Das Firmament ist kahl und grau, die Welt aus Beton. Auf diese Weise äußert Francis Lawrence Räume, die er in „Die Tribute von Panem – Mockingjay Teil 2“ zu nutzen plant – doch nie zu nutzen weiß. Exakt ein Jahr nach seiner langen, schüchternen Exposition rührt er zu Ende, womit Autorin Suzanne Collins anno 2008 und Regisseur Gary Ross anno 2012 begann: ein Young-Adult-Medley mit Schnappatmung und faschistoider Ästhetik, das seiner heranwachsenden Zielgruppe beim Übertritt in anspruchsvollere Metiers helfen möchte. Das Einmaleins aus Medienschelte und Politikum entfaltet sich dabei abermals in unterirdischen Baukästen, systematisch redselig und streng imponierend, obwohl seine Heroine Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence zum Vierten) im Grunde ausschließlich als symbolische Anführerin dient, deren Spotttölpel zwar hie und da an den Mauern des Kapitols prangt, aber fern der Vorhut um den Ausgang des Krieges gegen Präsident Snow kämpfen darf. Eigentlich wäre es fair zu behaupten: Collins, wie auch Lawrence, interessieren sich im letzten Part der Dystopie nicht mehr für eine mit Männlichkeitsidealen ausstaffierte starke Frau – sondern für deren Irrelevanz.

Derweil tritt der Film allerdings, mangels einer erzählerischen Alternative, in ärmliche Rollenmodelle ein, die per se um eine Frage kreisen: Entscheidet sich Katniss für den stämmigen Bäckerjungen Peeta oder für den virilen Kohlebergarbeiter Gale? Bis jene relevante Frage in einem pappsüßen Epilog visualisiert wird, versucht Lawrence, erwähnte Räume zu kreieren – er versucht, seinen Interieurs jegliches Dekor zu nehmen, an dem sich „Catching Fire“ noch berauschen durfte. Bonbonbunt ist hier nichts mehr, die Flure scheinen trist, die Kostüme maximal waldgrün zu sein. Diese graue Fassade entleiht Szenenbildner Philip Messina der Rebellenanführerin Alma Coin (Julianne Moore, durchaus amüsant) und ihren Haaren, die Collins als „ohne Makel, ohne Strähnen“ in der „Farbe von Schneematsch“ beschrieb. Ebenso plump lamentiert Lawrence über die Natur des Sozialdarwinismus, über die Obszönität jedes Systems und über Opfer, die im Krieg nicht persönlich genommen, geschweige betrauert werden müssen. Dementsprechend schleppt Collins ihre holpernde Literatur mithilfe der Drehbuchautoren Peter Craig und Danny Strong in Sphären, die träge abgegrast werden – eine Blähung des dünnen Büchleins, das sowohl trivial als auch starr mit seiner zuvor praktizierten Theatralik schließt. Wie viel mehr darf aber ohnehin von einer Adaption erwartet werden, wenn der Roman, auf dem diese basiert, keine Mutproben oder Subtexte riskiert?

„Die Tribute von Panem“ funktionierte halbwegs, als es um Jungen und Mädchen ging, die in einer postriefenstahlschen Welt bluten mussten. Später jedoch half höchstens das potente Ensemble, ein Publikum über sechzehn in die Lichtspielhäuser zu locken. Welche irrsinnigen Aktionen Lawrence also kredenzt, damit es über deutlich zwei Stunden geht! Einmal gurgelt ein Ölreigen und treibt das Selbstmordkommando um Katniss in ein leerstehendes Haus, ein anderes Mal jagen Mutationen den Trupp unter der Erde, als wären sie „I Am Legend“ entlaufen und hätten die wackelige Handkamera aus „The Hunger Games“ gestohlen; Referenzen an James Camerons „Aliens“ freilich inklusive. Die Mechanismen sind längst zu Tableaus geworden, deren Potenzial lediglich künstliche, nicht mehr künstlerische Werte definiert. Immerhin war es das nun – widmen wir uns daher wieder Veronica Roths „Die Bestimmung“ („Allegiant“, Frühjahr 2016) und J. K. Rowlings „Harry Potter“ („Fantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“, Herbst 2016). Die Literatur für die Teenager von morgen ist nämlich noch längst nicht beendet.

Meinungen

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