Achtung! Achtung! Die Sommer-Saison hat offiziell begonnen! Nun wird es allmählich Zeit, die Sonnenschutzcreme herauszuholen und das Leben zu genießen, denn wenn der Gigant vom Himmel brutzelt, ist jede Möglichkeit der individuellen Entspannung so hell erleuchtet wie sonst kaum im Jahr. In dem Sinne lässt es sich gut feiern und im besten Fall auch endlich mal die Freizeit in Angriff nehmen, zudem darf man auch in recht knappen Klamotten vor die Türe treten. So ein erweiterter Fokus der Optik im sonnigen Ambiente erfreut nun mal jedermann. Deshalb können wir es Euch lieben Lesern nicht übel nehmen, wenn Ihr verstärkt an die frische Luft gehen wollt und uns umso lieber erst des Nachts im heißen Schlafgemach besucht. Wir würden es genauso tun. Nichtsdestotrotz schlafen wir nie auf der Arbeit, da das internationale Kino gar nicht daran denkt, ein Sommerloch im Box Office (höchstens in Eurer Haushaltskasse) zu hinterlassen.

Die Filme im Juli

Was sich allerdings in diesem Juli so alles anbietet, lässt sich kaum unter einem Hut klemmen. Tendenziell lassen sich durchweg große Lose bei der Filmauswahl ziehen, da nur die größten Projekte zu jedem Genre ihre Aufwartung machen. Ob nun Blockbuster, Arthouse, Horror, Arthouse-Horror, Animationsfilm, Teenie-Komödie oder japanischer Hip-Hop: Diesen Monat sind sie wirklich alle vertreten und stellen zumindest vom Marketing her die Königsklasse ihres Sujets dar. Im Grunde ist diese wilde Mischung derartig vergnügt, dass man sich genüsslich alles einverleiben könnte. Weil aber nicht alles in der Königsklasse spielt und wir wissen, wie kostbar Euch die Sonne in diesen Zeiten ist, geben wir auch hier wie jeden Monat fünf nach Kinostart sortierte Filmempfehlungen heraus. Wenn es sonst keiner macht: Auf uns könnt Ihr Euch verlassen, auch bei Sommer, Sonne, Sonnenschein!

Ich seh, Ich seh

Kinostart: 2. Juli. Regie: Severin Fiala und Veronika Franz.

Szene aus „Ich seh, Ich seh“ © Koch Media

Szene aus „Ich seh, Ich seh“ © Koch Media

Die Wucht an zweifellosen Reminiszenzen kommuniziert durch Bild und Ton, visualisiert, verbalisiert, reklamiert. In einer frühen Einstellung entwurzelt sich die Orientierung in Veronika Franz’ und Severin Fialas Spielfilmdebüt allerdings bereits weit genug, dass die Jungen über einen Almboden mit Schrumpfrissen rennen, der unter ihnen wie ein Wackelpudding nachgibt. Eben solche Orientierungslosigkeit fahren Franz und Fiala im Bewusstsein auf, dass ihr Film keineswegs unterhalten muss, aber im Zweifelsfall kann – wenn der Zuschauer sich der sadistischen Akupunktur vollends bewusst wird und nicht dagegen sträubt. Denn „Ich seh, Ich seh“ serviert ohne Arroganz und Eitelkeit, was passiert, wenn das Schlaflied der Familie von Trapp endet, ihr Strahlen ausläuft, die Inszenierung hakt und die Nadel vom Plattenspieler kippt: das Kino im Kopf.

Escobar – Paradise Lost

Kinostart: 9. Juli. Regie: Andrea Di Stefano.

Szene aus „Escobar – Paradise Lost“ © Alamode Film/Filmagentinnen

Szene aus „Escobar – Paradise Lost“ © Alamode Film/Filmagentinnen

Schließlich öffnet sich doch noch die Gelegenheit für eine Genre-gerechte Katharsis im Rückschlag, doch ist diese nur von kurzer Dauer. Stattdessen bleibt Nick der Spielball einer selbst ernannten Gottheit, deren Wege abgesehen vom Selbstschutz unergründlich, doch grausam sind. Alle Wege enden entweder im Blut oder in der Gefangenschaft – das Paradies ist verloren. Darum kehrt auch nach dem Abspann keine Erlösung ein, sondern ein intensives Herzrasen, weil Andrea Di Stefano keine Gefangenen mit seinem Film macht, da seine Charaktere darin gefangen sind. In seiner Hitze ist das Blut schon kalt, weil alles bereits zu spät ist – und doch sehnt man sich nach einem Ausweg, weil man mit Nick so tief im Loch steckt und um Gnade bittet. Das spricht Bände für einen der wohl intensivsten Thriller der jüngsten Zeit, „Escobar – Paradise Lost“.

It Follows

Kinostart: 9. Juli. Regie: David Robert Mitchell.

Szene aus „It Follows“ © Weltkino Filmverleih

Szene aus „It Follows“ © Weltkino Filmverleih

It Follows“ bahnt das Coming-of-Age-Dickicht unter herben Synthesizern und dröhnend-raffinierter 8-Bit-Kulisse mehr noch als in die Sinnsuche junger Menschen in ein abseitiges Märchen über Kontrolle und unbändigen Schauder. Atmosphäre meint hier vor allem ein barbarisches Tongewitter, um wankelmütigen Taumel und die Lust am Tod zu generieren. Als Hugh (Jake Weary) in einem niedlichen Auto-Intermezzo den Fluch an Jay überträgt, schnallt dieser sie erst mal gefesselt in einen Rollstuhl und wartet, bis sich ihr der künftige allfressende Verfolger präsentiert. Ab da an kollabiert alles in unzeitgemäßer Entschleunigung. Zwischen Jagd und Aufrieb liegen die Jugendlichen manchmal nur im Bett, schlafen, ruhen und lassen feine emotionale Bande entstehen; ein bisschen so, wie Richard Kelly seinen „Donnie Darko“ (2001) träumen ließ, dass sich im Tod ein Paralleluniversum aufspannt, in dem die eigene Adoleszenz auch das Fantastische in Beschlag nimmt. David Robert Mitchell glaubt an die Hoffnung, die sich seinen Protagonisten in der Angst offenbart.

Tokyo Tribe

Kinostart: 16. Juli. Regie: Shion Sono.

Szene aus „Tokyo Tribe“ © Rapid Eye Movies HE GmbH

Szene aus „Tokyo Tribe“ © Rapid Eye Movies HE GmbH

Man darf bei „Tokyo Tribe“ reichlich bizarre Eigenarten erwarten, aber kein klassisches Filmkonstrukt oder gar moralische Zurückhaltung. Blanke Brüste lassen sich durchkneten und Höschen blitzen auf, während mit sexueller Gewalt sowie dicken Schwänzen geprahlt wird und die Raps keine noch so primitive Plattitüde auslassen. Shion Sono versteift sich aber nicht auf irgendwelche Ideologien, sondern genießt sein formloses Chaos, das bis zur Eskalation aller urbanen Stämme schamlos ausbeutet und aufgeilt. Das bringt absurden Spaß und ein gewisses Maß an Erschöpfung, allerdings auch eine Grenzenlosigkeit des Wildseins, wie man es dieser Tage höchstens noch von „Mad Max – Fury Road“ kennt. Endlose Eindrücke reißen sich fern entschiedener Auflösungen um die Aufmerksamkeit von Aug und Ohr; Martial Arts und Gangs mit Samurai-Panzern verbünden sich anhand von Rap Battles zum bunten Handgemenge gegen die Bösen; härtegeprüft und superräudig fetzt sich die Musik durch überschwängliche Plansequenzen voll slapstickhafter Einzelbilder.

Taxi Teheran

Kinostart: 23. Juli. Regie: Jafar Panahi.

Szene aus „Taxi Teheran“ © Weltkino Filmverleih

Szene aus „Taxi Teheran“ © Weltkino Filmverleih

Marcel Reich-Ranicki sagte es zuerst, Kettcar stimmten darauf ein Lied an: „Geld allein macht auch nicht glücklich. Aber irgendwie schon besser im Taxi zu weinen als im HVV-Bus, oder nicht?“ Entgegen beiden Meinungen kümmert den iranischen Regisseur Jafar Panahi nicht das Geld – wohl aber was Geld zu kaufen imstande ist: die Kunst, die Freiheit, ein System, eine Meinung. Die Größten aber sind jene, die im Taxi weinen und dennoch nicht zwingend Geld besitzen. Oder jene wie Panahi, die sich scheinbar als Taxifahrer verdingen, aber eigentlich einen neuen Film drehen. Illegal, statisch, mit einer versteckten Linse, die sich versteckter Wahrheiten über ein Land ermächtigt. Weil er anderweitig aufgrund eines zwanzigjährigen Berufsverbots nicht drehen darf, sucht Jafar Panahi in „Taxi Teheran“ das Glück semidokumentarischer Floskeln und fiktiver Realitäten. Und findet das Glück und viele Antworten. Nicht vordergründig, weil es ein politischer Film ist. Sondern weil er das Kino beflügelt – auf eine sensible, schlichte Weise, die grenzenlose Sehnsucht zeigt.

Weitere Starts im Juli

Ebenso in den hiesigen Lichtspielhäusern laufen an: „Insidious – Chapter 3“, „Liebe auf den ersten Schlag“, „Men & Chicken“ (Pro und Contra), „Minions“ und „Der Papst ist kein Jeansboy“ am 2. Juli; „Big Business“, „Den Menschen so fern“, „Duff – Hast du keine, bist Du eine!“, „Entourage“, „Für immer Adaline“ und „Terminator – Genisys“ am 9.; „Am grünen Rand der Welt“, „Amy“, „Heil“ und „Unknown User“ am 16. Juli; „Ant-Man“ und „Magic Mike XXL“ am 23. Juli sowie „Gefühlt Mitte Zwanzig“, „Margos Spuren“, „Pixels“, „Slow West“ und „Still the Water“ am 30. Juli.

Für alle, die sich ihre Hintern lieber oder vorrangig auf der heimischen Couch platt drücken, gibt es: „Frau Müller muss weg“ und „Selma“ ab 2., „Chappie“ ab 9. Juli, „Palo Alto“ ab 10. Juli, „Die Frau in Schwarz 2 – Engel des Todes“ und „Verstehen Sie die Béliers?“ ab 16., „Kingsman – The Secret Service“ ab 23., „Focus“, „Home – Ein smektakulärer Trip“ und „The Boy Next Door“ ab 30. sowie „Still Alice – Mein Leben ohne Gestern“ und „Wild Card“ ab 30. Juli.

Meinungen

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Kinostart: 06.04.2017

Tiger Girl

Jakob Lass’ dritter Langfilm zeigt erneut befreites, deutsches Kino basierend auf einem Skelettbuch.

Kinostart: 09.03.2017

Wilde Maus

Josef Haders Debüt als Regisseur ist ein harmloser Film über Kommunikation und Schnee.

Kinostart: 16.02.2017

Elle

Paul Verhoeven kehrt zum Wechselspiel der Moral in der humanistischen Rücksichtslosigkeit zurück.

Kinostart: 08.12.2016

Right Now, Wrong Then

Hong Sang-soo parodiert die Macht der Wahrnehmung, indem er sie egoistisch nacherzählt.

Mr. Long

Sabu, Japan (2017)

Zerbrochene Leben und einstürzende Neubauten: In seiner neunten Berlinale-Teilnahme schickt Sabu Rindersuppen in den Wettbewerb.

Wilde Maus

Josef Hader, Österreich (2017)

Selbstmord durch gefrorenes Wasser: Josef Haders Debüt als Regisseur ist ein harmloser Film über Kommunikation und Schnee.

Occidental

Neïl Beloufa, Frankreich (2017)

Italiener trinken keine Cola! Neïl Beloufa verzettelt sich in seinem chaotisch-absurden Kammerspiel-Debüt.

Tiger Girl

Jakob Lass, Deutschland (2017)

Freiheit durch Reduktion: Jakob Lass’ dritter Langfilm zeigt erneut befreites, deutsches Kino basierend auf einem Skelettbuch.