Aidan Gillen ist eigentlich als ränkeschmiedender „Kleinfinger“ aus der gefeierten Fantasy-Erfolgsserie „Game of Thrones“ bekannt. In Kinofilmen speiste man ihn bisher nur mit unbedeutenden Nebenrollen ab. Zu Unrecht, wie die kleine Produktion „Familienbande“ beweist, in der ihm eine Rolle auf den Leib geschneidert wurde. Dieses putzige und gut gespielte Drama dürfte nicht nur ihm den Weg zu weiteren Hauptrollen ebnen, sondern auch der jungen und grandios aufspielenden Lauren Kinsella. Deren Stacey hat mit ihren elf Jahren schon härtere Seiten des Lebens kennengelernt als die meisten Erwachsenen. Auch für ihren Onkel Will (Gillen) lief nicht alles rund. Der Sträfling wird nach dem Tod von Staceys Mutter auf Bewährung entlassen, um die Kleine unter seine Fittiche zu nehmen. Seine Gefängniszelle wird gegen einen Wohnwagen in einem Trailerpark in der irischen Einöde ausgetauscht, wo er versucht, ein Zuhause für sich und das vorlaute Mädchen zu schaffen. Doch damit der Neustart von Erfolg gekrönt ist, müssen vergangene Erlebnisse und Traumata zurückgelassen werden, wobei gegenseitiges Vertrauen und bedingungslose Ehrlichkeit unabdinglich sind.

Der Durchbruch ließ bei Charaktergesicht Aidan Gillen lange auf sich warten. Seine bekannteste Rolle als Protagonist der britischen Serie „Queer as Folk“ wurde bald von der amerikanischen Neuauflage überlagert. Lange Zeit wurden ihm eher nebensächliche Rollen zugestanden, bis er sich mit der Schlüsselfigur des Petyr Baelish in „Game of Thrones“ größere Bekanntheit verschaffen konnte. Mit „Familienbande“, oder dem treffenderen Originaltitel „You’re Ugly Too“, der auf die vielen Sticheleien zwischen der kecken Nichte und ihrem Onkel angespielt, stellt er seine Wandlungsfähigkeit unter Beweis und streift sich in glaubhafter Manier das Gesicht eines vom Leben gebeutelten Ex-Sträflings über. Bis zum Schluss bleibt verhüllt, weshalb Staceys Vormund so lange im Gefängnis einsaß. Erst das Ende bestätigt erste Vermutungen, dass die von ihm begangene Tat eine nicht ganz unwichtige Rolle in Staceys unvorteilhaft verlaufendem Schicksal einnimmt.

Die junge Lauren Kinsella stellt neben ihrem erfahrenen Leinwandgenossen einen wahren Besetzungscoup dar. Mit fantastischem Gespür porträtiert sie die intuitive, geringschätzige Cleverness ihrer Figur und gerät zur charmanten Variation gegenüber häufig zu beanstandenden, stereotypen Kinderrollen, die häufig die Grenze zur Penetranz um ein weites Maß überschreiten. Einfühlsam wird die schwierige Annäherung der beiden beschrieben. Kleine Highlights sind hierbei die gewitzten Wortduelle, die sich Gillen und sein freches Mündel liefern und die dem Drama, welches sich handlungstechnisch in eher konventionellen Mustern bewegt, eine wunderbar verspielte Note aufdrücken. Trotz der trübseligen Hintergrundkulisse Irlands und dem kontinuierlich verschleiernden Regenwetter ist es den tollen Dialogen als auch dem unterschwelligen, wortlosen Verständnis der beiden charismatischen Hauptdarsteller geschuldet, dass „Familienbande“ als kleine, aber feine, beschwingte und sehr liebevoll arrangierte Dramödie heraussticht, die man nur allzu gern ins Herz schließt.

Meinungen

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