Marcel Reich-Ranicki sagte es zuerst, Kettcar stimmten darauf ein Lied an: „Geld allein macht auch nicht glücklich. Aber irgendwie schon besser im Taxi zu weinen als im HVV-Bus, oder nicht?“ Entgegen beiden Meinungen kümmert den iranischen Regisseur Jafar Panahi nicht das Geld – wohl aber was Geld zu kaufen imstande ist: die Kunst, die Freiheit, ein System, eine Meinung. Die Größten aber sind jene, die im Taxi weinen und dennoch nicht zwingend Geld besitzen. Oder jene wie Panahi, die sich scheinbar als Taxifahrer verdingen, aber eigentlich einen neuen Film drehen. Illegal, statisch, mit einer versteckten Linse, die sich versteckter Wahrheiten über ein Land ermächtigt. Weil er anderweitig aufgrund eines zwanzigjährigen Berufsverbots nicht drehen darf, sucht Jafar Panahi in „Taxi Teheran“ das Glück semidokumentarischer Floskeln und fiktiver Realitäten. Dort, wo ein Gerechtigkeitskämpfer Dieben den Tod und eine Gerechtigkeitskämpferin Dieben das Leben ansagt, ein Kleinkrimineller mit Raubkopien von verbotenen Filmen handelt und ein nur vermeintlich sterbender Mann digital seine letzten Worten in einem Testament festhält, dort blickt ein Regime nicht auf sein Regiment, sondern auf den Menschen.

Die Wahrheit ist allerdings zugleich eine Lüge – wenn auch keine kolossale. So sehr der Regisseur nämlich mit drei Kameras das Spiel wagt, sein Film wäre echt, so sehr kokettiert er damit, dass sein Film in den Augen seines Betrachters nur echt zu wirken habe, um schließlich echt zu sein. Natürlich ist Jafar Panahi ein Taxifahrer. Denn kutschiert nicht jeder Künstler Menschen, führt sie als Passagiere in seine Höhle und zwingt ihnen, die nunmehr Bekannte oder schon Freunde sind, seine Augen und Ohren auf? Fordert er sie nicht heraus, die ihnen präsentierten Geschichten zu hinterfragen, nach Antworten zu suchen und in fremde Welten zu spähen? Womöglich kreiert Panahi damit ein filmisches Relikt, das sich der Politik und Zensur eines Landes unterwirft, aber aus dieser Begrenzung auch kontinuierlich befreit – ganz im Sinne von Abbas Kiarostamis „Ten“. Beinahe lyrische Qualitäten treten daher zutage, als zwei ältere, abergläubische Damen einen Goldfisch in einer Glaskugel transportieren, um ihn Punkt zwölf an der Quelle Cheshmeh Ali aussetzen zu können. Ein Bild, welches er seinem Debüt „Der weiße Ballon“ wie viele weitere Referenzen an seine Filmografie entleiht. Oder als Panahis Nichte Hana, die in Berlin später den Goldenen Bären entgegennehmen wird, vom aussichtslosen Unterfangen berichtet, im Rahmen eines Filmprojektes zugleich die gnadenlosen Gebote der Lehrerin zu beachten, doch ebenso die Realität oder eine illusorische Wahrheit dieser einzufangen. „Keine Schwarzmalerei!“, mahnt die schulische Instanz. Aber Schwarzmalerei, was ist das schon? Vor allem für ein zehnjähriges Mädchen?

Vielleicht ist „Taxi Teheran“ auch deswegen ein warmer, unerbittlich positiver, offener, freier Film, der die Kunst dieses Mediums nicht mit Geld und nicht mit Trompeten niederzwingen muss, um in seinen Limitierungen dennoch beeindrucken zu können. Nicht vordergründig, weil es ein politischer Film ist. Sondern weil er das Kino beflügelt – auf eine sensible, schlichte Weise, die grenzenlose Sehnsucht zeigt. Indem er seinen Blick nämlich nicht über die Karosserie jenes Taxis schweifen lässt, fordert Jafar Panahi eine Freiheit, die keiner eindimensionalen Meinung oder Aussage unterliegt. Die nicht belehren, nicht konzentrieren, nicht verwehren, nicht exemplarisieren soll. Mit einfachen Mitteln, gesprochen in einfachen Worten von einfachen Amateurdarstellern oder Menschen dokumentiert ein Chauffeur seine Umgebung. Und diese Umgebung ist Realität wie sie auch Allegorie, Parabel oder Lüge ist. Jafar Panahi sagt in seinem „Taxi Teheran“ einmal auch: „Jeder Film ist es wert, gesehen zu werden.“ Jeder, doch manche ganz besonders.

Meinungen

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