Lang ist es her, da wurde Steven Spielberg der Märchenonkel der modernen Leinwand genannt, ehe sich seine Filmografie zwischen handfestem Sci-Fi und politisch-historischen Dramen einordnete. Für jenen Ruf ausschlaggebend war insbesondere „E.T. – Der Außerirdische“ (1982), der mithilfe von Drehbuchautorin Melissa Mathison aber auch zementierte, was Spielbergs Geschichten seit jeher auszeichnet und selbst in entlegensten Genres und Welten nahegeht: Glaubwürdigkeit; insbesondere in technischer Hinsicht, aber erst recht, wie durch sie und mit anderen filmschaffenden Faktoren eine Empathie vermittelt wird, die jedem kommerziellen Kalkül im Handwerk zu entgehen vermag. Man bedenke den State-of-the-Art-CGI-Einsatz in „Jurassic Park“, die minutiöse Nachstellung des D-Day in „Der Soldat James Ryan“ oder auch die Detailverliebtheit der Architektur seines „Terminal“: Soll der Zuschauer die Wahrheit empfinden, muss sie bis zur Selbstverständlichkeit erschaffen werden.

Der Gedanke setzt sich in seiner Rückbesinnung zum Märchen, „BFG: Big Friendly Giant“, fort, der als Adaption eines Kinderbuches von Roald Dahl erneut von der inzwischen verstorbenen Mathison geschrieben wurde. In vielerlei Hinsicht erlebt man eine Wiedervereinigung alter Kräfte, und umso direkter wird das Potenzial des Unglaublichen in Angriff genommen, als das Waisenmädel Sophie (Ruby Barnhill) aus der Fantasievariante eines zeitlosen London in die Hände des Riesen (Mark Rylance) gerät. Obwohl man zu diesem Zeitpunkt wenig von ihr weiß, erlebt man doch die bittersüße Erfüllung eines Wunschtraums von der Bestätigung des Unbekannten und Übernatürlichen, in der Hoffnung, dass sich darin ein Stück Geborgenheit findet, so abgekoppelt sie vom Rest der Kinder wirkt, die Nachtschwestern verärgert und laute Trunkenbolde auf der Straße ankeift. Es steckt reichlich Energie in ihr als Nachtmensch mit Brille und Taschenlampe zum Bücherlesen unter der Decke in allen Ecken, so flink Stammkinematograph Janusz Kaminski ihre Erkundungen umspielt und derart leicht auf Augenhöhe mit ihr ist, wie John Williams’ Musik in orchestraler Natürlichkeit zum Klangteppich der Lebhaftigkeit einlädt.

Dies alles ist aber nur die Vorhut für die Reise ins Riesenland, dessen Einwohner per fotorealistischem Motion-Capture-Verfahren die Szenerie einnehmen, mit massiven Typen und Gesichtern das audiovisuelle Volumen hoch stampfen. Der Liebhaber der Plansequenzen bittet sodann zum Kombinationstanz an Einzelmomenten à la Rube-Goldberg-Machine, während Sophie als kleines Wesen gegen die Größe unwirklicher und doch wirkungsvoller Dimensionen zu bestehen hat. Der Sog der Erfahrung kommt einem dabei enorm nahe, doch er wäre nur zum Teil von Eindruck, wäre da nicht das Kennenlernen der Güte im Riesen, gleichsam er trotz seiner blumig unbekannten Vokabel vom Herzen spricht und Sophie trotz ihres unwillkommenen Status beschützt. Der dramaturgisch stimmige Weg der Freundschaft würde nur bedingt ohne die Emotionen auskommen; daher nimmt Spielberg diese auch als hauptsächliche Knackpunkte des Geschehens wahr und stellt sie vor allem in der ersten Hälfte in den Vordergrund seiner Kinderfantasie.

Es bewegt, wenn die Lebendigkeit im Menschen und jene in einer Figur aus technischer Kreation (sowie deren Skelett  Rylance) ergänzend zueinander einstehen, gemeinsam in die höheren Sphären des bisher Unerreichbaren vordringen und Träume ballen, mixen und verteilen. Die Liebe zur Alchemie im Medium Film kommt binnen des Narrativs nicht nur von ungefähr, so sind auch in jenen Gebieten parallel die Widersacher unterwegs, jene bösen menschenfressenden Riesen versteifter Traditionen. Das Verständnis des Films und des BFGs sträuben sich davor, ihnen zunächst als echte Antagonisten zu begegnen, nur eben die Angst vor ihnen auszustellen, so wie sie grobschlächtigen Humor innehaben und doch so viel Radau machen, dass eine Bewältigung unausweichlich wird. Bei Spielberg wird aber selten mit derselben Gewalt des Gegners zurückgeschlagen, weshalb hier eine Diplomatie ersucht wird, die die Einkehr des Unfassbaren in den Alltag lanciert und Spaß bar des Handlungsdrangs anfüllt, ehe der Mut darin und darüber hinaus die Erfüllung nach Fairy-Tale-Format ausgibt.

Der Weg zum Mut ist aber kein behaupteter, so sehr sich das Große um das Kleine kümmert, die Sicherheit in der Distanz sucht, obgleich die Freundschaft untrennbar verbleibt, deren Herzen sich über die Ozeane hinaus hören und auch allmählich alles auf Augenhöhe sehen können. Bei Spielberg ist dies natürlich süßlich aufgelöst, aber nicht überzuckert vom Tragischen im Kleinen zum Komischen im Großaufgebot begleitet. Sein Denken ist in einer Güte verankert, die sich dem Zynismus verweigert und stattdessen Möglichkeiten ausspielt, die selbst aus einfachen Märchen ein Passionsprojekt durchscheinen lassen. Schließlich will der gute Steven als Veteran eben auch, dass man sich in seinem Tempel Kino geborgen fühlt, weshalb er jene Geborgenheit über seine Charaktere spüren und an sie glauben lässt, dass es nicht nur in kindlicher Naivität, sondern auch für die Großen, weder durch Anbiederung zu beiden Seiten noch durch Verlust der Unschuld, möglich wird. Für solch Inklusion sollte man zwar laut Schlussmoral auch nett sein, aber derartige Etikette wäre im Jahre 2016 ja gerne öfter anzutreffen. Also: Familie mitnehmen und durchs Riesenland fliegen!

Meinungen

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