Dieser Text stellt keine analytische Kritik dar. Vielmehr handelt sich um einen Erfahrungsbericht, der Miguel Gomes’ „Arabian Nights“ emotional zu verstehen versucht.

Ein Wal explodiert, die Welt wankt, Füße stolpern übereinander, ineinander. Hin zu einem Spalt, einem Lichtstrahl der Befreiung. Aber außerhalb des Kinosaals, dort in der normalen, dreckigen Welt ist auch kein Platz für mich. Zumindest momentan nicht. Vielleicht sogar niemals mehr? Dieser Fluch ist Miguel Gomes anzulasten – und seinen „Arabian Nights“, jenen frei zwischen Stilen und Marotten changierenden Episoden aus „Tausendundeiner Nacht“, die tatsächlich, auf eine unerträgliche, furchtbare, imponierende, freche Weise im gleichen Maße befreien wie sie einengen. Indem Scheherazade, die Frau des persischen Königs Schahrayâr, über die Entwicklung Portugals inmitten einer Krise und innerhalb eines Jahres referiert, rettet sie sich auch hier Nacht für Nacht das Leben. Denn ihr bislang Ehefrauen mordender Mann mausert sich zum Connaisseur der Geschichte aller Geschichten. Gleichsam aber berausche auch ich mich am Kokain der Fabulierlust. Und tauche ein in das Rasen der überbordenden, mehrfachen Exposition des ersten Teils, „The Restless One“, während permanent Gedanken durch meinen Kopf irren, ohne verweilen zu können.

Mich bewegt die Frage, ob Flucht ein Ausweg ist. Die Frage, ob Flucht Erlösung bringt. Die Frage, ob es falsche und richtige Tage, falsche und richtige Antworten gibt. Für Filme. Für das Leben. Ich spüre, wie ich zwischen den Eindrücken des Gesehenen und zu Sehenden treibe wie ein Badespielzug, das gegen die Strömung des Wassers chancenlos ist. Und ich spüre, dass es den porträtierten mittellosen Menschen Portugals vermutlich genauso ergangen sein muss. Der Stöpsel wurde gezogen: Nun ist alles eins und alles entzwei. So werde ich rastlos innerhalb diesen ersten zwei Stunden, denen noch zweimal zwei weitere folgen werden; blicke in Leere und Fülle, sehe viel und wenig, fühle Körper und Geist. Doch zunächst zeigt „The Restless One“ eine Flucht. Die Flucht eines Regisseurs, den natürlich Gomes, der Regisseur selbst, mimt. Auch er will in einem lächerlichen Manöver nur fliehen aus dieser ihm selbst auferlegten Herkulesaufgabe, der scheinbar nur in einem neosurrealistischen Hybriden aus Realität und Fiktion beizukommen ist. Geschichte um Geschichte entspinnt sich – von den Stimmen ehemaliger Arbeiter einer Schiffswerft über zu legalen Brandstiftern, welche einst Bienenstöcke ausgeräuchert haben, hin zu Politikern, die einen schwarzen Zauberer anflehen, ihre Impotenz mit einem magischen Aerosolspray zu kurieren, das ihnen jedoch eine andauernde Erektion beschert. Mein Kopf pocht. Dabei beginnt Gomes erst mit seinen zuckersüßen, komischen, tragischen Analysen, die fortwährend Popklänge unterspülen. Was ist dieser Film? Und was nicht?

Auf der einen Seite fuchst sich der erste Part des dreiteiligen Triptychons über seine halb gare Imposanz hinweg in einen maßlosen Dämmerzustand, dem es an einer kontinuierlichen, kontextuellen Betreuung mangelt. Nein, „The Restless One“ versteht sich nicht als perfekt, obwohl er in stimmungsvoller Ästhetik auf 16 und 35 mm durch Sayombhu Mukdeeprom einen synästhetischen Grad der Perfektion erlangt, die mühelos im winzigen Spalt zwischen Traum und Halluzination rastet. Später spricht ein Hahn, den seine Gemeinde exekutiert sehen möchte, da er ihnen den Schlaf raubt. Und für eine Millisekunde regt sich Apichatpong Weerasethakuls Onkel Boonmee im Bild, das nicht mehr das Bild Gomes’ ist, sondern meine trunkene Kreation aus einem Kino, welches ich für mir bekannt halte, und einem Kino, welches mich mit Fallstricken lockt, auf das ich jederzeit stolpern könnte. Aus dem gleichen atemlosen Gefühl wie Gomes seine „Arabian Nights“ nicht in einen Film pressen konnte, bin ich schließlich nicht in der Lage loszulassen. Nicht nach einer Episode dieses dreiteiligen dünnhäutigen, dicken Mammuts, das auf mich einschlägt, als ob ich ein Reisigzweig wäre, der auf dem Weg ins Paradies auf dem Boden liegt. Wenn dies jedoch wirklich der Weg zum Paradies ist, dann möchte ich ihm beiwohnen. „Und als der Morgen graute, verstummte Scheherazade.“ Und eine seltsame Ruhe befällt mich.

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