Dem Leben eine Bühne geben – das klingt redundant, da man diesem ständig ausgeliefert ist. Dennoch lassen sich daraus unendlich viele Geschichten auf die Leinwand bringen. Selten steht allerdings der Alltag im Vordergrund, der weder der klassischen Dramaturgie in drei Akten noch der Sehnsucht eines Menschen entspricht. Man nehme sich also einen Versager, dessen verkrampftes Verhältnis zum Tag trotz Potenzial letztendlich keine Veränderung mit sich bringt. Schon sympathisch nah an der Selbstparodie kontrastiert Hong Sang-soo dann die Varianten des dies beeinflussenden Verhaltens in „Right Now, Wrong Then“. Im Mittelpunkt steht der Regisseur Ham Cheon-soo (Jeong Jae-yeong), der in der winterlichen Kargheit mit zufälligen Begegnungen den Tag verbringt und erst am Namen in seiner Funktion erkannt wird. In gemächlicher Gangschaltung und teils mit klimpernder Jahrmarktsmusik unterlegt, transportiert der Film seinen Protagonisten mit leichtfüßiger Distanz, hält ihn in seiner Prätention für eben jene Wurst, die Redundanzen am laufenden Bann produziert, um zu beeindrucken. Schon bald mag er die Malerin Min-hee (Yoon Hee-jeong) auf diese Art für sich zu erobern, doch im naturalistischen Spiel untereinander werden die Szenarien zwar gemütlich, aber unser Held wird ein unbeholfener Besserwisser voller versemmelter Gesten und Konversationsmodi.

Die stellen sich allerdings als nicht so krass heraus, wie es das allgemeine Lustspiel fordert. Stattdessen gibt sich die Gestaltung dem Fokus aufs allgemeine Gespräch hin – ob nun in Kaffeehäusern, Bars und bei Bekannten. Das Image aus behauptetem Kunstwissen erschafft dabei Momente der Fremdscham im verhaltenen Flirt und einen insgesamt erfolglosen Abend, der sich nur bedingt selbstsicher am nächsten Tag fortsetzt. Hier beginnt aber erst der Clou in dieser Betrachtung zur Selbstgefälligkeit der Gattung Filmregisseur. Eine neue Sicht der Dinge stellt das bis dahin filmisch Aufgelöste zu einer Idealvision zusammen, welche selektiv verbessert wird und die Reflexion zum Geschehenen in eine vorteilhafte Absicht kondensiert. Die Mechanismen des schwächelnden Egoismus veräußerlichen nicht bloß die technische Manipulation durch eine subjektive Nacherzählung, sondern sind auch zur Charakterstudie auf zwei Wahrnehmungsebenen geeignet. Die Unterschiede definieren sich aber nicht aus grotesker Megalomanie, sondern aus der Unbedingtheit zur Bestätigung, auch immer das Richtige sagen zu können oder an passender Stelle Drama zu erzeugen, aus dem Ham als ideologischer Sieger voller Bescheidenheit glänzt.

Die subtilen Reinterpretationen und Umstellungen brauchen nicht auf sich aufmerksam machen, weshalb die Form der Nacherzählung dem Original entspricht, aber nur wenig glatter und kontrollierter für die Egoperfektion verändert werden muss. Hong Sang-soo zeigt also in ausgiebiger Beobachtung die Lächerlichkeit jener inneren Deutung am Beispiel seiner eigenen Berufsgattung, die sich gerne liebenswerter Ticks und Eigenarten zur intellektuellen Multidimensionalität hingibt. Das psychologische Spiel treibt einen Schabernack, der sich unabhängig von seiner Ausgangslage durchaus souverän gibt, doch im Kontext zu einem hintergründigen Lachwerk wird. Als Metakommentar wird dies bescheiden wie pointiert ausgedrückt. Ein Künstler bedient sich beim Leben, aber er formt es auch, weshalb „Right Now, Wrong Then“ trotz seines Minimalismus, in schlichter Optik voll uriger Zooms, reichlich über die Macht der Erzählung illustriert, ohne die meisterhafte Komik daran versiegen zu lassen.

Meinungen

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