Aus hiesigen Landen kommt manch unterschätzter Veteran nur selten zu Ehren. Deshalb widmen wir uns dem Werk von Hans W. Geißendörfer in einer Retrospektive voller Filmschätze. Einer davon heißt „Justiz“ und wurde uns von der Geißendörfer Film- und Fernsehproduktion freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Justitia ist blind – aber nach ein paar Umformulierungen könnte es auch lauten: Justitia ist käuflich. Ebenso kann auch die Wahrheit viele Träger und Variablen haben, geändert und manipuliert werden. Dreizehn Restaurantgäste können bezeugen, dass der Schweizer Regierungsrat Isaak Kohler (Maximilian Schell) einen Professor am Essenstisch in den Kopf schoss. Völlig entspannt und ohne Einmischung kann er das Lokal verlassen. Genauso konkret wie gnadenlos kommt es bei Hans W. Geißendörfers Verfilmung des Romans von Friedrich Dürrenmatt, „Justiz“, zur Verhandlung mit angemessener Bestrafung auf Lebenszeit, was Kohler allerdings keinerlei emotionale Aufregung entlockt. Im Gegenteil: Die Gewissheit einer baldigen Umkehrung seines Falls steht ihm ins Gesicht geschrieben. Man glaubt sich spätestens dann in einer verkehrten und doch bekannten Welt, wenn Kohler im Gefängnis von der Leitung aus zum kollegialen Billardspiel einladen kann. Von vornherein sind die Vertreter des Gesetzes abgeklärte Zeitgenossen und gegebenenfalls sogar Skeptiker gegenüber dem Tathergang, es schäumt Satire am geleckten Establishment.

Die Sympathien des Zuschauers ruhen deshalb anfangs auf dem frisch zur Selbstständigkeit berufenen Rechtsanwalt Felix Spät (Thomas Heinze), der als Beobachter des befremdlichen Gerechtigkeitsverständnisses eine Identifikationsfigur abgeben könnte. Die von uns vermuteten Ideale verpuffen jedoch, als er sich für Geld darum kümmert, im Auftrag Kohlers eine fingierte Unschuld zu konstruieren – dessen Tochter Helene ist ein ebenso überzeugendes wie leugnendes Argument. Die Verdrängung von Tatsachen ist im Werk Geißendörfers ein häufig auftretendes Thema, ob nun alternative Realitäten im Tagebuch verewigt werden, pro-nukleare Politiker ihre Entführung zum Image benutzen oder der gemeinsame Selbstbetrug eine Mordserie vertuscht. In diesem Film nun geschehen jene Mechanismen auf nationaler Ebene und verschieben damit in schöner Regelmäßigkeit das Vertrauen des Zuschauers in seine Charaktere. Anwalt Spät wird seinem Nachnamen gerecht und lehnt den Job erst ab, sobald er mit der Verantwortung konfrontiert wird. Er ist die Projektionsfläche, hinter der schon alle in Hebel in Bewegung gesetzt werden. All dies verläuft so schnell und schnörkellos, dass man sich kneifen muss, um zu merken, wie alltäglich man so einen Machteinfluss als Zuschauer inzwischen wahrnimmt.

Viel mehr juckt es einem zudem bei den eventuellen Motiven in Späts Begegnungen mit den Zeugen, aus denen manch obskures Detail an die Oberfläche gelangt. Es wird zum Whodunit eingeladen, obwohl der Mörder schon längst gesehen wurde, auch auf der Leinwand. Dafür entwirft Geißendörfer nicht noch im Nachhinein einen doppelten Boden, aber er spielt durchweg mit der emotionalen Wahrnehmung des Zuschauers, die umso stärker ins Ungewisse gesteigert wird, sobald das „Warum?“ seine Erklärung erhält. Ein zweischneidiges Schwert, an dem das Gewissen reibt. „Justiz“ geht dabei zwar wie Kohler den Pfad des kriminalistischen Impulses und bewandert mit allem Respekt das bekannte Genreprozedere, doch unterwandern die Absichten das Konventionelle, machen es komplex oder zum Schwächling mit Hang zur Selbstzerstörung. Die idealistische Wahrnehmung wird dabei in moralischer Ambivalenz zurückgelassen und reiht sich damit in die Konsequenzen des „Zauberbergs“ ein, aus dem sich die Krankheit Mensch in perfider Manipulation verselbstständigen konnte. Ein Thriller voll geschickter Systemkritik, der einen schön an der Nase herumführt.

Meinungen

Teile uns deine Meinung zu „Justiz“ mit. Die Angabe eines Namens, einer korrekten E-Mail-Adresse sowie der Kommentartext sind verpflichtend. Alle Meinungen werden moderiert.

Kinostart: 27.07.2017

Django

Étienne Comars Debüt eröffnet mit einem Porträt über Django Reinhardt die 67. Berlinale.

Kinostart: 06.04.2017

Tiger Girl

Jakob Lass’ dritter Langfilm zeigt erneut befreites, deutsches Kino basierend auf einem Skelettbuch.

Kinostart: 09.03.2017

Wilde Maus

Josef Haders Debüt als Regisseur ist ein harmloser Film über Kommunikation und Schnee.

Kinostart: 16.02.2017

Elle

Paul Verhoeven kehrt zum Wechselspiel der Moral in der humanistischen Rücksichtslosigkeit zurück.

Mr. Long

Sabu, Japan (2017)

Zerbrochene Leben und einstürzende Neubauten: In seiner neunten Berlinale-Teilnahme schickt Sabu Rindersuppen in den Wettbewerb.

Wilde Maus

Josef Hader, Österreich (2017)

Selbstmord durch gefrorenes Wasser: Josef Haders Debüt als Regisseur ist ein harmloser Film über Kommunikation und Schnee.

Occidental

Neïl Beloufa, Frankreich (2017)

Italiener trinken keine Cola! Neïl Beloufa verzettelt sich in seinem chaotisch-absurden Kammerspiel-Debüt.

Tiger Girl

Jakob Lass, Deutschland (2017)

Freiheit durch Reduktion: Jakob Lass’ dritter Langfilm zeigt erneut befreites, deutsches Kino basierend auf einem Skelettbuch.