Zwischen Wissen und Wissenschaft porträtiert David Cronenberg den Albtraum aus Fleisch und Blut mit Gift und Galle. Zeit, ihm in einer Retrospektive zu huldigen! Des Parasiten vierter Schlag mit „Shivers – Der Parasitenmörder“.

Das Jahr 1975 bricht an, David Cronenberg hat soeben seine erste Spielfilmproduktion vollendet. Es ist ein bizarres, schockierendes Werk. Die Vorschau rät dem Zuschauer, schnell einen Psychiater aufzusuchen, falls der Film einen nicht zum Schreien bringt. Aus heutiger Sicht ist dieses Marketing vielleicht ein wenig zum Schmunzeln. Aber es verrät auch viel darüber, was das Kino David Cronenbergs groß gemacht hat: purer (Body) Horror. In diesem und späteren Werken werden Dinge mit Körpern angestellt, die man sich in seinen kühnsten Vorstellungen nicht ausmalen würde. So befallen in „Shivers – Der Parasitenmörder“ widerliche Würmer die Bewohner eines Gebäudekomplexes; die menschlichen Hüllen können fortan nicht mehr denken, sondern werden zu animalisch agierenden Sexzombies.

Das riesige Wohngebäude mit anliegender Golfanlage für finanziell besser gestellte Leute ist ein Ort totaler Anonymität. Die Bewohner kennen sich nicht, sprechen nicht miteinander. In diesem beinahe sterilen Heim, wo alles sauber und ordentlich ist, können sich die Parasiten nach Belieben neue Wirte suchen. Immer mehr Leute werden angefallen und zu willenlosen Objekten gemacht. Sie kennen nur noch die Lust am Sex, der zu weiteren Übertragungen führt. Darin kreiert Cronenberg einen sensationellen und atmosphärischen Horrorfilm, obwohl „Shivers“ ein kleines B-Movie ist. Auch wenn sich die Übertragung von der normaler Zombies unterscheidet, greift der Film auf die Stimmung von George A. Romeros Trilogie der Untoten zurück, wie er ihr auch vorgreift. Es ist ein düsteres und apokalyptisches Szenario, das noch heute oft aufgebaut, aber nie so konsequent wie in diesem Fall zu Ende gedacht wird.

Cronenberg arbeitete für „Shivers“ mit vielen unbekannten und teilweise weniger talentierten Darstellern zusammen. Dies lässt den Film roh und bizarr wirken – doch dieser Touch hat auch etwas ungemein Sympathisches. Fantastisch sind auch die ekligen Effekte, die den Körperhorror Cronenbergs wunderbar eröffnen. Ein großes Studio würde ein Projekt wie dieses heutzutage wahrscheinlich nicht mehr in die Kinos bringen. In Zeiten, in denen sich derartige Filme bis aufs Mark gleichen, ist diese kleine Reise in die Vergangenheit ein richtiges Abenteuer. Genau wie die Protagonisten ist man als Zuschauer diesem Horror ausgeliefert. Schonungslos prasseln die bizarren Ereignisse auf einen ein – in 85 wundervollen, spannenden und nervenzerreißenden Minuten.

Meinungen

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