Aus hiesigen Landen kommt manch unterschätzter Veteran nur selten zu Ehren. Deshalb widmen wir uns dem Werk von Hans W. Geißendörfer in einer Retrospektive voller Filmschätze. Einer davon heißt „Die Wildente“.

In „Die Wildente“, Hans W. Geißendörfers Gesellschaftsdrama zur Zeit des 19. Jahrhunderts, tritt Gregers (Bruno Ganz), der Sohn des Konsuls Werle, wieder in das Leben seines Jugendfreunds Hjalmar (Peter Kern) und bringt durch seinen Idealismus eine Welle der Veränderung. Zunächst lädt er seinen Freund, der sich mit einem Fotoatelier verdient macht und in wenig beschaulichen Verhältnissen mit seiner Frau Gina und Tochter Hedwig wohnt, zum gemeinsamen Diner ein. Dort geniert sich Hjalmar jedoch vor der höheren, eitlen Gesellschaft und geht selbst seinem Vater aus dem Weg, um sich die Verachtung der anderen durch die Offenbarung seiner Herkunft aus einfachen Verhältnissen zu ersparen. Abseits davon erfährt Gregers ein Geflecht aus Lügen und Intrigen: Zum einen war Gina einst die Geliebte des untreuen Werle, zum anderen lud dieser die Schuld eines illegal ausgeführten Grundstückunternehmens auf Hjalmars Vater ab. Als Trost, so scheint es, habe er dann Gina mit Hjalmar verkuppelt. Gregers bricht daraufhin den Kontakt zu seinem Vater ab und wendet sich Hjalmars Familie zu. Dieser erfindet zwar Geschichten gegenüber dem Adel, kann sich aber im Gegensatz zu Gregers auf seine Familie in diesen abgewetzten, aber warmen Wänden verlassen. Er stimmt bei Kerzenschein sogar ein Lied auf der Flöte an – eine der vielen atmosphärischen Szenen dieses Films, in deren Setting jeder neue Raum behutsam fasziniert.

So verhält sich auch Gregers, und Hjalmars Vater fragt, wie er trotz der damaligen Ereignisse noch bei guter Laune sein kann. Das Geheimnis liegt auf dem Dachboden, wo Hühner, Karnickel und eine Wildente hausen, die der Familie ebenso vom Konsul als Wiedergutmachung übergeben wurde. Sie ist Hedwigs größter Schatz und Hedwig wiederum ist Hjalmars größter Schatz, fürchtet er doch, dass sie aus erblichen Gründen irgendwann erblinden könnte. So übt man sich in diesem Haushalt weitgehend in Ignoranz und feiert einfach Hedwigs Geburtstag, während Hjalmar über irgendeine potenzielle Erfindung sinniert, um dem Namen seines Vaters zur Ehre zu verhelfen. Der Gedanke zählt. Gregers aber kann nicht stillhalten und beichtet Hjalmar, was er alles weiß. Doch der ist von jenen Enthüllungen so bestürzt und verletzt, dass die Familie zusammenzubrechen droht, da er nichts mehr sehen möchte, was ihm vom Konsul geschenkt wurde. Die Moral der Geschichte suggeriert dadurch im Folgenden einen ambivalenten Kampf gegen den Status quo, da Gregers Vorschlag zur Rettung der Familie durch eine Art Opfer nach hinten losgeht. Es ist auch die Konsequenz, dass ausgerechnet er alles in die Wege leitet – ein Vertreter der Höhergestellten, der sich seinen Idealen folgend anmaßt, zur Rechtschaffenheit zu stürmen. Letztendlich untergräbt er in seinem Ungeschick die Bürger von oben herab, wie seine Klasse stets verklärt, verdrängt und manipuliert – nur eben diesmal mit einem Gewissen.

Geißendörfers Film ist dahin gehend politisch, zieht aber auch allgemein ein Fazit gegen das Wesen des Mannes, wirkt dieses hier doch in vielerlei Hinsicht unbedacht, intrigant und destruktiv. Die Frauen in diesem Film, ob nun Gina, Hedwig oder die neue Ehefrau des Konsuls, wollen bedingungslos lieben, können die Vergangenheit akzeptieren, würden sie auch hinter sich lassen und nach vorne schauen. Davor schrecken die Herren der Schöpfung zurück; selbst Gregers im Kontakt mit seiner Stiefmutter. Daran scheitert er und entfacht eine Tragödie – nicht nur für den einfachen Hjalmar, sondern für die Frauen dieses Films, denen man kein Ohr leiht und die sich in einen fatalistischen Entschluss treiben. Alles der Liebe wegen, die vom Samen des Konsuls und insbesondere Gregers Einmischung korrumpiert wurde. Harter Stoff, aber von Geißendörfer nicht so forciert dramaturgisiert, wie man es vermuten würde. Basierend auf dem gleichnamigen Theaterstück Henrik Ibsens führt er seine Figuren über Robby Müllers Kamera in stimmungsvoll ausgestattete und ausgeleuchtete Kulissen vergangenen Zeitkolorits und entwickelt den Konflikt auf der Dialogebene. In dieser Inszenierung wirken jene Dimensionen folglich klaustrophobischer als zuvor. Er lässt sich genügend Zeit für die Ausleuchtung des Innenlebens dieser Figuren, um die jeweiligen Wandlungen nachvollziehbar machen zu können, aber auch, um die Unschuld in den Fokus der filmischen Gefühlslage zu bringen.

Bezeichnenderweise wirkt selbst das unterprivilegierte Ambiente lebhaft und einladend: Es lodert das Kaminfeuer, zu anderer Zeit kommen milchige Sonnenstrahlen durchs Fenster. Aber es wird finster, sobald die Wahrheit ans Licht kommt: Die Gardinen werden zugeschoben, es regnet in Strömen, der Staub fetzt von den Wänden – und selbst über den Tierchen auf dem Dachboden lauert der Schatten des Todes. Die Inszenierung spielt aber weiterhin keine Aufregung vor und muss in ihrer soziologischen Beobachtung nicht viel umstellen, da ihre durch und durch nahestehenden Charaktere sowie deren Schicksale am stärksten die Richtung des Zuschauers bestimmen. Und wenn diese derart bitter ausfällt, ist keine Melodramatik von Nöten, sondern eine Art nüchterner Schock, der die Machtlosigkeit nachfühlen lässt. Eine Eigenschaft, die auch innerhalb des Genres immer öfter unterschätzt wird, Geißendörfer aber bereits vor knapp vierzig Jahren beherrschte. „Die Wildente“ ist ein sehenswertes Paradebeispiel dafür.

Meinungen

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