Zwischen Wissen und Wissenschaft porträtiert David Cronenberg den Albtraum aus Fleisch und Blut mit Gift und Galle. Zeit, ihm in einer Retrospektive zu huldigen! Des Parasiten dritter Schlag mit „Dead Zone“.

Stephen-King-Bücher sind Gift. Eine Leinwandtransfusion scheitert mehrheitlich an der Ausführlichkeit der Geschichte, die im Kino entsprechend eingestanzt und verkürzt werden muss. Ein Regisseur einer King-Adaption muss sich damit beschäftigen, welche erzählerischen Verknappungen und markttauglichen Dynamiken der Stoff freigibt, ohne die Anhaltspunkte der Intention zu umgehen. Für David Cronenberg war „Dead Zone“ eine Herkulesaufgabe. Der fünfte Roman Stephen Kings, mehr eine psychologische Verbalisierung des bei King vorurteilsschnell abgehandelten „Körperhorrors“, ist ein beispielhafter Kandidat dafür, als King zur Breite tendierte, die zwar auserzählte, aber auch die Geschichte dahin gehend blähte und verschleppte, auf eine Nebenlinie eine andere zu stapeln. In „Dead Zone“ plagt sich der Protagonist Johnny Smith (Christopher Walken) mit innerseelischen Visionen, die zukünftige Geschehnisse vorwegnehmen, maßgeblich beschleunigt durch einen Verkehrsunfall, bei dessen Folgen Johnny fünf Jahre im Koma lag. Als er dem erpresserischen Präsidentschaftskandidaten Greg Stillson (Martin Sheen) die Hand schüttelt, überkommt ihn eine Vorwegnahme drohenden Unheils: Stillson wird einen nuklearen Krieg auslösen. „Dead Zone – Das Attentat“ erscheint als untypischer King – und „Dead Zone“ als ebenso untypischer Cronenberg. Frei von jeder fleischlichen Verstofflichung, befreit vom kryptischen Körper. „Dead Zone“ tut gut, weil er gleichzeitig sensible Romanze, unprätentiöses Charakterporträt und deterministisches Science-Fiction-Drama vereint.

Wo King beide auseinanderlaufende Lebenswege, die von Smith und Stillson, parallel erzählte, klammert sich Cronenberg spürbar gewillter an Johnny, der den damit lineareren Film über seine Nähe aufbaut. Stillson erblickt er am Rande, auf Wahlplakaten, im Fernsehen, während „Dead Zone“ einzelne „Aufträge“ des hellseherischen und bald zu einer Berühmtheit aufgestiegenen Johnnys stufenförmig schildert: von der Ermittlung eines Serienkillers bis zur Nachhilfe für einen autistischen Jungen. Stellenweise wirkt aus diesem Grund auch Cronenbergs vermeintlich stringentes Liebes- und Schicksalswerk wie das semidokumentarische, vor allem lückenhafte (Cronenberg-)Protokoll, Phasen überkommender Mutation, die, zusammengenommen, erdrückendere Belastungen entfacht als der freie Wille, gleichermaßen Körper wie Geist verseucht und schwächt. Die Reduktion, bezogen auf die Vorlage, löst der Film vorbildlich. Nicht nur die überlange Exposition in einem Vergnügungspark schwächt Cronenberg entscheidend ab, auch überträgt er Johnnys neuropathische Störungen akuter Orientierungslosigkeit auf den Zuschauer, der nie recht weiß, in welcher Zeit Johnny gerade versucht, den momentanen Tag einzuordnen. Mit dem Einsetzen von Schneeflocken und den Erinnerungssplittern des ästhetisch vieldeutigen Vorspanns codiert Cronenberg dies symbolisch; der moralische Krieg im Inneren Johnnys kennzeichnet sich durch eine sanfte Regie, einer behaglichen Kamera (Cronenbergs seit Ende der Siebziger gedeihende Kollaboration mit Mark Irwin) und einer feinfühligen Schauspielführung bis in die Nebenrollen präzis geordneter Darsteller (Brooke Adams u.a.).

Martin Sheens manisches Abbild einer republikanischen (Gangster-)Karikatur mag im gemäßigten, nachdenklichen Tonfall des Films ein Störenfried sein, legitimiert allerdings Johnnys unbedingten Entschluss seiner Mission aufs Unmissverständlichste, Stillson in Anbetracht des Wissens, das Johnny erlangt hat, zu erschießen. In letzter Konsequenz jedoch hat Cronenberg „Dead Zone“, diese winterlich-weiße Schauermär, Christopher Walken vermacht, einem atemraubend fantastischen Darsteller. In ihm lärmt das ambivalente Dilemma zwischen Bürde und Segen. Wie er horcht, schwankt, grübelt, sich verdrießlich vorwärtsschleppt und in unbeherrschte Anfälle schlittert, stellt jene spannkräftige Verbindung her, Walken angesichts seiner mimischen Fähigkeiten einen direkten Zugang zu einem mitleidenden Publikum zu erleichtern. Ein raffiniertes Mittel diesbezüglich auch – die surrealen Halluzinationen. Sie beschränkt Cronenberg nicht allein psychisch in Johnnys Kopf, sondern, besonders im Falle einer Krankenschwester, deren Haus Johnny (und im gleichen Atemzug sein Zimmer), brennen sieht, über die derzeitige Trance hinaus, wenn Zukunft und Gegenwart durchdringend zusammenfließen, ehe Michael Kamens zerbrechlich-erweichende Musik Johnny zu absoluter Zärtlichkeit und unbändiger Geborgenheit zurück ins Jetzt begleitet. Insofern kann man Dominik Graf verstehen. Er sieht „Dead Zone“ als Cronenbergs „bislang immer noch erwachsensten Film“ an, wo „Genrekino, Mainstream-Wille, eine grandiose Besetzung und experimentelles Erzählen in ein glückliches Eins zusammenfallen.“ Eine „Erotik der Ökonomie“, gewiss.

Meinungen

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