Aus hiesigen Landen kommt manch unterschätzter Veteran nur selten zu Ehren. Deshalb widmen wir uns dem Werk von Hans W. Geißendörfer in einer Retrospektive voller Filmschätze. Einer davon heißt „Der Zauberberg“.

Es ist nicht einfach, den „Zauberberg“ zu erobern. Doch obwohl Thomas Manns Roman manch Abiturienten zur Verzweiflung trieb, ist es ratsam, sich die Zeit zu nehmen, um Hans W. Geißendörfers Adaption nicht bloß in der zweieinhalbstündigen Fassung fürs Kino, sondern in jener über doppelt so langen fürs Fernsehen zu begutachten. Diese illustriert nicht bloß die unvergleichliche Größe der Produktion mit ihren Weltdarstellern, Kulissen und inszenatorischen Kniffen von Plansequenzen bis Massenszenen. Je länger man nämlich in jener Titel gebenden Kurklinik zwischen Berg und Wald verweilt, desto stärker fühlt man die Isolation. Hans Castorp (Christoph Eichhorn) möchte seinen Stiefvetter Joachim (Alexander Radszun) ja auch nur kurz besuchen. Ehe er sich jedoch versieht, redet ihm die Ärzteschaft um Hofrat Behrens (Hans Christian Blech) Symptome ein sowie die Chance zur Reinigung unter einem Sog von Kranken, die mehr Ansehen erringen, je lauter sie husten.

Aufgrund seiner internationalen Couleur ist das Sanatorium ohnehin so einladend, dass sich seine Patienten in kleinstes Leid hineinsteigern. Der psychische und physische Zerfall sollte gewiss nicht unterschätzt werden, wird jedoch rational oder romantisch verklärt. Der Husten wird Ekstase, Leben, ein Genuss absurder Selbstverständlichkeit. Eine verhaltene Morbidität, sprich die Veräußerlichung des inneren Leidens, umgibt den Ort und lässt sich unter anderem am manisch lachenden Fräulein Marusja exemplarisch feststellen. Den jungen Hans reizt aber vor allem der Bazillus Liebe, der sich in ihm durch die atemberaubende Clawdia Chauchat einnistet. Für ihn zwar wie alle angeblichen Krankheiten ein eher unnahbares Wesen, und doch die höchste Sehnsucht neben der zum Tode. Nicht, dass Hans deswegen von moralischer Ambivalenz befreit ist; aber das gilt für alle Charaktere. Die beachtliche Ensembleführung zeichnet eine Lebendigkeit, die in der Lethargie des Standorts umso befremdlicher wirkt.

Insbesondere im Dialog präsentieren sich dabei weltgewandte und politische Diskurse, komplett abgeschnitten vom Geschehen der Außenwelt und höchstens durch Ludovico Settembrini auf den neuesten Stand gebracht. Der Virus blinder Selbstsucht zieht umher – und obwohl Hans zeitweise dagegen arbeitet und den Sterbenden mit aktiver Empathie begegnet, thront über allem Passivität. Durch Jürgen Kniepers Soundtrack dröhnt sie sogar über das ganze Leben von Hans hinweg und fängt dessen Unfähigkeit zur Nähe ein, wie auch die Kamera von Michael Ballhaus Drehungen und Beobachtungen vollführt, die den Strudel der Anpassung zum erkälteten Panorama gestalten. In diesem Fieber kommen unvermeidlich Visionen der inneren Scheußlichkeit zustande, Aussichten auf Terror im anstehenden Ersten Weltkrieg – reflektiert von einer Zone, in der jedes Zeitgefühl verloren geht und Schnee schon im August fällt. Gäste wie Propheten kommen und gehen am laufenden Band; am schnellsten die entsetzten Menschen von außerhalb.

Schwerer als jede Krankheit trifft die Patienten aber das Warten; wenn Hans die Rückkehr seiner Clawdia erwartet, während er die Rückkehr zur Zivilisation längst aufgegeben hat. Er ist abhängig geworden, wie auch der Zuschauer in einen Komplex hineingezogen wurde, der fünfeinhalb Stunden andauerte und vielleicht sogar Rücken- oder Kopfschmerzen förderte. Ist der Blick auf das Kranke reizvoll, nachvollziehbar, vielleicht weil er sich auf einen höher gestellten Gesellschaftsschnitt konzentriert, obwohl Castorp im Verlauf immer mehr Abstand zu einer Identifikationsfunktion nimmt? Wo die Dramaturgie zum Glück versiegt, stattdessen in Wahn und Hass gleitet, das Unglück zusammenballt und gute Herzen welken lässt? In solch einem Delirium kann man sich auch nur schwer erklären, während der emotionale Halt ausgerechnet stillstehend in die Vergänglichkeit abschweift. Es bleibt aber noch die Spirale nach unten, zu gekränkten Herzen, eingebohrten Idealen und begrabenen Hoffnungen.

Hans W. Geißendörfers Epos der Isolation ist gerade dann tragisch, wenn es die stilistische Emotionalisierung fernhält und die Assimilation zur Selbstzerstörung um die eigene Achse dreht; wenn es unbeschwert vermittelt, was wie ein Schatten über den Menschen hängt und trotz aller Anzeichen ignoriert wird. Im Gegenteil, jene Anzeichen werden von den Patienten sogar feierlich entgegengenommen, bis die Bombe platzt. Bis dahin tickt sie jedoch einige Jahre dahin – an der Oberfläche wird es gefeiert, doch die Zündschnur brennt von Anfang an. An wem liegt es, sie als Erster auszulöschen? „Der Zauberberg“ vereint diese Qualitäten schon in seinem Titel, behält sich das Schöne und die Liebe an seiner Spitze vor, zu deren Aufstieg ein Schmerz vonnöten ist, der lange währt, beansprucht und mit zunehmender Kälte in der Höhe krank macht. Seine Unmenschlichkeit im Göttlichen zieht trotzdem an und packt als Film umso mehr, je tiefer er seine eigene Krone den Abhang hinunter fallen lässt. Die Apokalypse ist nah, es lebe die Apokalypse!

Meinungen

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