Dieser Text stellt keine analytische Kritik dar. Vielmehr handelt sich um einen Erfahrungsbericht, der Miguel Gomes’ „Arabian Nights“ emotional zu verstehen versucht.

Über sechs Stunden lehrte mich Miguel Gomes Demut – und unterwarf mich der Völlerei eines Landes, in dem Straßen, Ecken und Flure, Hähne, Pudel und Wale, Diebe, Träumer und Politiker auf den Kutter einer rhythmisierten Atmosphäre sprangen, während sie an Balladen zündelten, die in einer fernen Zeit auf Eastmancolor gedreht worden wären. Alle fragten: Wo werden Geschichten geboren? Und alle antworteten: Hier nicht, aber ganz besonders hier. In meiner Erinnerung sehe ich Scheherazade aus den Fängen ihres Ehemanns fliehen, ans Meer und an die Bucht, einem Windgeist trotzen, einen Adonis begehren und ihrem Vater, dem Wesir, auf einem Riesenrad ihr Leid klagen. Dort, am Saum des metallenen Ungetüms, das von der Sonne bis zum Mond reicht, wartet Miguel Gomes in einem prächtigen Gewand mit Turban und zieht an einer Zigarette. Doch es ist nicht der Regisseur, der prahlt, mich allein aufgrund seiner Präsenz zu leiten, sondern eine Figur im Körper eines Schauspielers, die mir als Statist in Blütenmustern entgegnet, eine Wahrheit werde ich bei ihr ebenso wenig finden wie einen Kompromiss. Der Kompromiss lautet: „Arabian Nights“ düpiert den blassen, schmalen Knaben, der ihm innewohnt, und entblättert ein Epos, das sich nie bewusst wird, ob es klein oder groß zu sein habe, damit ich ihm grob, milde, aktiv oder passiv begegne.

Eine rigorose Ziellosigkeit kehrt aufgrund dessen in der letzten Sinfonie des pulsierenden Triptychons ein, die sich nach „The Restless One“ und „The Desolate One“ mit dem Titel „The Enchanted One“ schmückt. Obgleich mich in den bisherigen vier Stunden eines unaufhörlich angesprungen hat: Gomes’ Tableaus eint ihre Sehnsucht, ihre Melancholie, ihre Theatralik, ihre Radikalität bis zum Ballast mehr als ein widerspruchsfreier Oberbegriff. Wenn ich nun anfinge, den Portugiesen beim Wort zu nehmen, er ließe mich wohl alle drei Filme in zufälliger Reihenfolge nochmals sehen, um zu betonen, dass er sich seiner Montage in ihrem Panorama, nicht aber ihren einzelnen, splitternden Episoden sicher ist. Ein neues Rätsel präsentiert daher freilich auch „The Enchanted One“: das Rätsel des geschriebenen Wortes. Die Kommunikation zwischen den Menschen ist hier endgültig passé, wurde annulliert oder degradiert, in endlose, impertinente Texttafeln, die sich auf der Leinwand wie Perlen auf einer Schnur reihen; eine nach der anderen – und noch immer eine mehr. Gilt dies heute als monumental? Versteht Gomes sein Kino als serielles Lesespiel, dem Fragmente eines vom Bild entkoppelten Hörspiels folgen? Ich beiße mir die Zähne aus. Nur ein eiserner Wille und ein vielleicht neurotisches Verhältnis zum Film als Erlebnis, sei es Segen oder Fluch, beruhigen meine flüchtigen Beine.

Mit jenem ängstigenden Kniff geißelt mich Gomes zum Dritten, weil er vermutet, dass ich ihm längst aus der Hand fresse, im Bewusstsein, ansonsten hinterrücks von seinen Abhandlungen erdolcht zu werden. Tatsächlich wagt „Arabian Nights“ nach „Aquele querido mês de Agosto“ und „Tabu“ erneut den Zwiespalt eines Regisseurs zu visualisieren, der seine eigene (vielleicht affektierte) Unsicherheit zum Stilmittel erklärt und aus dieser nach Belieben ein- oder ausbricht. Womit er sich zugleich als Metteur en scène und Réalisateur skizziert, ohne auf einen konkreten Unterschied der Begriffe zu pochen. Aber auch als Eskapisten, der sich nicht scheut, weit über eine Stunde mittellose Lissabonner Männer in 16 mm zu dokumentieren, die Buchfinken jagen, fangen, ausbilden und auf Wettbewerben präsentieren, bei denen letztlich der Vogel prämiert wird, welcher möglichst viele unterschiedliche Lieder zwitschert. Miguel Gomes, der Ornithologe, Ethnologe und Somnambule, der Projektor, Psychiater und Lakoniker menschlicher Krisen, zelebriert einen Exzess, der nur scheitern muss, wenn ihm niemand mehr beiwohnen möchte. Wie der Buchfink ist der Film nämlich überall zu Hause. Aber ich meine, dass er sich gerade deswegen nirgendwo heimisch fühlt. „Und als der Morgen graute, verstummte Scheherazade.“ Und auch mir fehlen endlich die Worte.

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