Historische Tragödien können auf vielerlei Wegen filmisch verarbeitet werden. Regisseur Florian Gallenberger hat sich mit Koautor Torsten Wenzel dazu entschlossen, die Geschichte der „Colonia Dignidad“ in einen Thriller zu verpacken, der nicht nur ansatzweise die Herangehensweise von „Argo“ repliziert – insbesondere, was die Konklusion des Ganzen angeht. Das Narrativ wird zudem von einem dazu gedichteten Pärchen angeführt, das à la „Titanic“ für den mitreißenden Rahmen einer Liebesgeschichte sorgen soll. Soweit recht standardisiert, aber in Sachen Genreformeln noch legitim. Gleiches gilt für Gallenbergers Inszenierung, die sich Überraschungen verschließt und gleichsam oberflächliche Emotionalisierungen betreibt, damit ja kein doppelter Boden entsteht. Sein Bild Chiles anno 1973 präsentiert sich sodann mit dem obligatorischen Intro voll Archivmaterial und Texttafeln („Basierend auf einer wahren Geschichte“), hinein in einen Menschenauflauf gegen Pinochet, inmitten dessen der deutsche Aktivist Daniel (Daniel Brühl) auf seine jüngst von ihrer Arbeit als Stewardess zurückgekehrte Freundin Lena (Emma Watson) trifft.

Wir finden schnell heraus, dass sie sich lieben, weil sie sich in der gemeinsamen Wohnung küssen, im Bett wälzen und Fotos voneinander machen. Innerhalb dieser bahnbrechenden Charakteretablierung erfahren wir auch, dass Daniel Poster zur Unterstützung Allendes gestaltet, folglich muss man als Zuschauer schnell um ihn bangen, sobald der Militärputsch unser Pärchen zufälligerweise gefangen nimmt. Verständlicherweise reicht alles Vorangegangene nicht aus, um sich als Zuschauer verstärkt um diese Charaktere kümmern zu können – die audiovisuelle Gestaltung drückt allerdings ordentlich auf die Tube, als ob es vielleicht doch schon so weit wäre. Weil nämlich eine Dramaturgie befolgt werden muss, wird Daniel als Revoluzzer identifiziert, kommt in die Folterkammer und über Umwege in die titelgebende Sektensiedlung des extremistischen Laienpredigers Paul Schäfer (Michael Nyqvist). Nyqvists Darstellung des geistlichen Oberhaupts probiert erst keine Nuancen und zeigt den gnadenlosen Glaubenspsychopathen mit schmieriger Tolle, Hängebauch und ausbeuterischem Regelwerk, wie er nur allzu gut in einen Exploitation-Film passen könnte. Er ist somit vielleicht die größte Quelle der Unterhaltung, die man mit „Colonia Dignidad“ haben kann, auch wenn das sicherlich kaum beabsichtigt war.

Im Epilog stellt man nochmals mit äußerster Betroffenheit die Taten des wahren Schäfers aus und in welchem Ausmaß dessen Missbrauch von Männern, Frauen und Kindern wirkte. Gallenberger versucht diese Tragweite auf ein Einzelschicksal zweier Liebender zu zentralisieren, verknappt die Stärke des Ganzen jedoch zur Belanglosigkeit, indem er seine Pärchendramaturgie jenseits filmischer Risikobereitschaft ansiedelt. Lena versucht nämlich, ihren Daniel rauszubekommen und gibt sich als Novizin aus, um in der Siedlung zu arbeiten. Schon vom ersten Tag an stellt sie aber die unmenschlichen Zustände dort fest, die von Schäfer und seinen ebenso gebeutelten Lakaien ausgeübt werden. Texttafeln, die chronologisieren, wie viele Tage sie in dieser Hölle auf Erden verbleibt, haben es daher besonders leicht, übertrieben dramatische Töne anzustrengen. Während das passiert, gibt sich Daniel als behindert aus, um unbemerkt an seiner Flucht arbeiten zu können und eventuell die Missstände des Lagers anhand gesammelter Beweise zu offenbaren. Dass die Darstellung Brühls in diesem Fall einige grenzwertige Spitzen erreicht, ist leider noch weniger dazu geeignet, diesen Film ernst zu nehmen.

Schlimmer noch: Gallenberger strapaziert die Geduld des Zuschauers mit seiner Redundanz des kaum über Standardbilder von Prügel und Peitschen ausgereizten Lageralltags – ganz zu schweigen von jener Liebesgeschichte zum Drang der Wiedervereinigung, deren Relevanz dem Zuschauer aufgrund spärlicher Charakterzeichnungen nicht allzu viel bedeuten kann. Dennoch drängt Gallenberger darauf, Spannung wiederholen zu müssen und lässt den Sachverhalt auch gerne mehrmals per Dialog und Bild erklären, damit deutlich wird, wie schlimm doch alles ist. In einem besser ausgearbeiteten Kontext würde das bestimmt auch ankommen, die Struktur dieses Films lässt jedoch nur einen blassen Eindruck zu, der sein brisantes Potenzial durch möglichst leicht verdauliche Genremuster lediglich als Hintergrund nutzt, während die Flucht schablonenhafter Liebender aus der Unterdrückung im Fokus steht. Das ist gewiss nicht neu und insgesamt auch harmlos anzuschauen, aber umso entbehrlicher, je weniger man davon wegnimmt.

Meinungen

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