Ruth“ nicht nur eines brisanten Themas wie dem des Schwangerschaftsabbruchs an. Hier wird gleich eine Figur zur Titelheldin, welche die Bezeichnung verkrachte Existenz auf ein ganz neues Niveau hievt oder senkt. Je nach Sichtweise.

Irgendwo im ländlichen Amerika, mit seinem uncharmant kargen Panorama aus stillgelegten Fabriken, überschaubaren Hauptstraßen und weit auseinanderliegenden Siedlungen, zieht Ruth Stoops (Laura Dern) von einem High zum nächsten. Als Vollzeit-Junkie und Teilzeit-Obdachlose, frei von jeglichem Verantwortungsbewusstsein, verfolgt sie keinerlei hochgesteckte Ziele im Leben. Ruth ist hoffnungslos naiv, beinahe schon schmerzhaft begriffsstutzig. Wen wundert es da, dass diese nicht mehr ganz so junge Frau mehrfache Mutter ist, deren Kinder sich in staatlicher Obhut befinden. Auch dem Haftrichter wird es nach ihrer x-ten Verhaftung und der Feststellung einer erneuten Schwangerschaft zu bunt. Diskret gibt er Ruth den Rat, sich ihres „Problems“ schnellstmöglich zu entledigen. Das Schicksal aber will es, dass unsere arme Ruth sich die Zelle mit Gail (Mary Kay Place) teilt. Gail und ihr Mann Norm (Kurtwood Smith) sind vom Herrn berufene Kämpfer gegen die Abtreibung und haben mehr als nur ein offenes Ohr für die Sorgen unserer Hauptfigur.

Ehe sie sich versieht, wird Ruth aus dem Knast in den familiären Schoss geholt. Endlich gibt es jemanden, der ihr helfen will. Doch weit gefehlt! Ruth wird, ohne es zu merken, von der Pro-Life-Bewegung in Beschlag genommen. Für die ist ihre Geschichte vom gerichtlich verordneten Schwangerschaftsabbruch ein Segen im Kreuzzug gegen die staatlichen Institutionen. Es braucht erst den irrwitzigen Umweg ins gegnerische Lager der Pro-Choice-Aktivisten, damit Ruth allmählich dämmert, was wirklich abgeht. Aber da strömen schon die Anhänger beider Fraktionen aus allen Teilen des Landes herbei. Es entbrennt ein Tauziehen um Ruths Bauch, bei dem ihr schließlich von beiden Seiten Tausende Dollar geboten werden.

Feilschen um ein ungeborenes Leben oder dessen Abtreibung? Bei „Citizen Ruth“ ist dieses Wettbieten nur die Spitze des Eisbergs. Alexander Payne entfesselt einen wahren Karneval der Bekloppten in einer Nation, welche die Trennung von Kirche und Staat propagiert. Und in der dennoch derart brisante Themen zu fundamentalen Streitfällen eskalieren. Vom Ton her ist der Film den fast meditativen Sinnfindungen und Odysseen von „About Schmidt“ und „The Descendants“ weit entfernt. Dafür wird allzu deutlich gezeigt, wie fehlgeleitet und geschmacklos beide Parteien in der Wahl ihrer Waffen sein können. Es gibt falsche Weißkittel, Bilder getöteter Föten und den beschworenen amerikanischen Holocaust. Selbst Burt Reynolds als strahlende Galionsfigur kann nicht verhindern, dass uns sein Streitheer aus Jesusliedern trällernden Hausfrauen samt Anhang wie eine Zombiearmee vorkommt. Aber auch die Verfechter der freien Entscheidung über den Körper bekommen ihr Fett weg. Bei Payne sind diese ein chaotischer Haufen aus Feministinnen, Lesben, Ex-Marines und Biker-Schlägertrupps. Rufen die anderen unseren Herrn und Erlöser an, ersuchen Diane (Swoosie Kurtz) und ihre Freundin die allwissende Mondgöttin um Beistand. Es scheint, die Idioten sind einfach überall. Was nicht bedeuten soll, „Citizen Ruth“ würde gleich die Existenz Gottes anzweifeln oder den Feminismus um Jahrzehnte zurückwerfen wollen.

Paynes Betrachtung der Streithähne und Moralapostel seiner Heimat ist so grotesk überzeichnet, wie auch erschreckend real. „Citizen Ruth“ trifft selbst heutzutage noch einen besonderen Nerv. Werfen wir nur einen Blick auf jenes Amerika, in dem Ärzte aus Abtreibungskliniken erschossen und Brandanschläge auf selbige Einrichtungen verübt wurden und mitunter noch werden. Doch nicht diese Brisanz allein ist es, die „Citizen Ruth“ ein bisschen fieser als Paynes herrliches Zweitwerk „Election“ wirken lässt. Es ist vielmehr der Umstand, dass sich im trefflich verkörperten Ensemble nicht ein wirklich lupenreiner Sympathieträger ausmachen lässt. Alles und jeder streitet hier um Ruth und ihren Bauch. Und nicht einer hört auf das, was diese eigentlich will oder benötigen würde. Nicht, dass Ruth selbst davon eine Ahnung hätte. Es gab wohl noch nie zuvor im Film eine Schwangere, die derart viel säuft und Farbe schnüffelt.

„Citizen Ruth“ steuert denn auch nicht auf ein plötzlich aufploppendes Happy End zu. Lässt keine Erleuchtung aus heiterem Himmel stattfinden, nach der sich alle schluchzend in den Armen liegen. Wäre ja auch noch schöner. Zwischenzeitlich mag das Geschehen wie eine Realfilm-Version von „South Park“ anfühlen, die erhellende Predigt versagt Alexander Payne seinem Publikum. Eine solche braucht es auch nicht. Sowieso mag der Streifen alle bestätigen, die immer schon die Vereinigten Staaten als Land der Schwachsinnigen begriffen. Und kann auch denen gefallen, die meinen, US-Komödien bestünden nur aus Pipi-Kacka-Witzen, entblößten Titten oder verkappten Seth-MacFarlane-Parodien. Nein nein, „Citizen Ruth“ ist ein Freudenfest des humoristischen Hintersinns. Für alle Freunde schwarzer Komödien, bei denen selbst Tabuthemen Lacher entlockt werden. Geboten wird keine blinde Flucht vor dem Alltag, sondern ein amüsant kluges Zerrbild dessen und all der Verrückten, die da draußen rumlaufen. Wer sich hier amüsieren kann und will, sollte nur wissen, dass einem gerade deswegen dieses Lachen auch mal im Halse stecken bleiben könnte.

Meinungen

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