Zwischen Wissen und Wissenschaft porträtiert David Cronenberg den Albtraum aus Fleisch und Blut mit Gift und Galle. Zeit, ihm in einer Retrospektive zu huldigen! Des Parasiten letzter Schlag mit „Die Fliege“.

Das Arzneischränkchen über dem Waschbecken im Bad ist ein Mausoleum menschlicher Extremitäten, in dem Ohren, Zehen und Hoden als Reste einer Existenz in kleinen Gläsern lagern. Neben Zahnpasta und Zahnseide purzeln aber ohnehin längst Zähne, und Fingernägel perlen von ihren Betten. Bald ist nichts mehr an Seth Brundle, dass ihn zu Seth Brundle machte. Alles wird gut, wagt in David Cronenbergs „Die Fliege“ daher niemand zu sagen. Aus einem naiven, süßen Wissenschaftler (Jeff Goldblum, doppelt exzellent) ist da bereits ein humanoides Insekt geworden; irre, lüstern, animalisch. Es könnte sexy sein, wenn es nicht widerlich, abstoßend und ekelhaft wäre; wenn wir nicht schaudern würden, sobald der einstige Nerd auf allen Vieren an den Wänden hängt und sein Essen per Enzym und reichlich Schleim zersetzt. Der Mensch jedoch opfert sich selbst, während er die Bequemlichkeit der Teleportation entdeckt. Nur ist der Computer abermals schlauer – und beamt Brundle nicht nur von einer Ecke seines Lofts in eine andere, sondern spleißt seine DNS gleichzeitig mit der einer Stubenfliege zusammen. Die Gier des Mad Scientist raubt ihm seinen Verstand, und seine Zukunft gleich mit. Das Resultat ist bis heute faszinierend morbide bis zum Würgereflex. Allein, weil es unsere Paranoia und Neurosen organisch visualisiert.

Der Traum, den Brundle hegt, ist im Grunde eine Angst – die Angst vor der Reise. Es ist der Weg, ob im Auto, Bus oder Flugzeug, den der Technokrat fürchtet bis zur Motion sickness, der Reisekrankheit. Diese Krankheit ist sein Segen und sein Fluch. Zunächst kehren sich die Organe eines Pavians nach Außen, ein Steak schmeckt nicht, wie ein Steak schmecken sollte. Nach der zündenden Idee donnert und blitzt es nochmals greller, Brundle steigt hinein, in einen seiner Telepods, wie er sie nennt; es sind Telefonzellen im Look eines Motorzylinders. Damit definiert Cronenberg zugleich die damalige, Ende der Achtziger herrschende Grundlage der Science-Fiction neu, die sich zwar für das Böse und die obskure Verwandlung in dieses interessierte, aber vielmehr pikiert in den Weltraum wandern musste, um beides zu entdecken. Eine kurze Affäre fragt Brundle zuvor einmal, als er noch unsichtbar zur Fliege wächst, ob er ein Bodybuilder sei. Worauf dieser antwortet: „Ja, ich baue Körper. Ich nehme sie auseinander und setze sie wieder zusammen.“ Es ist die Philosophie seines Regisseurs und Schöpfers, die der Wissenschaftler im Prozess seiner wiederholten Geburt, seiner vermeintlich absoluten Menschwerdung, rekreiert. Die Angst zwingt ihn zum Außergewöhnlichen, das Außergewöhnliche in die Raserei, die Raserei schließlich in den Tod.

„Die Fliege“ werkelt dabei noch heute wie kein zeitgenössischer Film an einem Grauen aus der Maschine, das existiert, weil der Mensch über sich hinauswächst und folglich meint, Gott zu sein. Schon als Brundles Penis fällt und in jenem Mausoleum des Ekels landet, ist seine Zukunft passé. Die Unmöglichkeit zur Reproduktion tötet den Menschen. Was bleibt ist ein selbstsüchtiger Ableger, der sich aus Scham, seine Liebe (Geena Davis, einfach exzellent) könnte ihn verlassen haben, zu Höherem berufen fühlt. Die krankhafte Neugierde, mit der Cronenberg seinen Protagonisten im Stil einer klassischen griechischen Tragödie (Brundle selbst steigt nackt, wie ein junger Adonis, in sein Elend) mutieren lässt, ist eine Metamorphose des Perfiden, mit Wülsten, Pusteln und Körperflüssigkeiten, allesamt echt und ohne Hilfe eines Computers. Gerade deswegen wirkt der Prozess – weil seine Herkunft lebt, und Cronenberg uns dies in vielen klaustrophobischen Szenen spüren lässt. Brundle wird erst ein Supermensch, ein athletischer Fliegenmann wie aus einem Marvel-Comic, bevor er ein arrogantes Sexmonster und später jenes Insekt wird, vor dem wir uns auch Jahrzehnte später grausen. Es geht nichts über eine Vision. Und wie diese scheitert, indem sie wahr wird.

Meinungen

Teile uns deine Meinung zu „Die Fliege“ mit. Die Angabe eines Namens, einer korrekten E-Mail-Adresse sowie der Kommentartext sind verpflichtend. Alle Meinungen werden moderiert.

Kinostart: 27.07.2017

Django

Étienne Comars Debüt eröffnet mit einem Porträt über Django Reinhardt die 67. Berlinale.

Kinostart: 06.04.2017

Tiger Girl

Jakob Lass’ dritter Langfilm zeigt erneut befreites, deutsches Kino basierend auf einem Skelettbuch.

Kinostart: 09.03.2017

Wilde Maus

Josef Haders Debüt als Regisseur ist ein harmloser Film über Kommunikation und Schnee.

Kinostart: 16.02.2017

Elle

Paul Verhoeven kehrt zum Wechselspiel der Moral in der humanistischen Rücksichtslosigkeit zurück.

Mr. Long

Sabu, Japan (2017)

Zerbrochene Leben und einstürzende Neubauten: In seiner neunten Berlinale-Teilnahme schickt Sabu Rindersuppen in den Wettbewerb.

Wilde Maus

Josef Hader, Österreich (2017)

Selbstmord durch gefrorenes Wasser: Josef Haders Debüt als Regisseur ist ein harmloser Film über Kommunikation und Schnee.

Occidental

Neïl Beloufa, Frankreich (2017)

Italiener trinken keine Cola! Neïl Beloufa verzettelt sich in seinem chaotisch-absurden Kammerspiel-Debüt.

Tiger Girl

Jakob Lass, Deutschland (2017)

Freiheit durch Reduktion: Jakob Lass’ dritter Langfilm zeigt erneut befreites, deutsches Kino basierend auf einem Skelettbuch.