Welche Mission ist unmöglicher? Jedes Szenario, das sich in der seit 1996 bestehenden „Mission: Impossible“-Reihe für Ethan Hunt ergeben hat – oder die Überraschung, jeden fortschreitenden Teil dieses auf einer alten TV-Serie basierenden Franchise frisch zu halten? Zumindest mit dem vierten Eintrag im sogenannten „Phantom Protokoll“ (2011) fand ein Höhepunkt statt, der mit Erfindungsreichtum zum lückenlos beliebten Abenteuer avancierte. Es lag natürlich auch an Gadget-Enthusiast Brad Bird im Regiestuhl, dass sich diese Stärke herauskristallisierte. In bewährter Tradition der Serie, für jeden Teil einen neuen Regisseur hinters Lenkrad zu klemmen, ist eben für Abwechslung gesorgt. Nicht anders verhält es sich im Nachfolger und nunmehr fünften Genrewerk der Agenten-Action, „Mission: Impossible – Rogue Nation“, dieses Mal geschrieben und geführt von Christopher McQuarrie.

Seine Methode sucht das Bodenständige und Ruppige – Eigenschaften, die er mit Hauptdarsteller Tom Cruise bereits in „Jack Reacher“ (2012) vorzeigen konnte und womit er nun versucht, ein eher klassisches Ambiente um den international operierenden Geheimdienst IMF zu errichten. Trotz aller inszenatorischen Eleganz wird aber bereits im Intro klar, dass „Rogue Nation“ nicht allzu gründlich auf die Gesetze der Realität schielt. Ethan Hunt (Tom Cruise) entrinnt nämlich nicht nur einmal dem für Normalsterbliche sicheren Tode, während sich sein Körper zwischen handgemachter Stunt-Arbeit und cartoonhaften CGI-Doubles um physikalische Grenzerweiterungen kümmert. Cruises Darstellung ist wieder einmal Posing wie auch Ventil für vergnügten Eskapismus – in beiderlei findet der Zuschauer sicherlich die Balance, darüber lachen zu können. Dabei verfolgt McQuarries Narrativ jedoch weniger unbeschwerte Töne als sein Vorgänger. Angefangen bei einer nüchternen Beobachtung der Machtkämpfe und Strukturen legislativer Einrichtungen legt er den Grundstein für eine ökonomische Selbstverständlichkeit, die entschlossen tödlich agiert. Die Gefahr ist hier also recht ironiefrei zugange und schleudert Hunt ständig in fatalistische Situationen, die aber nur künstlich bange machen, da seine Unzerstörbarkeit kaum noch überrascht.

Zeit also, sich dem immens interessanten Neuzugang Ilsa Faust (Rebecca Ferguson) zu widmen – eine Agentin zwischen mehreren Auftraggebern; so undurchschaubar wie reizvoll. Eine weibliche (seit „Alias“ und Konsorten nicht allzu neue) Variation des Spions, die sich im Vergleich zu „Spy – Susan Cooper Undercover“ nicht dadurch erklären muss, dass es Frau genauso drauf hat wie Mann. Stattdessen ist sie genauso gut und hart wie dieser. McQuarrie verzichtet dabei sogar auf Macho-Flirtereien, die sich anbieten könnten, kommt aber nicht umhin, ein Zusammensein von Faust und Hunt als sehnsüchtige Alternative zum komplexen Ränkespiel des Agentendaseins zu etablieren. Es wirkt zwar nicht so aufdringlich und plump, wie es ansonsten gehandhabt wird. Die Reinkorporation jener thematischen Bewandtnis zeigt sich aber offensichtlich wie oberflächlich – für einen Film des romantischen Genres angemessen, aber als Teil einer Serie nicht gerade innovativ; insbesondere, da Hunts Beziehung zu Julia Meade (Michelle Monaghan) nach den letzten zwei Filmen sang- und klanglos fallen gelassen wird und für ihn die Konventionalität des Bond-Girl-Klischees freimacht. Es heißt eben zurück zu den Wurzeln – immerhin nun aber mit einer Partnerin, die einen eigenen derartigen Streifen komplett für sich beanspruchen könnte, wenn man sie denn ließe.

Der Filmfreund kommt aber dennoch auf seine Kosten: Spätestens beim Besuch der Wiener Oper zu Giacomo Puccinis „Turandot“ findet „Rogue Nation“ ein ausgeklügeltes Katz-und-Maus-Spiel voll gewitzter Choreografie und Musikalität, bei dem Technik, Gewalt und Schönheit zur hymnischen Spannung beitragen. Ein Highlight, das sich im Folgenden stets als Echo des bestandenen Abenteuers in der Beziehung zwischen Hunt und Faust wiederfindet. Auch sonst lässt der Film nichts aus, was man an der Reihe inzwischen liebgewonnen hat: Benji Dunn (Simon Pegg) steht brenzligen Situationen mit technischer Brillanz und menschlichem Humor gegenüber; Hunt und Kumpanen beschwören unglaubliche bis unmögliche Methoden, um den Bösen das Handwerk zu legen – todesmutige Verfolgungsjagden inklusive. So weit so gut. Was aber den Spaß unterminiert, ist vielleicht ein Zeichen der Redundanz im Bestehen einer Serie, wenn sie durch McQuarrie zu den Wurzeln zurückgebracht wird: Es wird zum Schluss fast gewöhnlich, als es stilecht nach London (!) geht. Nicht nur das: Zur Bestätigung einer ernsteren Sachlage, die durch den Rückzug ins Gewöhnliche umso spannungsfreier wirkt, drosselt der Film sein Tempo und arbeitet Konsequenzen ab, die Lösungen statt Weiterentwicklungen suchen.

Dies alles ergibt noch immer eine verhältnismäßig clever zusammengeführte Logik – doch nur bedingt Aufregung und Überraschung. „Rogue Nation“ kann daher weiterhin eine selbstbewusste Figur abgeben und Action wie Charaktere mit Respekt, Spaß und Effizienz behandeln. Größtenteils ist er eben doch launig, teilweise schön blöd und durchaus souverän. Doch „gut genug und geschickter als der Großteil momentaner Blockbuster“ lässt sich eben nicht mit „selbstverständlich klasse“ gleichsetzen. Christopher McQuarries fünfter „Mission: Impossible“ bleibt aber dennoch sympathisch. Und hält sich dadurch vielleicht länger im Gedächtnis als pure Perfektion.

Meinungen

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