Irgendwo in Afrika hebt Agu seine Machete. Er atmet heftig, ihm ist schlecht, seine Knie sind weich, die Machete wiegt schwer in seiner kleinen Kinderhand. Vor ihm kniet ein Mann, der um sein Leben bettelt und schreit. Agu wird ihn nicht hören können. Er weiß, dass er diesen Mann töten muss. Er lässt sich einige Sekunden Zeit und schlägt die scharfe Waffe in den Kopf des Mannes. Ein Freund von Agu, ebenfalls mit einer Machete ausgerüstet, gesellt sich zu dem jungen Krieger – gemeinsam schlagen sie immer wieder mit ihren veralteten Kriegsinstrumenten auf den Mann ein. Es ist einer von vielen bestialischen Momenten, die Cary Joji Fukunaga auf den Zuschauer feuert, der vielleicht ein wenig nichtsahnend die erste Spielfilmproduktion des Online-Streaming-Dienstes Netflix an einem Samstagabend schaut. Dieser mutige Film sorgt dafür, dass die eventuell parat gestellten Chips mit Sicherheit geschlossen bleiben oder zumindest sehr schwer im Magen liegen.

Denn das Kriegsdrama „Beasts of No Nation“, das in einem nicht näher benannten Land Afrikas spielt, ist 137 Minuten Chaos, Zerstörung, Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit. Der Film dreht sich um Agu, der nach dem Tod seines Vaters und Bruders in einem Kriegsbataillon unterkommt und dort das Töten lernt. Angeführt von einem grausamen Lieutenant (großartig: Idris Elba), der Menschen benutzt, um noch mächtiger zu werden. Dass der Film funktioniert, verdankt er einerseits seinen Schauspielern und andererseits der schonungslosen Darstellung eines Themas, das gerne vergessen oder totgeschwiegen wird. Lediglich am Ende zeigt der Film Schwächen und endet konträr zum vorherigen Verlauf unstimmig. Davon abgesehen ist die Produktion ein Genuss für Filmliebhaber. Netflix hat sich nämlich genau den richtigen Mann für dieses Projekt gesucht: Mit „Sin Nombre“ und „Jane Eyre“ hat der junge Fukunaga schon zwei starke Filme abgeliefert, auch Serienfans durften ihn durch „True Detective“ lieben lernen.

In „Beasts of No Nation“ zeigt er sich nicht nur für Drehbuch und Regie verantwortlich – er ist zudem für die Kamera zuständig, die als herausragend bezeichnet werden darf. Dabei versteht er es mit ihr zu posieren, ohne unangenehm aufzufallen („Victoria“). Entstanden ist dabei ein handwerklich herausragender Film, der sich dem Zuschauer ins Gedächtnis brennt und sicherlich nur sehr langsam vergessen wird. So darf, so muss Kino viel häufiger sein.

Meinungen

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