In „Blick in den Abgrund“ geht es um Menschen mit abscheulich perversen Neigungen; Sadisten, die zur Empathie nicht fähig sind; Individuen, die anderer Leben rauben, um selbst Befriedigung zu erfahren. Doch die österreichische Regisseurin Barbara Eder will in ihrem neuen Dokumentarfilm weniger auf Mörder und Vergewaltiger eingehen, vielmehr widmet sie sich dem Alltag von Profilern, Forensikern und Psychologen – denjenigen Menschen, die Tag für Tag versuchen, das scheinbar Unmögliche zu bewerkstelligen. Menschen, die sich in Fällen barbarischer Straftaten selbst überwinden müssen, sich in die Täter und nicht die Opfer hineinzuversetzen. Täglich erdulden und hinterfragen sie die Banalität des Bösen und versuchen dabei am Ende nicht selbst von ihr zerfressen zu werden. Profiler sind so etwas wie menschliche Traumfänger: Sie müssen sich dem stellen, dem wir uns nicht stellen wollen oder nicht stellen sollten. Zu Beginn des Dokumentarfilms wird deshalb folgendes Zitat Friedrich Nietzsches eingeblendet:

Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.

Liest man diese Zeilen, erwartet man schonungslose Wahrheiten, düstere Erkenntnisse ungeahnter oder zumindest unbewusster Realitäten. Doch der Dokumentarfilm verspricht uns zu viel von dem, was er am Ende nicht halten kann. Was hier dargestellt wird, ist nichts, dass wir nicht schon irgendwo gehört oder gesehen hätten – nichts, was wir uns aus Zeitungsartikeln und Nachrichtenberichten bereits selbst zusammenreimen hätten können, zumindest in der Form, wie Eder es zeigt. Der Dokumentarfilm hat anfänglich eine durchaus beklemmende Wirkung: Er weist fast schon poetische Züge auf, wenn die Kamera dem Treiben von Helinä Häkkänen-Nyholm folgt, das Mikrofon ihren depressiv anmutenden Aussagen lauscht. Neben der Finnin Nyholm gewähren uns noch fünf weitere, international anerkannte Profiler Einblicke in ihren Alltag: Helen Morrison, die als forensische Psychiaterin unter anderem im Fall des Serienmörders John Wayne Gacy ermittelte; Polizeipsychologe Brigadier Gérard Labuschagne aus Südafrika; Dr. Roger Depue und Roy Hazelwood, welche Jahre lang die Arbeiten der Verhaltensanalyseeinheit des FBI in Quantico, Virginia leiteten und nicht zuletzt der deutsche Kriminalist Stephan Harbort.

Es sind Menschen aus den verschiedensten Kulturen, die jedoch alle eines verbindet: der Blick in den Abgrund. Das Publikum ist gebannt und bereit vom Innenleben der Menschen, die solche Berufe ausüben, zu erfahren. Doch anstatt die Zuschauer mit auf eine Reise in die Abgründe der menschlichen Seele zu nehmen und mehr zu zeigen, als nur die Spitze des Eisbergs, vertröstet uns der Dokumentarfilm immer wieder mit sensationsgeladener Huldigung scheinbar unmenschlicher Monster. Man fragt sich: Geht es Barbara Eder wirklich um den psychischen Druck, dem diese sechs Menschen Tag ein Tag aus standhalten müssen, oder sind sie für die Regisseurin nur echte Zeugen eines verkappten Serientäter-Kults?
Für Eder bedarf es keiner knapp zehn Minuten Filmmaterial, bis sie in die Klischee-Trickkiste greift. Als sie Virginia besucht, heißt es: „Das Schweigen der Lämmer ist ein Film, doch das hier ist real.“ Bei dieser Aussage wird offensichtlich vergessen, dass der Charakter des Menschen häutenden Buffalo Bill an den realen Ed Gein angelehnt ist. „Das Schweigen der Lämmer“-Motiv ist sehr plakativ gewählt und hat letztendlich doch wenig Aussage, wenn man bedenkt, dass hier viel zu sehr auf die realen Hannibal Lecters und deren Welt eingegangen wird. Zynischerweise darf man fast schon feststellen, dass man in dem US-Thriller über Profiler – verkörpert von Jodie Foster in der Rolle der Clarice Starling – mehr erfährt, als in diesem anfangs doch so vielversprechenden Dokumentarfilm.

Was ist also ist der Sinn dieses Werks?

Ein in diesem Dokumentarfilm aufgegriffener realer Fall um ein südafrikanisches Mörderpärchen provoziert beispielsweise beim Zuschauer viel mehr ein Gefühl der Übelkeit, als eines der Erkenntnis. Labuschagne, der bei einem Seminar zum Schulen anderer Ermittler auf diesen Fall eingeht, wirkt bei seinen Schilderungen und Erläuterungen extrem abgebrüht. Seine Schilderungen sind schonungslos, emotionslos (eine Frau verlässt sogar den Saal) – doch der Profiler berichtet mit einer unglaublichen Nüchternheit weiter: er unterbricht nicht, lässt sich nicht in die Seele blicken, fast vermittelt er seinen gebannten Zuhörern und Eders Publikum das Gefühl, als sei sein Job so wie jeder andere, der nichts weiter als emotionsloser Routine bedarf. Wer wirklich den Blick in den Abgrund wagen wollte, wird hier enttäuscht, man kann einem Publikum mit schwachem Magen und leicht strapazierbaren Nerven lediglich davon abraten, diesen Film zu sehen, zumal es an einer deutlichen Erkenntnis für die in Kauf genommenen Strapazen fehlt.

„Blick in den Abgrund“ beginnt vielversprechend und löst sich doch im Nichts auf. Das Einzige, was wir über die Menschen erfahren, die sich auf die Spuren bestialischer Mörder und Vergewaltiger begeben, ist, dass Sie entweder wortlos Trost bei ihrer Familie suchen, sich mit Hobbys wie dem Angeln abzulenken versuchen, ihre Fälle bei Tisch thematisieren, sich mit ihrer Berufswahl abfinden, sich versuchen in kranke Psychen hineinzuversetzen oder einfach nur die Stille suchen. Welche Dämonen sie aber tatsächlich bei ihrer alltäglich unalltäglichen Arbeit entfesseln, wird im Raum stehen gelassen. Darüber hilft die Aussage der Regisseurin, dass die interviewten Personen bei einem Drink nach den Dreharbeiten viel offener, ehrlicher und schonungsloser waren, wenig. Dass sie Dinge gesagt haben, zu denen sie vor laufender Kamera nicht bereit gewesen wären, mag viel zu Eders persönlichem Verständnis beigetragen haben. Doch was bringt es dem Publikum? Was hat man als Zuschauer von diesem Versuch der Authentizität und Aufrichtigkeit? Was haben wir davon, wenn wir wissen, dass wir von der Quintessenz der Unternehmung „Blick in den Abgrund“ nichts erfahren werden?

„Blick in den Abgrund“ ist nicht mehr als eine durchschnittliche oder gar gewöhnliche Darstellung eines ungewöhnlichen Themas. Der Dokumentarfilm ist handwerklich betrachtet zwar durchaus gelungen, doch thematisch bewegt er sich in einem eher seichten Gewässer – ihm fehlt es deutlich an Tiefenschärfe. So schockierend es auch klingen mag: Wir erfahren von Serienmördern, sadistischen Killern und entmenschlichten Vergewaltigern nichts elementar Neues und besonders was die Berufsausübung des Profilers angeht, kann man kaum behaupten, dass man als Zuschauer schließlich mit mehr Wissen oder Verständnis hervorgeht, als vor dem Betreten des Kinosaals, was eigentlich das Ziel eines Dokumentarfilms sein sollte. Begibt man sich trotz so harter Kost ins Kino, erwartet man eine hoch philosophische Analyse, eine bisher ungeahnte Erkenntnis, eine Entlohnung für die visuellen und erzählerischen Strapazen – besonders wenn man sich zu Anfang mit solcher Inbrunst auf jemanden wie Nietzsche beruft. Eders Ziel, uns einen Blick in die Seele eines Profilers zu gewähren, verläuft deutlich im Sand. Mehr als ein flaues Gefühl in der Magengrube hinterlässt dieser Dokumentarfilm leider kaum, denn die Regisseurin vermag es nicht, sich aus ihrem eher skizzenhaften Entwurf zu lösen.

Banal böse und kaum mehr als überflüssig: „Blick in den Abgrund“ ist verschwendete Zeit an die vermeintliche Hoffnungslosigkeit der Menschheit.

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