Das Wetter spinnt, aber unsere Herzen frieren dennoch. Dieses Jahr mit seinen dreihundertfünfundsechzig Tagen ließ uns nämlich schütteln und hadern – mit den Filmen und filmnahen Werken, die es uns zu präsentieren wagte. Nein, es war keine Zeit des Kinos, sondern eine Zeit gegen das Kino und unsere Sehgewohnheiten. Es war eine Zeit, in der Streamingportale mit ihren Weltpremieren eine Alternative auf dem kleinen Bildschirm einläuteten, und es war eine Zeit, die sich ihrer bisherigen neunzigminütigen Schnappatmung zu entledigen gedachte. Das Kino als exklusive Vorführanstalt, es ist endgültig passé. Und doch: Vielleicht bricht gerade jetzt eine neue Zeitrechnung an, die, eine kurze Eingewöhnung vorausgesetzt, willens ist, mutiger und unbequemer die Zukunft eines Kinos zu definieren, das auch abseits des Kinos stattfinden darf. Nur weil uns der große Konsens nicht mehr berührt, dürfen wir allerdings nicht verzagen. Sparen wir uns schließlich jenen Kulturpessimismus, sehen wir … Schönheit. Über elf Minuten. Oder in fünfundzwanzig Filmen.

Die beeindruckendsten Filme

Szene aus „The Lobster“ © Protagonist Pictures

Szene aus „The Lobster“ © Protagonist Pictures

Die Regisseure und Autoren meinten es wahrlich nicht gut mit uns. Aber an den Prüfungen, die sie uns auferlegten, durften wir gleichsam wachsen. Denn Film sollte keine Wohlfühlfabrik sein und keine heiße Schokolade – obwohl uns dies weisgemacht wird. Auch wir nämlich müssen wagen, das Sehen erst einzubüßen, um schließlich, auf andere Weise, zu unserer Liebe und zu unseren Ursprüngen zurückzufinden. Manchmal sogar bluten wir unter dieser Prämisse; wenn es auch nur Tränen sind. Daher investierten wir nicht nur Schweiß, nicht nur Ohrenschmalz, nicht nur Luft, nicht nur Popcorn, nicht nur von glücklichen Kühen verarbeitetes Rinderhackfleisch, das in unsere Hamburger geriet. Aber wir erhielten dafür viel mehr, für jede Sekunde, der wir Kino in seiner fernsten, brennendsten, anstößigsten, schönsten Form beiwohnen durften. Selbst mit ausgestoßenen Augen, selbst blind. Christian Friedrich Hebbel sagte immerhin: „Der Mensch ist ein Blinder, der vom Sehen träumt.“ Nur wir eben, wir träumen nicht vom Sehen – wir träumen vom Film. Noch immer, für hoffentlich viele weitere Jahre.

Und daher feiern wir: „The Duke of Burgundy“, „Son of Saul“, „El Club“, „Steve Jobs“, „Princess“, „Going Clear“, „It Follows“, „Die Melodie des Meeres“, „National Gallery“, „Leviathan“, „Erinnerungen an Marnie“, „Alles steht Kopf“, „The Tribe“, „Birdman“, „The Russian Woodpecker“, „Jeder der fällt hat Flügel“, „A Girl Walks Home Alone At Night“, „Court“, „45 Years“, „Mad Max – Fury Road“, „The Lobster“, „The Look of Silence“, „The Embrace of the Serpent“, „Whiplash“ und „Carol“. Aber nicht nur, nicht ausschließlich. Denn es gab noch mehr.

Augenblicke, die …

Szene aus „Victoria“ © Senator/Central

Szene aus „Victoria“ © Senator/Central

… musizierten:Junun“ besäuft sich am spirituellen Nichts, an der chilligen Momentaufnahme, die Füße hochlegen zu können. Und fremdländischer Musik zu lauschen. Paul Thomas Anderson filmt vereinzelte, statisch umkreisende Musikproben und symbolisch genuschelte Anekdoten, begegnet dem Klang einer frenetischen Zivilisation mit gleichfalls distanzierter wie geduldiger Leidenschaftlichkeit, ohne sie aus dem Off zu analysieren. Die Kamera setzt nur teilweise an, sich schwebend fortzubewegen und sich an Personen zu binden, die ihrerseits den Raum wechseln.

… fortleben: Über 317 Minuten. Aber sich deswegen fürchten? Aus Angst, in fünfeinhalb Stunden mehr Leben zu bestaunen? Hamaguchi Ryûsuke interessieren jene Bedenken nicht; er kümmert sich sogar wenig genug um sie, dass er uns manchmal in Echtzeit zeigt, wie Film funktioniert, wenn er nicht mit starren Gummibändern dressiert wird. Nicht nur darin ist „Happy Hour“ ein urjapanisches Gedicht, das sich viel Zeit lässt und seinen vier Frauen wie Blättern im Wind zuhört. Die Faszination dieses Films rührt jedoch vor allem aus der Vitalität, mit der Hamaguchi seine Protagonistinnen zeichnet.

… zerstörten: Irgendwo in Afrika hebt Agu seine Machete. Er atmet heftig, ihm ist schlecht, seine Knie sind weich, die Machete wiegt schwer in seiner kleinen Kinderhand. Vor ihm kniet ein Mann, der um sein Leben bettelt und schreit. Agu wird ihn nicht hören können. Er lässt sich einige Sekunden Zeit und schlägt die scharfe Waffe in den Kopf des Mannes. Es ist einer von vielen bestialischen Momenten, die Cary Joji Fukunaga auf den Zuschauer feuert. Denn sein „Beasts of No Nation“, das in einem nicht näher benannten Land Afrikas spielt, ist Chaos, Zerstörung, Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit.

… fühlen ließen: Mit einem Stroboskopgewitter eröffnet Sebastian Schippers „Victoria“ den Zugang in eine Berliner Nacht, der wir als geisterhafte Begleiter in Echtzeit und einer einzigen Einstellung beiwohnen dürfen. Sein Einblick in die Intimität weniger Charaktere offenbart bescheidene und tiefe Sehnsüchte, und verspricht eine Nähe jenseits der Leinwand, die stilistisch so ungehemmt wie möglich in die Auffassung cineastischer Lebendigkeit blickt. Wie meint Sonne doch zu Beginn des Films frech und doch traumtänzerisch: „Irgendwann gehört der Klub uns!“

… dokumentierten: Und auch nicht. Die Wahrheit ist bei Jafar Panahi nämlich zugleich eine Lüge – wenn auch keine kolossale. So sehr der Regisseur nämlich mit drei Kameras in seinem „Taxi Teheran“ das Spiel wagt, sein Film wäre echt, so sehr kokettiert er damit, dass sein Film in den Augen seines Betrachters nur echt zu wirken habe, um schließlich echt zu sein. Natürlich ist Jafar Panahi ein Taxifahrer. Denn kutschiert nicht jeder Künstler Menschen, führt sie als Passagiere in seine Höhle und zwingt ihnen, die nunmehr Bekannte oder schon Freunde sind, seine Augen und Ohren auf?

Wir sahen …

Szene aus „Arabian Nights“ © Real Fiction

Szene aus „Arabian Nights“ © Real Fiction

… eine Beziehung: Wie Jugendliche liegen sie zusammen: zwei Männer, die sich seit beinahe vier Jahrzehnten lieben. Ben und George trennt nun jedoch in „Liebe geht seltsame Wege“ mehr als der Spalt zwischen Matratzen, mehr als der Morgen nach einer gemeinsamen Nacht, mehr als die Routine, die sie hatten, während ihre Freunde von einem Partner zum nächsten schlitterten. In wenigen, sublimen Szenen skizziert Ira Sachs diese Beziehung, die ausnahmslos und im filmischen Sinne unaufgeregt ehrlich ist: Denn ihm liegt nichts an einer Pauschalisierung der Liebe, an lärmender Romantik.

… zwei Perspektiven: Dem Leben eine Bühne geben – das klingt redundant, da man diesem ständig ausgeliefert ist. Dennoch lassen sich daraus unendlich viele Geschichten auf die Leinwand bringen. Selten steht allerdings der Alltag im Vordergrund, der weder der klassischen Dramaturgie in drei Akten noch der Sehnsucht eines Menschen entspricht. Man nehme sich also einen Versager, dessen verkrampftes Verhältnis zum Tag trotz Potenzial letztendlich keine Veränderung mit sich bringt. Schon sympathisch nah an der Selbstparodie kontrastiert Hong Sang-soo dann die Varianten des dies beeinflussenden Verhaltens in „Right Now, Wrong Then“.

… drei Filme: Ein Wal explodiert, die Welt wankt, Füße stolpern übereinander, ineinander. Hin zu einem Spalt, einem Lichtstrahl der Befreiung. Aber außerhalb des Kinosaals, dort in der normalen, dreckigen Welt ist auch kein Platz für mich. Zumindest momentan nicht. Vielleicht sogar niemals mehr? Dieser Fluch ist Miguel Gomes anzulasten – und seinen „Arabian Nights“, jenen frei zwischen Stilen und Marotten changierenden Episoden aus „Tausendundeiner Nacht“, die tatsächlich, auf eine unerträgliche, furchtbare, imponierende, freche Weise im gleichen Maße befreien wie sie einengen.

… viel Schweiß: Bei Nathan Silver ist das Kino noch roh, werden die Schauspieler über Craiglist gesucht – und liefert die Videokamera aus den achtziger Jahren die wohl abgefucktesten Bilder, die dieses Jahr auf dem Filmfest München zu sehen waren. Silver lässt seine Kamera laufen, wenn seine Laiendarsteller sich die Seele aus dem Leib spielen, Blut und Wasser schwitzen, die Leinwand zu purer, wilder Energie formen, die jede Minute zu spüren ist. Man hätte dies auch angenehmer, schöner und objektiver filmen können. Doch genau wie seine vorherigen Werke ist „Stinking Heaven“ extrem nahes und persönliches Kino.

… unzählige Geschichten: Für die materiell unabhängigen Indianer kann ein Perlmuttknopf ein Schatz sein. Etwas, dass für sie nicht fassbar, nicht definier- oder gar kalkulierbar ist. Es mag keinen materiellen Wert besitzen, doch für einen Ureinwohner ist die Faszination dahinter größer als jeder Wert. Am Ende gibt es nur noch zwanzig Nachfahren der Indigénas, von zuvor Abertausenden. So vergänglich das Leben der Menschen ist, so versucht Patricio Guzmán die Geschichte der Unendlichkeit des Wassers anzupassen. „Der Perlmuttknopf“ ist eine metaphorische Reise auf den Gewässern Chiles, fließend und reißend.

Die interessantesten Filme des nächsten Jahres sind …

Szene aus „Anomalisa“ © Paramount Pictures Germany GmbH

Szene aus „Anomalisa“ © Paramount Pictures Germany GmbH

… bitterkalt: Gegen alle Umstände, Wetterlagen, Tiere, menschliche Feindschaften und sogar den eigenen Körper gilt es zu bestehen. Wenn ein Film für die große Leinwand geschaffen ist und es trotz dramaturgischen Schwächen wert ist, gesehen zu werden – dann Alejandro González Iñárritus „The Revenant“! Dreckig und schroff wird hier im naturbelassenen Licht des Winters geblutet, geschossen, gesäbelt und geflüchtet, wenn Ureinwohner und Natur den Kampf ansagen. Ein zweieinhalb Stunden langes und bestialisch aufwendiges Survival-Epos mit Leonardo DiCaprio und Tom Hardy (Kinostart am 6. Januar)!

… seltsam: Verborgen im Dickicht der Medienlandschaft ist stets etwas zu finden, das in keine Schublade passt und dem Satz gerecht wird: „So etwas hast du noch nicht gesehen!“ Für derart Geheimnisvolles muss man manchmal tief graben – und so heißt eine der neuesten Errungenschaften jener Bemühung: „Der Bunker“. Was sich in der Titel gebenden Anlage abspielt, ist nämlich garantiert alles andere als gewöhnlich und trotz seines fixen Standpunkts undurchsichtig bis zum Schluss. Der Film von Nikias Chryssos stellt eine familiäre Einheit vor, die von einem Studenten besucht und nur schwer verstanden wird. (Kinostart am 21. Januar).

… menschlich: Charlie Kaufman ist zurück mit seinem existenzialistischen Konzeptfilm „Anomalisa“, der in seinen kleinsten Details ein inniges Gesamtbild im Dienste der Beobachtung ergibt, diese aber nicht für eine Sekunde über die Belange der Charaktere stellt. Ausschlaggebend ist dafür eine Inszenierung, mit der er durch Koregisseur und Trickspezialist Duke Johnson die Veräußerlichung emotionaler Komplexe über Stop-Motion zum Leben erweckt. Die Figuren der Beiden fügen sich zu naturalistischen Abbildern von Menschen, beherbergen in ihren Gesichtern jedoch Einzelteile, die sich je nach Einzelbild austauschen lassen (Kinostart am 21. Januar).

… rabiat: Jeremy Saulniers Exploitationgemetzel „Green Room“ ist ein intensiver Ritt. Darin landet eine junge Punkband einen Gig in einer Kneipe, der schnell zu ihrem Albtraum wird. Ihnen bleibt nur der Kampf gegen das Böse, David gegen Goliath – oder besser: eine naive Punkband aus Washington gegen Furcht einflößende Naziherrchen und ihre Bulldogge, die einen nach dem anderen zerfleischt. Aufgeschlitzte Arme und Bäuche, weggeschossene Gesichter, zerstückelte Körper. „Green Room“ zelebriert den anarchischen Exzess und endet mit einer urwitzigen Pointe: Welche Band sie mit auf eine einsame Insel nehmen würden? (Kinostart am 2. Juni).

… deprimierend: Jeder Witz hat sein Haltbarkeitsdatum, jede Form der Unterhaltung eine unvermeidbare Fallhöhe. Doch die Träger der eskapistischen Entlastung erschaffen sich natürlich nicht selbst, sondern stammen vom Menschen. Umso leichter kann dieser mit in die Tiefe gerissen und im Sand begraben werden, dort im Niemandsland des vergessenen Esprits. In Rick Alversons „Entertainment“ begleiten wir solch ein Wesen ins Delirium. Alverson schlägt mit schwer dechiffrierbarer Brutalität aufs Gemüt – eine Punchline ohne Gnade, dieser Film der blanken Hässlichkeit (noch ohne konkreten Termin).

Wie immer, auf drei, zwei, eins: We’ll see you at the movies!

Meinungen

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Kinostart: 06.04.2017

Tiger Girl

Jakob Lass’ dritter Langfilm zeigt erneut befreites, deutsches Kino basierend auf einem Skelettbuch.

Kinostart: 09.03.2017

Wilde Maus

Josef Haders Debüt als Regisseur ist ein harmloser Film über Kommunikation und Schnee.

Kinostart: 16.02.2017

Elle

Paul Verhoeven kehrt zum Wechselspiel der Moral in der humanistischen Rücksichtslosigkeit zurück.

Kinostart: 08.12.2016

Right Now, Wrong Then

Hong Sang-soo parodiert die Macht der Wahrnehmung, indem er sie egoistisch nacherzählt.

Mr. Long

Sabu, Japan (2017)

Zerbrochene Leben und einstürzende Neubauten: In seiner neunten Berlinale-Teilnahme schickt Sabu Rindersuppen in den Wettbewerb.

Wilde Maus

Josef Hader, Österreich (2017)

Selbstmord durch gefrorenes Wasser: Josef Haders Debüt als Regisseur ist ein harmloser Film über Kommunikation und Schnee.

Occidental

Neïl Beloufa, Frankreich (2017)

Italiener trinken keine Cola! Neïl Beloufa verzettelt sich in seinem chaotisch-absurden Kammerspiel-Debüt.

Tiger Girl

Jakob Lass, Deutschland (2017)

Freiheit durch Reduktion: Jakob Lass’ dritter Langfilm zeigt erneut befreites, deutsches Kino basierend auf einem Skelettbuch.