Was schleicht da in der Einöde von Bad City herum, die mit ihren kargen Industrieanlagen und suburbanen Räumlichkeiten nur einen kleinen Kreis von Menschen an die Oberfläche hervorholt? Nun, nicht viel. Einen Hund und eine Katze kann man da an eigenwilligen Kreaturen zusammenzählen. Letztere wird aber vom jungen Halunken Arash (Arash Marandi) aufgegriffen, der mit coolem Gestus eine fesche Karre kutschiert und den einen Nachbarsjungen damit beeindrucken kann. Im Privatleben aber versorgt er seinen drogenabhängigen Vater Hossein (Marshall Manesh) und bekommt damit oftmals die Schulden eintreibenden Ansprüche des hiesigen Drogendealers Saeed (Dominic Rains) zu spüren. Der lässt das Cabriolet Arashs deshalb gleich mitgehen und macht sich auf Frauenfang. Doch der Filmtitel A Girl Walks Home Alone At Night“ kommt ja nicht von ungefähr: So lässt die iranische Regisseurin Ana Lily Amirpour doch noch etwas Abwegiges aus dieser kargen Semi-Gegenwart heraus purzeln.

Jenes titelgebende Mädel mit Kopftuch (Sheila Vand) birgt eine mysteriöse Aura: Mit schwarzer Kleidung und ebenso kontrastreichen Schatten schlendert sie im Auge des anamorphen Panoramas, beobachtet und verführt. Doch dann folgt der Biss des Vampirs, mit dem sie den Bann des Dealers löst und damit unwissenderweise Arash zu neuem Glück verhilft – Rückkehr des Autos und neuer Drogenkurier-Job inklusive. Eine passive Herzeroberung hat sie ebenso mit ihrem Davonhuschen erreicht – doch als Geschöpf der Nacht wird Distanz gewahrt und werden noch mehr Einheimische überfallen. Dabei kann nicht eindeutig festgestellt werden, ob sie sich mit ihrer Aufmachung und ihren Beißern der Tradition oder dem Widerstand verpflichtet fühlt.

Regisseurin Amirpour kokettiert nämlich durchaus mit muslimischer Symbolik und lässt ihre Blutsaugerin gegen Drogenmissbrauch und Skateboardfahren ins Rennen ziehen. Diese entpuppt sich in ihrem privaten Keller allerdings auch als junge Schwärmerin von Electro und Disco, die ebenso unter Nachtlaternen einen Ollie hinlegen möchte. Sie scheint gewissermaßen eine Gefangene ihrer selbst zu sein. Da vermutet man Sozialkritik – doch Amirpour entwirft dieses Bild in einer fiktiven Welt, welche kalifornische Kaffs mit durchwegs iranischem Sprachgebrauch koppelt. Von daher bleibt die genaue Absicht angenehm unausgesprochen, wie auch die sonstige künstlerische Stimme Deutungen offen lässt. Die urige Schwarz-Weiß-Ästhetik gemahnt trotz mangelnder Surrealität dabei nicht unwesentlich an David Lynch, seinen dampfenden Stahlwerken und Frauen voll verzweifelter Blicke (selbst Arash scheint in seiner Lederjacke das drollige Ebenbild von Bobby Briggs aus „Twin Peaks“ zu sein).

Allerdings klingen in dieser stilistisch veräußerlichten Einsamkeit auch Töne des Westerns an, die ein bestimmtes Gerechtigkeitsgefühl suggerieren, welches mit den Handlungen des Vampir-Mädels eine gewisse Erfüllung finden könnte. Auf solche genrespezifischen Konsequenzen kann man aber lange warten: Stattdessen geht es auf zur Kostümparty im Nachtklub, wo Arash ausgerechnet im Dracula-Kostüm seinen Schwarm unter der unbeeindruckbaren Partykultur findet. Sie ziert sich im Gewand des blutgierenden Todes – doch im Vollrausch findet der junge Herr erst recht keine Angst und lässt sich sogar von ihr zu sich nach Hause schieben. Schüchtern legt sie da im schweigsamen Einverständnis ihre Vinyl-Platte auf; und während der Song läuft, tasten sie sich in einer essenziellen Einstellung an das Gefühl der Liebe (und der Schlagader) heran. Anhand einer schleichenden Nähe, die ohne Weiteres ihren jagenden Methoden entspricht.

Tänzelnde Ballons und der Kauf von Ohrringen stehen da natürlich als Nächstes an – denn echte Liebe bedeutet auch mal, sich von seinem potenziellen Partner mit Stecknadel piercen zu lassen. Die Nacht ruft jedoch immerzu wie auch Vater Hossein mit seiner Sucht und seinen Halluzinationen in den Augen der Katze. Hilfe kommt in Bad City nun mal einfach zu spät und der natürliche Durst nach Opfern muss gestillt werden wie das Feuerzeug am Heroinlöffel. Wie aber geht die Liebe damit um? Wie viel stärker wird das Stakkato der Finsternis, das immer weiter in die Desorientierung führt? Die Lösung erscheint letzten Endes bitter und naiv zugleich, doch in diesem verblendenden Schlusspunkt überlebt zumindest der Wille zum Abwegigen und zur Nacht der endlosen Möglichkeiten – mit Vollgas zusammen in die undefinierte Zukunft hinein. Sich freizumachen bockt nun mal auch bei kleinem Budget, aber mit großer Schaffenslust.

Meinungen

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