Dem Presseheft des neuen DominikGraf-Films ist zu entnehmen, dass es sich um eine „Dreiecksgeschichte im ausgehenden 18. Jahrhundert“ handelt, ferner um Schulbuchhistorie über eine Liebesutopie – Begehren zu dritt, während sich die Lebenszeit der Gegenwart von Jahr zu Jahr in komplizierten Spannungen entleert. Was Graf zwingt, seine Ästhetik aufzugeben. Eine halbfiktive Requisiten- und Vergangenheitsmonografie fordert keinen sich überlagernden Bewusstseinsstrom, sondern, wie in diesem Fall, Stille, Nüchtern- und eine andere Form von Künstlichkeit. Fest steht, dass „Die geliebten Schwestern“ ein unkonventioneller(er), zweifelsohne kaum mehr assoziativer Essay-Graf ist. Der sich im Taumel seiner Accessoires verlierende, sonst Genre-immanente Prunk, eingefasst von ausladenden Totalen einer anderen (verschwenderischen) Zeit, wird ausgespielt gegen knappen, gewissenhaft ausgeschmückten Raum, gegen eine Verdichtungsstrategie, die den Figuren einen geradlinigeren Zugriff über an einer Hand abzählbare Orts- und Zimmerwechsel erlaubt. Einer intuitiven Führung verwehrt sich Graf, was ihn interessiert, ist im Beherrschen, Dämpfen und Dimmen des leichten Pathos verborgen.

An das Manuskript einer längst überholten, schnöden TV-Version rührseliger Anekdotensammlungen zwischen Aufleben und Erinnern hält sich der deutsche Avantgarde-Filmemacher trotz eines größeren, kommerzielleren Formats, in dem er hier arbeitet, aber keineswegs. Sprunghafte, gediegene Zooms, nervöse, ungestüme Reißschwenks, farbenprächtige, stilverliebte Datumsangaben, direkte Kontaktaufnahmen der Schauspieler zum Zuschauer, das Einschieben einer Tonspur, die umso gefräßiger anschwillt, je ausgedehnter eine mehrdeutige Wirkung erzielt werden soll: Nichtsdestotrotz ist Graf gewillt, über für ihn allzu typische Codierungen einer handwerklich längst stagnierenden Gattung des deutschen geschichtlichen Ereigniserzählens Anregungen zu geben, die den Staub beseitigen, der zu lange darauf haften geblieben ist. Symbolisch abgesteckt – Wasserfälle und Lilientapeten etwa, zwei wiederkehrende Zeichen liebestoller Symbiose –, belebt Graf immer wieder eine erotisch-verträumte Sinnlichkeit, die im Streit in einer Kutsche bei Sturm und Gewitter sowie in der Gegenüberstellung von animalischem Sex und einer ebenso lautstarken Geburtsprozedur in eine temperamentvolle Montage überleitet.

Graf faszinierte es, „einen Film über Worte zu machen“, wie er schrieb, „Worte der Liebe, der Versprechen, der frohen Sehnsucht nach einem anderen bürgerlichen Leben.“ Dieser Wahrheit entsprechend bebildert er die Liebesaufwallung von Friedrich Schiller (Florian Stetter) und zwei adligen Schwestern, den Schwestern von Lengefeld, Thüringen (Henriette Confurius, Hannah Herzsprung), als gemeinsam miteinander vereinbartes, familiäres Lustbankett, von dem jeder kosten und einen persönlichen Nutzen daraus ziehen darf, ohne dass die Eifersüchteleien hinsichtlich der Unkontrollierbarkeit der Konkurrenz und der Spontanreaktion der Lust beginnen, zerstörerisch die Schenkel des Dreiecks auseinanderzuziehen. Vorerst. Chiffrierte Worte sind in diesem Kontext immens wichtig, denn es ist eine Beziehung, die im Verdeckten, Unauffälligen eine Geheimsprache begründet – Briefe mit obskuren Kennzeichen, die geschrieben, verschickt, empfangen, übersetzt, interpretiert werden. Geduldig fängt die Kamera diesen wiederkehrenden Vorgang ein und verharrt auf den verwehten, verwischten Buchstaben und geometrischen Linien. Kein Zufall, dass ausgerechnet eine in die Erde gezeichnete Stadtkarte den Beginn der Begierde markiert.

Deren Ende übrigens – wiederum ein Schattenspiel, ein Dreieck, zwei Schwestern als ungenaue Silhouetten, die ihren (weißlich herausgestellten) Geliebten in der Mitte wie zwei schwarze Säulen umringen. Florian Stetter spielt einen Friedrich Schiller, der, schöpferisch, bezirzend, idealistisch, aber auch liederlich und unzugänglich, das System herausfordert, in dem er hineingeboren wurde, dessen Schaumschlägerei, das Klammern an Direktiven, konservativen Kräften und Wertevorstellungen, die mit offenherziger Wahrheit und rationaler Gegenkritik nachhaltig zu erschüttern, zu beeinflussen sind. Graf porträtiert nebenbei (und das ist ein bekanntes Motiv seines Schaffens) eine von Mentalitäten gekennzeichnete Welt voller Anpassungsschwierigkeiten, die im Aufbruch ist und einen Wandel zur Anerkennung vollzieht: Aufklärung, Buchdruckkunst, Prosa, Geschichtsliteratur, wohingegen der Sprache der Darsteller als solches (irre: Claudia Messner, die ihrem Diener drakonisch das Grinsen verbietet) andauernd etwas unübersehbar Artifizielles anhaftet, als ob sie einen Text aufsagen, statt ihn zu gestalten. Das Problem deutscher Biedermeier-Theatralik, die synthetisch, schmalzig wirkt, infiziert auch diesen ambitionierten Graf-Film szenenweise.

Überhaupt: Ambition. Graf fertigte drei unterschiedliche Schnittfassungen an. Eine davon, sie läuft knapp 140 Minuten und ist damit die kürzeste, behält sich ausschließlich das Kino vor. Ihr Rhythmus ist seltsam, ihr Tonfall inkonsequent, zunächst bedächtig, dann, im Zwist beiderseitigen Geheimnisses, der ja doch kommen musste, unruhig und schnell. Besonders die zweite Hälfte des Films ist angefüllt mit konfliktreichem, auch ein wenig trivial-seichtem Drehbuchstoff, mit Streit, Häme und vergeblicher Versöhnung, aber ihr gelingt es nicht, die Spannung dahinter zu greifen. Der Tod Schillers aus dem Off ist dafür ein Beispiel, bedeutungsvolle Schlüsselgeschehnisse unschön zu überspringen, um zur nächsten Situation zu hasten. Auch wenn Graf den Dreh „genoss“, in verschiedenen Tempi zu inszenieren und zu schneiden, ist dieser Fassung eine zerfaserte Zweiteilung anzumerken, die ab einem bestimmten Schnitt das Erzählen mit unterschützendem Symbolgehalt verlässt und austauschhalber einer Sprache planmäßiger Konstruktion huldigt. In einem Dominik-Graf-Film wahrlich eine Exklusivität, aber womöglich konnte Graf sich auch nicht in einem epochalen Studiofilm bedingungslos vom ARD-und-ZDF-Deutschen lossagen.

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