Auch wenn es gerne verheimlicht wird: Nicht nur das männliche Geschlecht will in der Pubertät zum Schuss kommen. Obwohl man(n) diesen Gedanken über die Pornografie ausgeschlachtet oder in höheren Filmkreisen zur Nymphomanie hochstilisiert hat, ist es im amerikanischen Kino keine Selbstverständlichkeit, weibliche Erregtheit als ebenso legitimes wie bodenständiges Zentrum zur Charakterstudie zu nutzen. Beim Blick auf zig Coming-of-Age-Filme ist es eher Jungs vorbehalten, mit ihren Hormonen zu hadern und sich das Mädel ihrer Träume zu erobern. Drum wirkt es einigermaßen erfrischend, dass Regisseurin und Autorin Marielle Heller mit „The Diary of a Teenage Girl“ die Rollen sowohl umkehrt als auch den Umgang mit Sex aufrichtig angeht. Genug also vom blinden Durchrammeln bis zur wahren Liebe, Platz da für Selbstbestimmung im Beischlaf! Protagonistin Minnie (Bel Powley) ist aber auch ein freches Früchtchen. Gerade einmal fünfzehn Jahre alt, repräsentiert sie die Unschuld der Jugend mit schüchternem Grinsen und mutiger Offensive: im Tagebuch, in Comiczeichnungen voller Geschlechtsteile und der Liebe gegen Gesetz und Familie.

Bezeichnenderweise ist der Film ungefähr gegen Ende der siebziger Jahre verortet, inmitten einer liberalen Haltung zu Tabus und zugleich kurz vor der Reagan-Ära. Minnies alleinerziehende Mutter Charlotte (Kristen Wiig) balanciert diesen ideologischen Zwischenstand mit aufmerksamer Erziehung (schließlich gibt es noch die jüngere Schwester Gretel) und Liebhaber Monroe (Alexander Skarsgård). Jener Hüne mit Oberlippenbart wird allerdings auch Minnies Schwarm und über einige schnell gemeisterte Ecken auch derjenige, der sie entjungfert, weil sie es so will. Fortan zeigt Heller das Treiben ihres Girls mit offener Freude am Körper, bei der das Gefühl Liebe im Vordergrund steht. Auch der Bekannte Voice-over gesellt sich dazu, wie es sich für eine Romanverfilmung (nach Phoebe Gloeckner) gehört – ebenso der Ansporn Minnies, sich als Freigeist mit den Vorbildern der Kunst zu verbrüdern und dabei eine eigene Stimme zu suchen. Über einige Standards der Teen-Erzählung kommt man nicht hinweg, ebenso wenig über die unausweichliche Erfüllung einer Dramaturgie, die aus einem Charakter unbedingt etwas machen muss. Drei Akte führen somit von Schönheit zu Herzschmerz, sozialem Absturz bis zur Einsicht. Jene Struktur kann durchaus erschöpfen.

Übliches ist aber noch lange nicht übel, schließlich erzählen sich diese Entwicklungen weniger aus Zwang als aus den Umständen, die sich Minnie errichtet. Die Beziehung mit Monroe ist eine, die sie stets anstachelt – der Konflikt mit der Mutter nur eine Frage der Zeit. Über allen Entscheidungen schwebt jedoch die Sehnsucht, oder Lust auf Sehnsucht. Sex ist eine schnelle Lösung, Minnie in diesem Sinne sogar keck auf der Überholspur. Aber sobald es ihrer Meinung nach ernster werden müsste, scheint keiner auf ihrer Seite zu sein. Da prallen Ideale und Selbstgefälligkeiten aufeinander, bei denen sich nicht an die Bedürfnisse des Neuen angepasst werden kann, solange das Alte dieses lediglich dulden will. Im Gegenzug ist gerade dies aber verständlich, weil Minnie ungewiss und unerfahren an ihrer Zukunft arbeitet. Wie so ein Kapitel abschließt, hat filmisch offenbar nur wenige Optionen – immerhin beweist der Film, dass es auch ohne den Einen geht, wie es dieses Jahr „Dating Queen“ vorführen musste. Im Endeffekt beweist Regisseurin Heller reichlich Respekt in der Haltung zu ihrer Protagonistin, die eigene Persönlichkeit entdecken zu lassen und dabei stets für sich selbst einzustehen. Das ist weder ein feministisches Manifest noch eine mit Kitsch vorgetragene Moral, sondern stattdessen – auch visuell – genau, was der Titel verspricht.

Meinungen

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