Jahrelang konnten sich Freunde des guten Films im Bereich der Comic-Verfilmungen zumindest auf ein Projekt freuen, das sich offensichtlich von der Norm abheben würde: Edgar Wrights „Ant-Man“, basierend auf bunten Vorlagen von Stan Lee, Larry Lieber und Jack Kirby. Kurz bevor der Traum Wirklichkeit werden konnte, machte die Produktionsfirma Marvel aber einen Rückzieher und entfernte Wright von seiner mit Koautor Joe Cornish verfassten Vision. Der offensichtliche Grund dazu ist in der letztlich von Peyton Reed („Girls United“) übernommenen Kinofassung kaum zu übersehen: Während sich größtenteils eine stimmige und eigenständige Geschichte um Räuber-Genie Scott Lang (Paul Rudd) bildet, tauchen immer wieder Sequenzen auf, die viel zu bemüht auf eine Verbindung zu den Avengers hinarbeiten – ein Kompromiss, den Wright verständlicherweise nicht eingehen wollte. Dieser Zwang, einen Film zu unterbrechen, nur um Franchise-Werbung zu betreiben, entfernt einen nicht nur aus der Immersion des Ganzen, sondern behilft sich zudem einem deutlich fauleren Humor und chaotischen Action-Szenen, die schlicht verzweifelt wirken. Sobald Reed auf eigenen Beinen stehen muss, wird die Sache wackelig. Viel zu deutlich scheint im Vergleich zum Rest ein Kontrast durch, der sich nur dadurch erklären lässt, dass die Vorarbeit von Wright und Cornish bedenkenlos übernommen und geglättet wurde.

Insbesondere die Schauwerte jener Mächte des Verkleinerns und Vergrößerns verraten ihren Ursprung in einer Virtuosität, der jeder Ersatz-Regisseur nie wirklich gerecht werden könnte. Als Zuschauer kann man sich dennoch glücklich schätzen, dass offenbar nicht allzu viel am ursprünglichen Potenzial verändert wurde. Hauptdarsteller Paul Rudd, das feiste Mädel unter den Helden, Evangeline Lilly, sowie Leinwandikone Michael Douglas gehörten zudem von Anfang an zur gewünschten Besetzung und präsentieren eine sympathisch einwirkende Dynamik von verwegenen Gaunern mit Herz und deren wissenschaftlichen Mentoren. Anhand seines nüchternen und dennoch nie aufgesetzten Prozedere kommt der Film nämlich geschmeidig in Kontakt mit seinen Charakteren und schafft dabei schon anfangs eine empathische und vorausschauende Bilderwelt vom kleinen Mann, der aus dem Gefängnis kommt und keine zweite Chance von der Welt erhält. Die Rede ist von Scott Lang, der durch die vielleicht erste sinnvolle 3D-Konvertierung des Jahres subtil zwischen den Menschenmassen verschwindet, nur um später als Retter in minimierter Fassung den visuellen Höhenflug zu schaffen. Ehe das jedoch vonstattengeht, gliedert sich Scott als Versager mit krimineller (doch rechtschaffener) Vergangenheit erneut ins Verbrechen ein – nur aber deshalb, damit er seine kleine Tochter Cassie besuchen darf. Ohne Alimente keine Chance!

Und als Zuschauer will man natürlich, dass er es schafft; ganz einfach, weil die Zwei eine goldige Chemie zueinander haben und trotz geringer Zeit zusammen genau die oberflächlichen, doch richtigen emotionalen Knöpfe treffen. An sich keine Neuheit im Blockbuster-Genre, aber hier doch so unbeschwert und herzlich etabliert wie auch der überwiegende Witz des Films ohne Forcierung vom Format Joss Whedons auskommt – abgesehen von den aufgezwungenen Marvel-Anspielungen natürlich. Apropos: Wie in allen diesen Filmen gibt es neben Helden auch Schurken. In diesem Fall ist Darren Cross (Corey Stoll) der Übeltäter – ein aufstrebender Schleimbeutel, der mit der Replikation jener Technologie des genialen Dr. Hank Pym (Michael Douglas) eine Waffe tödlichen Ausmaßes herstellt. Nun ist dieses Ausmaß aber kein Ventil zur endlosen filmischen Zerstörungsorgie, stattdessen übt sich der Film größtenteils bodenständig und daraus folgend umso ungestümer, sobald die Action im Kleinen Großes leistet. Alles natürlich in dem Bewusstsein, als Genrefilm zu überzeugen, doch zumindest in einem Rahmen, der auf Charakteren und Ideen zur technischen Nutzung baut, anstatt auf einer zerrenden Plot-Abarbeitung.

Wenn man es genau nimmt, ist „Ant-Man“ ohnehin mehr methodischer Heist-Film als die moderne Legende vom Superhelden-Einmaleins. Da macht es sich sogar ein Stück weit bezahlt, dass Regisseur Reed nicht der flotteste ist und die Fantasy-Elemente in geregelten Abständen geduldig zurückhält, auf dass deren Einschlag umso beglückter empfangen wird. Schließlich kehren sie Assoziationen zur Realität mit Verspieltheit und unschuldigem Charme um; stilisieren das Allgegenwärtige und Winzige zur ehrfürchtigen Megalomanie. Diese Überwältigung fesselt den Zuschauer an die Leinwand, wie man es von Marvel bisher noch nie gesehen hat. Was man allerdings schon öfter gesehen hat, ist die simplifizierte Einlösung von dramaturgischen Stichworten, wie sie wohl kaum noch ernstbefreit vorgetragen werden kann: Tu das, was richtig ist; zeige Verantwortungsbewusstsein für deine Familie; rette die Menschen, vertraue deinem Instinkt, sag die Wahrheit; der Böse ist nicht allzu ambivalent böse – annehmbar für einen Film dieser Art, doch nicht immer mit Finesse ausgestattet. Glücklicherweise hält sich Reeds Film nicht lange damit auf und schnippt das Obligatorische oftmals zwinkernd zugunsten eines mehr oder weniger enthusiastischen Handelns weg.

Dazu gesellen sich auch noch niedlich glucksende Ameisen, kindische Schauplätze für massive Duelle (eine Ironie, die der Film gerne genüsslich umspielt) und zu guter Letzt auch noch ein psychedelischer Sprung in unbekannte Dimensionen, von dem Christopher Nolan feuchte Träume in Farbe kriegen könnte. Kleine, feine Elemente für einen Film, der kleine, feine Kerle und Tiere zum großen Abenteuer macht. „Ant-Man“ ist somit auch nicht allzu überbordend und verpflichtet sich immer noch einem klassischen wie funktionierenden Narrativ, welches in heutiger Zeit ungefähr an die Qualität von Werken wie „Die Reise ins Ich“ anknüpfen darf. Wenn es doch bloß kein Marvel-Film sein müsste. Dann könnte „Ant-Man“ sogar großartig sein – wahrscheinlich sogar im Ameisenbudget.

Meinungen

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Bisherige Meinungen

20. Juli 2015
12:44 Uhr

Schöne Kritik. Ich kann dem im Wesentlichen nur zustimmen. Ant-Man ist mit Sichherheit kein Dark Knight, aber als actiongeladener feel-good Superhelden-Film funktioniert er allemal.

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