Ein namenloses Paar lebt in Kalkutta, die Frau (Basabdutta Chatterjee) arbeitet tagsüber in einer Fabrik, der Mann (Ritwick Chakraborty) nachts in einer Druckerei. Sie sehen sich nur für Augenblicke, haben jedoch einen gemeinsamen Traum, benutzen dieselben Handtücher, dieselbe Uhr, dasselbe Zimmer, dasselbe Bett. Sie sind aufeinander abgestimmt, wie es perfekter nicht sein könnte. Ein in sich geschlossenes Uhrwerk zweier Menschen, deren Symbiose so akribisch durchkomponiert ist, dass es fasziniert. Doch sie leben im Grunde nicht miteinander, sondern füreinander. Aditya Vikram Sengupta erschafft mit „Labour of Love“ einen wunderbaren Film, den man in dieser Form noch nicht gesehen hat. Nach einem Literatur- sowie Designstudium wurde Sengupta in Indien vor allem als Künstler bekannt und erzählt in seinem Debüt von der Schwierigkeit einer an sich utopischen Beziehung: Das Leben fordert Zeit, die Schlüssel zur gemeinsamen Freiheit liegen möglicherweise noch verborgen in den gemeinsamen Vorstellungen.

Sengupta stellt diese Verbundenheit in einer sensationellen Bildlichkeit dar, die auf das Grafikstudium des Bengalen schließen lässt. Teilweise wie ein Imagefilm, der mit (Makro-)Close-Ups bildfüllende Einsichten in die Normalität des indischen Alltags gibt, teilweise wie eine semidokumentarische Abhandlung der Monotonie. Dabei bleibt der Film bis zum Ende vollkommen sprachlos, es gibt keine Dialoge, die vom Mikrofon erfasst werden. Nur Geräusche und Atmosphäre bilden zu den gewaltigen Bildern eine zweite Ebene. Der Film entstammt einem Drehbuch von Sengupta selbst, das keine Dialoge besitzt, sondern lediglich auf das Sicht- und Hörbare setzt. Man könnte meinen, dass dies zu Langeweile führen könnte – doch „Labour of Love“ zieht den Zuschauer in einen natürlichen Bann, dem man nur schwer entgleisen kann. Sengupta befasst sich unheimlich interessiert mit dem Banalen, als ob er eine filmische Studie gemacht hätte, um einen authentischen Einblick zu gewähren. So werden sogar „uninteressante“ Dinge wie Kochen, Duschen oder Abwaschen gezeigt. Hierfür wird nicht von dem allgemein sehr langsamen Tempo abgewichen, im Gegenteil: Die Cinemascope-Aufnahmen wandern in einer beruhigenden Gemütlichkeit über die Leinwand, angenehme Musik begleitet die statischen Fahrten mühelos.

Im Kern lebt „Labour of Love“ von einer zerberstenden Tragik: Zwei Menschen lieben sich, können sich allerdings kaum sehen, weil sie in einem System leben, das ihnen viel abfordert: Zeit und Geduld. Dabei können sie froh sein, dass sie überhaupt Arbeit gefunden haben. Die Tragik besteht darin, dass der Lohn der Arbeit zwar zum Überleben reicht, doch das eigentliche Bedürfnis, sich zu sehen, nicht gestillt werden kann. Daher auch der Titel: Arbeit der Liebe. Und die Liebe kommt zu kurz. So inszeniert Sengupta den Moment des täglichen Aufeinandertreffens in einer gekonnten Steigerung der Gefühle bis hin zu einer fast paradiesischen Katharsis, die in einem vernebelten Wald voller hoher Baumstämme seine absolute Romantisierung findet, um dann in einer ironischen Wende wieder in den frustrierenden, aber notwendigen Alltag zu münden. Dieser endlose organische Prozess hat eine melancholische Note, deren positiver Anteil wegen der ritualisierten Hingabe zur Akzeptanz überwiegt. Sie machen das beste aus ihrer Situation, ohne zu lamentieren. Wie Vorbilder bewegen sie sich fort, diszipliniert und fleißig, immer mit dem Ziel im Hinterkopf: der gemeinsame Traum. Es ist eine Utopie, die sie (er)leben, negative Gefühle werden dabei nur angedeutet. Eine Utopie mit dem Abzug, die Vorteile dieser nicht nutzen zu können.

Die Kontraste der Laute sind durch die Betonung dieser eine weitere auffällige Gegenüberstellung: In der Druckerei hämmert es pausenlos, Harmonie ist dagegen in einer bemerkenswerten Stille eingebettet. Diese Harmonie entsteht durch die Zusammenkunft, bei der sich die vollkommene Sehnsucht ergänzt und in einem beidseitigen Wohlbefinden entlädt. Daher handelt es sich bei „Labour of Love“ um eine Liebesgeschichte der besonderen Art. Kein einziges Wort ist notwendig, um die Liebe zu beweisen. Blicke fangen sich auf, Taten sprechen. Im Nebel sitzen sie nebeneinander auf dem Bett und genießen den Augenblick. Die omnipräsente Uhr tickt, weckt sie aus dem gemeinsamen Traum auf. Sie muss gehen, aber er schaut ihr so lange hinterher, bis sie um die Ecke biegt.

Meinungen

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