Zunächst entstieg Sherlock Holmes 1887 gedruckten Lettern und erklomm die Öffentlichkeit irgendwann im 20. Jahrhundert. Doch zuvor rückte er in ihr Bewusstsein – drängte ihnen seine Merkmale und Motive ins Herz, ließ sie taumeln von seiner kühnen Intelligenz, von seiner Fähigkeit selbst die fernsten Intimitäten aus einer winzigen Observierung ihrer Erscheinung und ihres Verhaltens zu kristallisieren. Sie mochten niemals eine einzige Geschichte, einen einzigen Roman von Sir Arthur Conan Doyle gelesen, oder jemals eine Adaption gesehen haben. Doch sie wussten um ihn. Eine der kürzlich aufgeworfenen Indizien um die Tiefe, mit der Holmes den westlichen Kulturkreis beherrscht, fordern Steven Moffat und Mark Gatiss als Schöpfer der Serie „Sherlock“, und ihrer wilden Wut die Holmes’schen Tropen nicht ausschließlich den Werken von Doyle zu entleihen, sondern zwischenzeitlichen Adaptionen. Der Diskurs entfacht Holmes als Soziopath mit Suchtproblem, der Fälle lediglich verfolgt, um seinen Intellekt zu stimulieren und keinen Gedanken vergibt an die Leben, die zahlreich auf dem Spiel stehen.

Die erste Staffel nun komprimiert und interpretiert drei neunzigminütige Erzählungen als Machbarkeitsstudie einer Idee um einen Holmes der Jetztzeit. Oder eher als Versuch eines solchen Beweises, der minder überzeugt, aber ein Potenzial bietet, obwohl die Fallstricke stehend und löchrig blitzen. „Ein Fall von Pink“ hechtet noch als prächtige, mühelos geistreiche Geschichte mit einem unwiderstehlichen Haken daher, die sich zudem als doppelt stringente Einführung eignet, um Holmes und Watson neu zu erfinden. Währenddessen bildet der Nachfolger, „Der blinde Banker“, ein müdes wie ärgerliches Stöhnen in uns aus, welches wiederum in „Das große Spiel“ eine Güte erreicht, indem Rätsel, Explosionen und Beinahe-Explosionen die Laufzeit verstopfen. Mittels Brachialgewalt erlangt jene Folge, was „Ein Fall von Pink“ mit einem wesentlich leichteren, eleganten Ansatz gelingt.

Darüber hinaus formieren die drei Episoden kein Zugehörigkeitsgefühl: Sie schwanken in Ton und Behandlung ihrer Charaktere. Holmes (Benedict Cumberbatch) tritt als angeregter Intellekt in die Manege, Watson (Martin Freeman) als linkischer Schwächling, der dann zum Publikumsersatz degradiert in „Das große Spiel“ Holmes’ kühle Abgeklärtheit durch seine Gewöhnlichkeit beleuchtet. Erst treffen sie in „Ein Fall von Pink“ aufeinander, verbringen die Laufzeit mit tastender Beziehungssuche und richten sich ein – doch vertiefen die folgenden zwei Auftritte weder ihre Bindung noch bauen sie diese weiter auf. Selbst Holmes’ Drogensucht erfährt eine eher müßige Aufführung, derer sich niemand bereit sieht, sie als allumfassendes Thema der Serie zu vertiefen. Es mangelt an einem einheitlichen Konzept, einem Gefühl von mehr als nur einer Neuinterpretation des Charakters.

Anders ausgedrückt: „Sherlock“ hält Doyle die Treue, der sich selbst erstaunlich wenig um die Entwicklung von Holmes, Watson oder ihrer Freundschaft scherte. Ihre Einführung ist wie die von Moffat und Gatiss eine kurze, beinahe schale; vom Entschluss zusammenzuleben bis zu dem Beginn ihrer Abenteuer. Ab diesem Moment ist der Ausgangzustand etabliert und es wird selten von ihm abgewichen: Holmes’ kunstvolle Schlussfolgerungen, seine unerschöpfliche Persönlichkeit und Watsons völlige Hingabe zu ihm. Doch der von Moffat und Gatiss etablierte Ausgangszustand ist nicht ebenso zwingend und sorgfältig erarbeitet wie der Doyles. Keiner der Drehbuchautoren erfasst die Holmes’sche Ableitungsgabe und sie schaffen dadurch einen weniger ausformulierten Charakter als noch Doyles Holmes, der neben brillant und kühl zudem prinzipientreu und barmherzig war.

Beeindruckend konsequent handelt „Sherlock“ jedoch die Wiederherstellung des viktorianischen Londons im 21. Jahrhundert ab. Die Intérieurs sind durchwegs eng und überfüllt, die Extérieurs dunkel und nebelig, die Kamera linst unentwegt vorbei an Plakatwänden, an Neonlichtern, Marken und Zeichen und nimmt stattdessen nur Ziegel und Kopfsteinpflaster ins Visier. Schließlich schiebt erst das Drehbuch den viktorianischen Holmes ins Heute; so hingebungsvoll und perfekt, als wäre er allein für unsere Ära geschrieben. Kurznachrichten flirten stimmig neben Magazinen und Telegrammen, und anonyme Kommentare bleiben ebenso nützlich wie kryptische Nachrichten, um mit einem mysteriösen Kontakt zu verbleiben. Die Bereitschaft der Autoren mit spielerischer Leichtigkeit Doyles Material einzubinden, trägt zu dem typisch Holmes’schen Gefühl der Serie bei – ob es nun Moffats kluge Umkehrung einer Todesnachricht in „Ein Fall von Pink“ ist oder Gatiss direkte Eingliederung von „Die Bruce-Partington-Pläne“ als Nebenstrang in „Das große Spiel“.

Leider tritt in der Faszination um viktorianische Antiquiertheit in „Sherlock“ eine dunkle Kehrseite zutage: Frauen. Frauen, geschrieben mit einer Wolllust für Inakzeptabilität. Darunter: Mrs. Hudson, die bedingungslos zuvorkommend sich bisweilen durch muntere Trübheit auszeichnet; Sally Donovan, ein verbittertes Weib mit nur scheinbarer Kompetenz als Polizistin, aber größerer als Bösartigkeit gegenüber Holmes; Molly Hooper, die Pathologin, die eher ein kläglicher Fußabtreter ist und deren Annährungsversuch Holmes verleitet, sie hin und wieder zu erniedrigen; und Sarah, Watsons „Geliebte“, welche eindeutig keine Existenz außer dieser Rolle innehat, da ihre Antwort auf ein erstes Treffen damit endet, dass sie entführt und gefesselt wird, und infolge des Nahtodes einem zweiten zusagt. Die einzig positive Anmerkung über die Ausführung von Frauen in „Sherlock“ ist jene, dass sie nicht oft geschieht, außer sie sind Opfer von Verbrechen.

Die Probleme mit „Sherlock“ stechen hervor: die Inkonsistenz zwischen den Kapiteln, die oft schlampige Erzählung, und grässliche Abhandlung von Frauen. Was jedoch funktioniert, und das vergnüglich und sogar liebenswert, ruht vielmehr in der Atmosphäre: dem Weltenbau, aber auch der Chemie zwischen Freeman und Cumberbatch, und ebenso das Gefühl, dies sei wirklich Holmes – zwar nicht der Holmes im Doyles’schen Sinne, aber Holmes im Jetzt. Doch ein wenig mehr Gefühl für die Konstruktion der Episoden wäre wünschenswert. Gebt uns mehr „Ein Fall von Pink“ und weniger „Der blinde Banker“!

Umsetzung für das Heimkino

Die Umsetzung durch Polyband lässt wenig Wünsche offen und besticht mit einer ausgefeilten Bild- und Tonspur. Das Keep Case enthält zwei Discs, die in Deutsch und Englisch in DTS-HD MA 5.1 abgespielt werden können und weiterhin englische Untertitel bieten. Zudem enthalten ist auf Disc 2, neben der dritten Folge, die Dokumentation „Sherlock Unlocked“, der exklusive Pilotfilm und Audiokommentare zu den Folgen „Ein Fall von Pink“ und „Das große Spiel“. Ein 15-seitiges Booklet liefert Informationen zu den Darstellern, Autoren und Episoden.

Meinungen

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