Was ist interessanter als die Tatsache, dass „Bridge of Spies – Der Unterhändler“ der neue Film von Steven Spielberg ist? Die Autoren dahinter! Denn auch wenn es nicht an die große Glocke gehängt wird, sind in diesem Fall Joel und Ethan Coen sowie ein gewisser Matt Charman für das Drehbuch verantwortlich. Daraus ergibt sich eine Konstellation, deren Zusammenwirken auf der Leinwand mehr Interesse aufscheucht, als es der Relevanz des historischen Spannungsstücks zunächst gelingt. Spielberg ist ja auch ein Name erwartbarer Qualität geworden, dessen Werk zunehmend weniger Risiken eingeht. Warum seine vierte Zusammenarbeit mit Tom Hanks allerdings kein trockenes Prozedere à la „Lincoln“ ist, zeigt sich früh an einer schlichten Sequenz, die einen Menschen beobachtet, der durch das urbane Brooklyn Anfang der sechziger Jahre schlendert und von mehreren Gestalten verfolgt wird. Inwiefern er sich diesen bewusst ist, steht offen – wie ohnehin alles ohne Ideologie, Musik und überstilisierte Dynamik erzählt wird und dennoch für Spannung sorgt, bis dann doch der Code aus der Münze gezogen wird.

Trotz allem strahlt unser Mann Rudolf Abel (Mark Rylance) keine Angst aus („Would it help?“), als das FBI die Bude stürmt, in der er zuvor noch ein stoisches Selbstporträt von sich gezeichnet hat. Dies ist auch ein Bild, das mit trockener Absurdität auf das Œuvre der Brüder Coen weist. Sobald nämlich der Wechsel zum Versicherungsadvokaten James B. Donovan (Hanks) geschieht, wird klar, wie sich deren Terminologie um die Belange des Einzelnen, sei es „my guy“, „your guy“ oder „our guy“, in einen leicht kafkaesken Rahmen des Zeitkolorits fügt. Donovan hat an sich schon damit zu hadern, die Bürokratie der Details in einen Fall nach menschlichem Maß zu fassen und gerät zwischen die Fronten, als er die Verteidigung für den sowjetischen Spion Abel übernimmt. Die Politik ist ihm zweitrangig, er geht von der Chancengleichheit der Verfassung aus. Die Öffentlichkeit ist dafür jedoch blind im Angesicht des Kalten Krieges. Ob nun die beinahe als Satire gezeichnete Familie Donovan oder die Vertreter des Gesetzes: Sie sehen keine Option außer der Todesstrafe, weil der nukleare Holocaust theoretisch vor der Tür steht.

Donovan bleibt aber, auch durch das Image seines Darstellers, der standhafte Mann – man erinnere sich an das Gerichtsdrama von „The Man Who Wasn’t There“ – und handelt ein milderes Strafmaß aus. Seine Theorie: Wenn ein Amerikaner von den Sowjets gefangen genommen würde, könne man einen Austausch arrangieren. Im Hintergrund brodelt die unvermeidliche Konsequenz der Ära, als ein Beobachtungsflugzeug über feindlichen Linien abgeschossen wird. Der Pilot heißt bezeichnenderweise Lieutenant Powers. Wer besitzt am Ende also die Macht in diesem Konflikt? Die Frage lässt sich ebenso zur Gestaltung des Films stellen, welche einzelne Aspekte der Coen-Topoi patriotisch interpretiert, obgleich sich die Kritik an der amerikanischen Auslegung der Demokratie stets bemerkbar macht. Allein im Abschuss des Flugzeugs zeigt der Blick durch das Loch im Fallschirm, wie dünn die scheinbare Überlegenheit gegenüber der Realität steht. Im Gegenzug zeigt sich Donovans Plädoyer vor dem Kongress in Washington mit einem Leuchten, bei dem von einer Desillusionierung ausgegangen werden müsste, wenn nicht nach knapp einer Stunde ohne bemerkbare Musikuntermalung auf einmal militärische Märsche in die Rechnung miteinbezogen würden.

Hier kommt womöglich der dritte Autor, Matt Charman, ins Spiel, dessen nächstes Projekt ausgerechnet Peter Bergs „Patriot’s Day“ ist. Spielberg folgt seinem Gerechtigkeitsgefühl ebenso, wie er Donovans Ungewissheit mit den Mechanismen der Zeit beleuchtet, sobald dieser als inoffizieller Vertreter nach Berlin geschickt wird, um einen Austausch zu verhandeln. Größtenteils bemüht sich der Film dort, die Umständlichkeit beider Seiten zu charakterisieren, die sich mit Machtspielen, Einschüchterungen und Mauern schlagen – ganz gleich, wie es um Einzelschicksale steht. Das sowjetische System wird durchaus unbarmherziger gezeichnet, das amerikanische hingegen verkauft seine Humanität mit einer Kälte, der man genauso wenig vertrauen will. Spielberg jedenfalls kommt nur schwer ohne Optimismus aus und verstärkt stets, wie schlimm es zwischen den Zonen im Osten war; ob nun durch entsättigte Winterbilder, unterschwellige Chöre oder ein Kinoprogramm, das nicht zufällig „Eins, zwei, drei“, „Spartacus“ und „Die Verdammten“ zeigt.

Beachtlich ist dennoch, wie Alltagshorror, politisches Kalkül und das Streben nach Güte in einem wechselhaften Guss münden, der mit seinen 141 Minuten Laufzeit beinahe im Flug vergeht – und dass, obwohl Verhandlungen den Großteil der Handlung ausmachen. Spielbergs Inszenierung traut sich Perspektiven, die stets angemessen sind, aber umso verwegener wirken, je weniger sie sich um das Eindeutige kümmern und aufrichtig gegen ideologische Funktionen wehren. Qualitäten, die man an einem etablierten Filmemacher wie Steven Spielberg ruhig öfter schätzen darf.

Meinungen

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