Versunken im Mist – zwischen Schweinen, dem eigenen Blut und Heinrich Heines „Ich habe im Traum geweinet“ –, der durch die Bahnen des Kopfes fließt und diesen von innen zerdrückt. So beginnt die Reise des Regisseurs Peter Brunner durch eine abstrakt einschlagende Gefühlswelt, die sich auf ungewisse Pfade der Schmerzbewältigung begeben muss. In „Jeder der fällt hat Flügel“ sind Körper umgeben von unsichtbarer Gewalt, gedankenverloren in der Last des voraussichtlichen Verlusts, die in jener Härte nur innerhalb der Familie anzutreffen ist. Das Streben nach Erinnerungen und dem gemeinsamen Verbleib pendelt zwischen Glück und Erschütterung, als Kati (Jana McKinnon) und ihre kleine Schwester Pia (Pia Dolezal) ihre Großmutter (Renate Hild, Mutter von Regisseur Brunner) besuchen. Insbesondere zwischen Kati und ihrer Oma schwillt die Gewissheit der Pein, die sich alle drei Generationen teilen müssen: Die älteste mit dem Herzen, die jüngste mit einem Hautausschlag – und Kati mit Asthma und einer Depression, die sie in ihrer Jugend noch nicht eindeutig benennen kann. Brunners Film versucht daher auch nicht, als Auflösung mit Trostpflaster zu funktionieren oder ein starres Drama des Leidens zu sein, das sich womöglich noch Sentimentalität am Muster eines Narrativs abholt.

Stattdessen erzählt er in der Schwere der Umstände von der unausweichlichen Verknüpfung der Liebe zwischen Verwandten mit der kollektiven Angst vor dem Schmerz. Wie sich diese komplexe Sinnlichkeit darstellt, geht unter die Haut und vom Unterbewusstsein assoziativ ins Naturalistische über. Traum und Trauma ergeben zudem eine intensive Einheit, die zum Verständnis des Zuschauers vorstößt, ohne es per Manipulation auszubeuten. Die Tränen fließen ungekünstelt, verlieren sich aber auch im Delirium oder in der Repetition alter Super-8-Aufnahmen, bis sie wieder im Lampenlicht zur Abendstunde beim Kuscheln aufgefangen werden. Das Heimelige währt nicht für immer, aber genauso wenig bewahrt sich die Trauer. In der Atemlosigkeit gegenüber dem Schlussgedanken reißt sich nämlich ein Terror um die angreifbare Seele. Das liegt ebenso abseits des Genres, wühlt aber radikal im schwarzen Schlamm herum und bohrt sich mit Erwartung zur Furcht in Dornen hinein, wie ohnehin – egal, durch wen – an allen Ecken, Mauern, Tieren und Früchten der Zerfall verübt wird. In Bild und Ton brechen dabei imposante Stürme einem Hörsturz gleich durch, breiten sich wie ein Schleier über die Wahrnehmung aus, versetzen sie ins Zwielicht, knallen und brummen durch den finsteren Gang in die Verzweiflung.

Dies sind Mächte, die bereits aus den Mauern des Hauses, der Natur und brachliegenden Container ausdampfen oder sich vom bloßen Auge eines Gemäldes direkt ins Mark bohren und selbst bei der frohlockenden Unschuld der kleinen Pia für Krankes sorgen. Ohnehin sieht man die Unschuld in Gefahr, gewürgt von der Dunkelheit eines neuen Bewusstseins, das sich unbarmherzig an die letzte verbliebene Idylle anschleicht. Weil die Kunst daran allerdings aus keiner inszenatorischen Aufdringlichkeit, sondern aus den Charakteren heraus geschieht, steht der persönliche Zugang untereinander stets an vorderster Stelle der Filmerfahrung – eben wie Kati Gedanken und Eindrücke reflektiert, sich seelisch ab- und ankoppelt, die Zeit zusammen schätzt sowie Schönheit und Ermattung erfährt. Die filmische Balance zu halten, dem Sujet gerecht zu werden und bahnbrechendes Kino zu erschaffen, gelingt hier aus dem Herzen heraus, weil die Vermittlung eines Zustands ganz persönlicher Natur in aller Formvollendung und Geborgenheit geschieht. Die Sprache ist eigen und vertraut zugleich – und dermaßen außergewöhnlich, dass sie die ganze Welt, nicht nur die des Kinos, umstülpt und rührt.

Meinungen

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