Eine Kontroverse, zwei Meinungen. Daher besprechen wir Anders Thomas Jensens „Men & Chicken“ mit Mads Mikkelsen gleich doppelt. Die negative Zweitkritik findet sich hier.

Männer und Hühner. Hühner und Bullen. Eulen und Hunde. Eigentlich würden sich viele dieser Kombinationen als Titel für Anders Thomas Jensens vierten Spielfilm „Men & Chicken“ eignen. Nach „Blinkende Lichter“, „Dänische Delikatessen“ und dem grandiosen „Adams Äpfel“ gelingt dem Dänen nach zehn Jahren Regie-Abstinenz eine unterhaltsame Komödie, der es wahrlich nicht an schwarzem Humor mangelt. In bekannter Manier wird das Absurde zur Normalität und vollkommen abgedrehte Charaktere konkurrieren um die Krone der Groteske.

Elias (Mads Mikkelsen) und Gabriel (David Dencik) liegen sich da erst trauernd in den Armen, ihr Vater ist soeben verstorben und hinterlässt eine VHS-Kassette. In dieser erfahren die Brüder, dass sie Adoptivkinder sind und nur den Vater als gemeinsames Elternteil haben. Schon die Videobotschaft ist in einer typisch skandinavischen Art inszeniert: Anstatt der Ernsthaftigkeit der Lage gerecht zu werden, platziert der Verstorbene seine Kamera so, dass man nicht sein Gesicht, sondern nur seine Unterhose erkennt. Die Botschaft ist voller Lakonik; außerdem wird sie nicht einmal zu Ende geführt, sodass die Beiden perplex vorm Fernseher sitzen bleiben. Dabei sind sie schon zuvor ausreichend charakterisiert worden – Jensen braucht nur wenige Minuten, um die Rollenverteilung aufs Deutlichste darzustellen: Elias scheint zurückgeblieben und onaniert während eines Dates auf der Toilette, während Gabriel der kluge Kopf in diesem einseitigen Zweiergespann ist. Auf einer kleinen Insel, die den demografischen Wandel drastisch erfährt, soll ihr eigentlicher Vater als Hundertjähriger in einem riesigen Gebäude leben. Sie machen sich gemeinsam auf den Weg zu ihm.

Angekommen müssen die beiden feststellen, dass sie noch weitere Halbbrüder haben, die allesamt von sozialer Intelligenz und Schönheit gesegnet sind. Sie heißen Gregor (Nikolaj Lie Kaas), Franz (Søren Malling) und Josef (Nicolas Bro). Was dabei vielleicht auffallen mag – Jensen bestätigte dies in der Gesprächsrunde auf dem Filmfest München: Es handelt sich hierbei um Anspielungen auf Franz Kafka sowie seine Charaktere Gregor Samsa sowie Josef K. Die Referenz ergibt Sinn, weil die Halbbrüder Elias und Gabriel die eigentliche Suche nach dem Vater erschweren, indem sie die Zwei erst gar nicht in das zerfallene Haus einlassen wollen und später immer wieder den Weg versperren. Die beiden Protagonisten erhalten biblische Namen; sie stehen für die religiöse Affinität Jensens und auch für eine gewisse Moral, die ihren Brüdern vollkommen fremd ist. „Men & Chicken“ wechselt clever zwischen rabenschwarzer Komödie, groteskem Drama und nutzt die Räumlichkeiten für Horrorelemente sowie Science-Fiction. Dieser Mix aus verschiedensten Genres tut der Geschichte gut, mit viel Abwechslung arbeitet Jensen von Slapstick-Einlagen bis hin zur emotionalen Eskalation.

Komische Dinge geschehen in diesem maroden Gebäude, einem Lost Place, das nicht weit von Berlin in gelungener Kameraarbeit von Sebastian Plenkov eingefangen wurde. Dieser filmt seit „Dänische Delikatessen“ für Jensen, wie der dänische Regisseur auch allgemein mit ihm bekannten Gesichtern arbeitet: Mikkelsen ist ebenso wie Kaas in all seinen Werken zu sehen, Nicolas Bro in zumindest drei Filmen. Die fast zehnjährige Abstinenz liegt im Übrigen daran, dass Jensen vierfacher Vater wurde. Eines seiner Kinder flüstert so am Anfang und am Ende des Films den Pro- und Epilog. Eine sehr starke Szene zeichnet das Familienleben der Jensens nach, als sich die Halbbrüder bei Tisch um die Teller streiten. Dass es sich hierbei um Erwachsene handelt, deren Gemeinsamkeit nicht nur im selben Vater liegt, sondern in der Tatsache, dass sie keinen besonders geistlich gesunden Eindruck erwecken, ist witzig und keineswegs albern. Der gesunde Verstand wird in Gabriel personifiziert, der als Einziger den Kreislauf des Schwachsinns durchbricht und sich dadurch immens vom Rest unterscheidet. Interessant ist die bipolare Lebensweise der Kafkabrüder, die statt zu kommunizieren lieber den nächsten Balken nehmen, um aufeinander einzuschlagen, andererseits aber intelligent kommunizieren können, wenn sie beispielsweise Bücher des Vaters besprechen.

„Men & Chicken“ bietet höchste Schauspielkunst: Mads Mikkelsen ist wie immer eine absolute Offenbarung, aber auch seine Kollegen meistern die nicht leichte Aufgabe bravourös. Die Neugierde wird zu Beginn sehr schnell geweckt, den Spannungsbogen hält Jensen mit kleinen Durchhängern bis zu einem Rahmen bildenden Ende, das mehr oder wenig überraschen mag – je nachdem, wie viel man während des Filmes analysiert.

Meinungen

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