Zwischen Wissen und Wissenschaft porträtiert David Cronenberg den Albtraum aus Fleisch und Blut mit Gift und Galle. Zeit, ihm in einer Retrospektive zu huldigen! Des Parasiten siebter Schlag mit „Rabid“.

Wenn man von Apokalypsen redet, denkt man oft an Naturgewalten und göttliche Strafen – als Hintergedanke dürfte aber stets die Schuld des Menschen mitschwingen. Dabei muss der Untergang nicht einmal bewusst herbeigeführt werden: Selbst ein unschuldiges Individuum kann die Kettenreaktion zur globalen Zerstörung auslösen. Darum geht es in „Rabid“ (deutscher Erstaufführungstitel: „Der Überfall der teuflischen Bestien“), einem frühen Werk des kanadischen Autorenfilmers David Cronenberg. Es fängt mit einem Motorradunfall unter Liebhabern an: Hart Read (Frank Moore) wird ins Krankenhaus eingeliefert, seine Freundin Rose (Marilyn Chambers) aufgrund ihrer schweren Verletzungen direkt in eine nahe gelegene Klinik für plastische Chirurgie. Ihr Leben kann mit einer neuartigen Methode gerettet werden, doch wächst im mutierenden Fleisch ebenso eine neue, tödliche Organik an.

In seinem zweiten Spielfilm nach „Shivers“ lässt Cronenberg die körperliche Metamorphose erneut durch den Fortschritt der Wissenschaft geschehen, die er in seinem Gesamtwerk durchweg thematisiert. Wo aber im Vorgängerfilm eher dubios per Transplantation Organe ersetzt wurden, steht hier die Transplantation und Regeneration von Haut sowie Hautzellen schon unter professioneller Aufsicht. Die Folgen dessen verlaufen allerdings abermals katastrophal. Doch landet „Rabid“ nicht wie „Shivers“ in der Ekstase der Anarchie, sondern im unbewussten Trieb zur gesellschaftlichen Implosion. Die Stimmung des Films vermittelt daher von Anfang an die Symptome eines nahenden Endes allen Lebens und belegt den kanadischen Herbst mit audiovisueller Melancholie, obwohl keiner etwas zu ahnen scheint und auch keiner der Charaktere manipulative Entscheidungen trifft. Das Ensemble arbeitet stattdessen wie im Alltag gewohnt mit seinen gegenwärtigen Mitteln.

Die Ärzte wollen das Leben ihrer Patienten gewissenhaft retten, erschaffen aber ohne Absicht das Grauen: Unter Roses Achselhöhle bricht ein vaginaler Spalt auf, aus dem sich ein phallusartiger Stachel blutsaugend in seine Opfer bohrt. Ein neues Geschlecht in unerforschter und unersättlicher Gier, das Rose beinahe völlig unter seiner Kontrolle hat und zum unfreiwilligen Wirt einer Seuche macht. Im Nachhinein erinnert sie sich nie an ihre Taten, wie auch die Träger sich selbst vergessen und nur bemüht sozialisieren sowie blind vor Blutlust angreifen. So gerät die Epidemie ins urbane Ökosystem und dieselben Wissenschaftler, die unbedingten Fortschritt fördern, kommen zur akzeptierten Schlussfolgerung, dass nur die Zerstörung der Infizierten die Verbreitung des Virus eindämmen könne. Nicht umsonst baut Cronenberg ein Cameo seines Lieblingsthemas Sigmund Freud ein (siehe „Eine dunkle Begierde“), bei dem eine Patientin der Klinik eines seiner Bücher liest und im Gespräch äußert, Angst davor zu haben, herauszufinden, was das Ganze denn wirklich bedeute. Selbst erklärte Selbstverständlichkeiten zu akzeptieren, ist für Cronenberg eine offensichtlich gefährliche Angelegenheit.

Die Quarantäne erweist sich demnach auch als chaotische wie systematische Kriegsführung; der einfache Genrehorror in der Verwandlung einer Einzelperson ballt sich zum pessimistischen Gesellschaftsstück. Das Ganze besitzt leider auch prophetischen Charakter, da die Verbreitung eines Virus durch (abstrakte) Sexualität eine kaum kontrollierbare Konsequenz des Massensterbens und militärisch überwachte Kontrollen der Gesundheit nach sich zieht. Dabei entstand „Rabid“ noch im Nachklang der sexuellen Revolution um die siebziger Jahre und behilft sich sogar einer ihrer Ikonen als Hauptprotagonistin. Die damals aktive Porno-Darstellerin Marilyn Chambers bietet sich in ihrer Rolle einerseits den Männern an, welche fast allesamt angehende Verführungskünstler abgeben und genauso hemmungslos dem Sex-Appeal verfallen wie auch infiziert werden – ein alltäglicher Mechanismus der Hormone, der nun aber statt zur Fortpflanzung zum Verderben verdammt. Neben dieser ironischen Brechung des Images von Frau Chambers als begehrenswertes Lustobjekt stellt sie jedoch andererseits die Verletzlichkeit des Menschen hinter jener unhaltbaren Lust dar.

Zwar vergisst Rose ihre Taten, doch der Schmerz der Rollenerfüllung hinterlässt stets seine Spuren, bis die Schuld über allem wächst, je enger sich ihre Tobsucht auf den intimen Kreis ihrer Mitmenschen konzentriert. Die charakterliche Tragödie ist aber noch nicht derartig im Fokus, wie es der Nachfolgerfilm „Die Brut“ bewerkstelligte. Regisseur Cronenberg inszeniert hier noch eher geradlinigen Horror im Dienste einer simplen Etablierung wissenschaftlicher Experimente, gefolgt von der Umkehrung derer Absicht als Aneinanderreihung variierter Eskalationen. Doch inmitten der Grundprämisse setzt er schon auf Zwischentöne der existenziellen Angst und wie sie im Verhältnis zum Körper, zu Vertrauten und Geliebten sowie zur Gesellschaft stehen. Auch, wie diese allesamt ihre sozialen Stützpfeiler wegbrechen lassen. Wenn Sex zum Ventil für Chaos und Tod wird, ist die Menschheit verloren. Das schlägt mit ganzer Härte auf das menschliche Verständnis ein. Und knapp vierzig Jahre nach seiner Entstehung wirkt „Rabid“, dieser flotte und gleichsam traurige Film, damit noch immer nach.

Meinungen

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