Zuletzt begleitete der gebürtige Neapolitaner Paolo Sorrentino mit seinem Werk „Cheyenne – This Must Be the Place“ (2011) einen zurückgezogenen amerikanischen Ex-Rockstar (Sean Penn), welcher es sich zur Aufgabe macht, sich auf die Spuren der Nazi-Vergangenheit seines Vaters zu machen. Doch mit seinem neusten Film „La Grande Bellezza – Die große Schönheit“ begibt er sich, ganz in der Tradition von „Il Divo“ (2008) und seinen Vorgängern, wieder zurück in seine italienische Heimat. Als Kulisse wählt er dafür keine geringere als Rom, die Ewige Stadt: einst Mittelpunkt der Welt, heute zumindest Mittelpunkt Italiens.

Sorrentino zeigt seinem Publikum eine glitzernde Welt, die sich unter dem blauen Himmel und dem Sonnenschein Roms offenbart. Spiritualität und scheinbare Frömmigkeit, begleitet von bombastischen Bildern, welche die Architektur Roms einfangen, himmlischen Chorgesängen, dem Lachen spielender Kinder, und Glockenklängen. Von Kardinälen, Priestern, Mönchen und Nonnen braucht man hier eigentlich keine Ratschläge für das irdische Dasein zu erwarten. Alte imposante Gemäuer, sowie Kutten scheinen lediglich der Aufrechterhaltung altehrwürdiger Fassaden zu dienen. Den Gipfel der Verehrung erlebt man in Rom nicht etwa während der Gottesdienste, sondern beim Austausch kulinarischer Rezepte. Besonders seltsam erscheint hier der Besuch einer alten Dame, welche, ihres Zeichens Nonne und Wohltäterin, in gewisser Weise Papst Johannes Paul II und Mutter Teresa in einer Person zu verkörpern scheint. Und so wird sie vom römischen Klerus und der alta società prompt zu einer Art Popstar erklärt.

Nebst Vatikan und Co. wären da noch die Intellektuellen, die Schönen, die Reichen und jene die einfach gerne dazu gehören würden. Zwischen Bunga Bunga und den Botox-Partys über den Dächern der Stadt, sehen wir, wie sich verzweifelte Ex-Fernsehstars mit grotesken, von Schönheitschirurgen geformten Körpern und Gesichtern nach Aufmerksamkeit räkeln: Da wäre die Stripperin Ramona (Sabrina Ferilli), die in ihren End-Dreißigern das Nackigmachen einfach nicht lassen kann, außerdem die schlechten Schauspieler, die beschlossen haben Künstler oder Autoren zu werden und schließlich die älteren, teils verheirateten Herren, die nach jungen Körpern lechzen, denen aber am Ende doch nur der Besuch bei einer Prostituierten bleibt.

Klerus und alta società, ein spannender Kontrast, den „La Grande Bellezza“ immer wieder auffängt. Mittendrin Jep Gambardella, der mit Mitte zwanzig seinen ersten und einzigen Roman veröffentlichte und seit jeher eigentlich nur ab und an journalistisch tätig ist, dem aber die Gesellschaft dennoch die Ehre des genialen Autors zuteil kommen lässt. Jep, gespielt vom großartigen Toni Servillo, in unseren Gefilden spätestens aus „Il Divo“ bekannt, besitzt ein fantastisches Appartamento, mit Blick auf das Colosseum, ist gut betucht und feiert, wie seine Freunde, täglich bis zum Morgengrauen. Allesamt sind sie prätentiös, zynisch, erhaben und eitel. Sie gehören zu einer Horde von Autoren, Künstlern und Geschäftsleuten, die glauben allen anderen überlegen zu sein, das Leben durchschaut zu haben. Sie zelebrieren das Dolce Vita oder vielmehr das süße Nichtstun, während sich der Normalsterbliche fragt, wie sich diese Menschen einen solchen Lebensstil überhaupt finanzieren können. Doch kurz nach Jeps 65. Geburtstag beginnt dieser, jenes süße Leben zu hinterfragen, er ist nicht länger bereit Dinge zu tun, auf die er keine Lust hat. Melancholie, Erinnerungen an die große, niemals erwiderte Liebe kommen auf. Jep nimmt die Zuschauer mit auf eine Reise, bei der zwei essentielle Fragen beantwortet werden sollen: Was ist die eigentliche Aufgabe eines Autors? Und: Existiert so etwas wie die große Schönheit überhaupt oder steckt die Schönheit viel mehr im Detail und ist alltäglich?

„La Grande Bellezza“ ist zweifelsfrei eine Hommage an den großen Federico Fellini. Von der Kulisse Roms, bis hin zu den kleineren Anekdoten, erinnert Sorrentinos neustes Werk durchaus an Fellinis „Das süße Leben“ (1960). Es ist ein Ausschnitt der aktuellen Geschichte Roms, wie eben „Das süße Leben“ oder Roberto Rossellinis „Rom, offene Stadt“ (1945).
Stellenweise schafft „La Grande Bellezza“ tatsächlich ein vom Hedonismus geprägtes Italien unter Berlusconi zu skizzieren. Sorrentino bestätigt exakt die Vorurteile, die man im schuldengeplagten Europa schon seit Längerem hegt. Sprich, eine scheinbar nicht selbstreflektierende römische Dekadenz, die seit nun mehr als 2000 Jahren fortzuleben scheint oder zumindest immer wieder eine Renaissance erlebt.

Nach Paolo Virzìs grotesk-komisch, bis tragischem Film „Das ganze Leben liegt vor Dir“ aus dem Jahre 2008, gelingt es einem italienischen Regisseur erneut einen skeptischen Blick auf die eigene Heimat zu werfen, der ein größeres Publikum erreichen könnte. Sorrentino schafft gekonnt den schmalen Grat zwischen Epos und subtiler Satire. Für alle Liebhaber von Schönheit und leichter Melancholie der ideale Film an lauen Sommerabenden, jenseits der Blockbuster im altbekannten Sommerloch. Obschon es der eigentlichen Handlung letztendlich an direktem Zusammenhang und nötigem Biss fehlt und Sorrentinos ursprüngliche Kritik ein wenig ihr Ziel zu verfehlen scheint, sind allein die bezaubernde Kinematographie und die skurrilen sowie geistreichen Dialoge einen Abstecher ins nächste Kino wert.

Meinungen

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