Es stellt sich unausweichlich die Frage, warum Joshua Oppenheimer mit „The Look of Silence“ nochmals in jenes Sujet dringt, das er in „The Act of Killing“ behandelt hat – nun jedoch aus der Perspektive der Opfer jener Morde an Kommunisten zwischen 1965 und 1966, welche von der indonesischen Regierung und Armee angeordnet wurden. Welche neuen Erkenntnisse aber können gezogen, welche alten Wunden müssen aufgerissen werden? Schnell wird jedoch klar, dass jene Fragen in Indonesien von höchster Not sind. Im konzentrierten Rahmen eines Dorfes schildert Oppenheimer eine stille, doch brodelnde Gemeinschaft aus einstigen Tätern und Opfern, zwischen denen das Einverständnis herrscht, die Vergangenheit ruhenzulassen. Allerdings wurde sie nie wirklich verarbeitet und keinerlei Dialog angestrebt. Somit heißt es Bahn frei für staatliche Propaganda, Geschichtsverzerrung und die Heroisierung unmenschlicher Verbrechen. Schockierend wirkt dabei das taktlose Verhältnis zur Gewalt, welche dem Feind angerechnet und gleichsam sadistisch entgegnet wird, wobei dies im dortigen Schulsystem ohne kritisches Hinterfragen aufgezählt wird, da die Opfer ohnehin entmenschlicht werden. Schon die Vermutung seitens der Regierung reicht dort aus, um Kommunisten zu Atheisten und Ehebrechern zu degradieren.

Umso einfacher lässt sich im Nachhinein mit den Gräueltaten protzen – teilweise mit einem nervösen Lächeln, da die Täter sich nicht selber für den Tod ihrer Mitmenschen verantwortlich fühlen. Diejenigen, die heute noch im Vorteil der Taten leben, sprechen ebenso jede Verantwortung ab; jedoch nur, wenn sie von einem leidtragenden Mitmenschen kritisch konfrontiert werden. Auf diesem Weg porträtiert der Dokumentarfilm den örtlichen Optiker Adi bei seinen Begegnungen mit jenen Zeitgenossen, die innerhalb des sogenannten Kommando Aksi  Massenmorde ausführten. Da sein Bruder Ramli unter derer Gewalt zu Tode kam, sind Adis Fragen nach der Vergangenheit unbequemer, da sie dem befohlenen Mord ein Gesicht verleihen, welches nach menschlichen Gründen, nach einem wahrhaftigen Blick in die Augen verlangt. Daher entstehen zwangsläufig Hemmungen und keiner will dem anderen „zu nahe treten“. Doch je direkter die Sachlage angesprochen wird, umso holpriger treffen sich beide Seiten, bis nur noch Schweigen herrscht.

Ein Schweigen, an dem das soziale Verhältnis dort offenbar seit Jahrzehnten scheitert und selbst innerhalb von Familien der Wahrheit entgeht. Stattdessen hoffen sie darauf, dass Gott im Nachhinein die Schuldigen bestraft. Solange sollte Stille herrschen. Denn wer aufmuckt, bekommt Ärger. Die einzige Verteidigung dagegen bleibt selbst für die Unterdrückten nur der Zugriff auf Gewalt: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Eine verstörende Selbstverständlichkeit im gestörten Zusammenleben auf beiden Seiten. Oppenheimers Inszenierung wandert daher im Gegensatz zum Vorgänger entlang entschiedener Stille und fordert eine konkretere Erzählweise. Denn wie kann dem Schrecken, allein in seiner nacherzählten Form, auch anders entgegengekommen werden als mit Sprachlosigkeit? Folglich gestaltet sich das Unverständnis gegenüber der drastischen Sprache der Täter effektiv – im einfachen Volk wie zu den Details des vergangenen, noch immer schwerwiegenden Handelns. Umso furchterregender weitet sich diese Dimension auf den Alltag des modernen Indonesiens aus, in dem keine Zukunft ersichtlich wird, da die Vergangenheit als unausgesprochener Schleier über allem schwebt. Verbunden wird dies mit der Darstellung von Adis blindem wie taubem Vater und scheinbar springenden Kernen, in denen Schmetterlinge heranwachsen – die Wahrheit will hinaus und verschließt sich zugleich; unabhängig davon, ob sie es will oder daran Schmerzen erleidet.

So wie sich der Zuschauer in diesem Komplex der versagten Kommunikation fühlt, ist der Druck unausweichlich und nur mit tosenden Emotionen quittierbar. Oppenheimers Film ist dennoch nicht bloß im Schock gefangen, sondern noch gemäßigter als sein subversiver Vorgänger, da durchweg Versuche der Hoffnung, Einsicht und Vergebung in aller (auch selbstauferlegter) Unterdrückung von den Handelnden unternommen werden. Das meiste Potenzial steckt in der Einheit der Familie. Adi geht darüber hinaus und erhält Abweisung wie Zugang, holt aus Neugier mehr Wahrheit aus seinen Mitmenschen raus, als sie aktiv versuchen zu verheimlichen. Sein Mut wirkt jedoch immer gefährlicher – und auch der Film muss Stabsangaben in Anonymität hüllen, da die Mörder weiterhin an der Macht sind und einen Dialog verhindern wollen.

Meinungen

Teile uns deine Meinung zu „The Look of Silence“ mit. Die Angabe eines Namens, einer korrekten E-Mail-Adresse sowie der Kommentartext sind verpflichtend. Alle Meinungen werden moderiert.

Kinostart: 27.07.2017

Django

Étienne Comars Debüt eröffnet mit einem Porträt über Django Reinhardt die 67. Berlinale.

Kinostart: 06.04.2017

Tiger Girl

Jakob Lass’ dritter Langfilm zeigt erneut befreites, deutsches Kino basierend auf einem Skelettbuch.

Kinostart: 09.03.2017

Wilde Maus

Josef Haders Debüt als Regisseur ist ein harmloser Film über Kommunikation und Schnee.

Kinostart: 16.02.2017

Elle

Paul Verhoeven kehrt zum Wechselspiel der Moral in der humanistischen Rücksichtslosigkeit zurück.

Mr. Long

Sabu, Japan (2017)

Zerbrochene Leben und einstürzende Neubauten: In seiner neunten Berlinale-Teilnahme schickt Sabu Rindersuppen in den Wettbewerb.

Wilde Maus

Josef Hader, Österreich (2017)

Selbstmord durch gefrorenes Wasser: Josef Haders Debüt als Regisseur ist ein harmloser Film über Kommunikation und Schnee.

Occidental

Neïl Beloufa, Frankreich (2017)

Italiener trinken keine Cola! Neïl Beloufa verzettelt sich in seinem chaotisch-absurden Kammerspiel-Debüt.

Tiger Girl

Jakob Lass, Deutschland (2017)

Freiheit durch Reduktion: Jakob Lass’ dritter Langfilm zeigt erneut befreites, deutsches Kino basierend auf einem Skelettbuch.