Mit dem profitablen Ensemblewerk „Brautalarm“ etablierte Paul Feig den Gegenentwurf zum Knallchargenkino à la „Hangover“ und Konsorten, bei dem auch Frauen im Mittelpunkt pubertärer Späße überzeugen können. In dieser Konstellation war sein überlanger, doch vorteilhaft improvisierter Mix eine willkommene Abwechslung im stets eher von Männern dominierten Mainstream des modernen Humors. Zusammen mit Melissa McCarthy klinkte Feig bei „Taffe Mädels“ (2013) folglich dieselbe Formel ins Buddy-Cop-Genre ein und darf zudem innerhalb der nächsten Jahre den Grundstein für ein neues Ghostbusters-Franchise legen – nun natürlich mit einem komplett weiblichen Team. Muss man hier schon von ernüchternder Ideenlosigkeit reden? Zumindest freuen sich viele, dass auch mal Frauen ans Ruder dürfen. Allmählich stellt sich diese Methodik aber ebenso als Gimmick heraus, wie einst unter anderem in der Ära der Blaxploitation bestimmte Zielgruppen vermehrt mit leidlich angepassten Filmstoffen angepeilt wurden. Jeder Markt findet nun mal seine Abnehmer – aber eine Abnutzung außergewöhnlicher Merkmale bringt immer irgendwann einen künstlerischen Verlust mit sich.

Damit kommen wir zum aktuellen Fall „Spy – Susan Cooper Undercover“, dem neuesten Werk es Feig-McCarthy-Teams, welches das typische Narrativ des Agentenklamauks mit feministischem Selbstbewusstsein zu unterwandern gedenkt. Zunächst ist von allen Seiten der Genre-Standard zu erkennen: Bradley Fine (Jude Law) infiltriert zunächst im Smoking eine Party, dann bulgarische Katakomben auf der Suche nach einer Atombombe. Von einem Sender im Ohr aus steuert ihn jedoch die Stimme Susan Coopers (Melissa McCarthy), eine eigentlich fähig ausgebildete Analytikerin beim CIA, die am Schreibtisch versauert und sich mit Ratten sowie Fledermäusen herum plagen muss, aber insgeheim von einer Zukunft mit dem verwegenen Charmeur Fine träumt. Sie kann nur schwer ihr fehlendes Selbstbewusstsein verschleiern, überspielt unangenehme Situationen mit zweideutig offenbarenden Scherzchen oder direkt peinlichen Fettnäpfchen – Feigs Drehbuch (sein erstes für einen seiner Frauenfilme) findet für alles einen Lacher, bittet aber stets darum, Mitleid für die unter Wert verkaufte Protagonistin aufzubringen. Schließlich steht ihr ein Wendepunkt in der Karriere gegenüber: Nachdem Fine von der schönen, aber tödlichen Waffenhändlerin Rayna Boyanov (Rose Byrne) im Hinterhalt niedergestreckt wird, sieht es Susan als ihre Pflicht an, seinen Auftrag in Europa zu übernehmen – entgegen der Empfehlung ihrer Chefin (Allison Janney) und dem raubeinigen Superagenten Richard Ford (Jason Statham), welcher sich zunehmend als unvorsichtiger Hansdampf entpuppt.

Stathams Darstellung ist vielleicht der am besten funktionierende Witz des Films, wie er hier mit gewohnter Miene und Härte die absurdesten Macho-Anekdoten aufzählt und sich selbst als Mythos inszeniert und dennoch stets am Rande des Versagens entlang schrammt. Doch darin spiegelt sich auch Feigs Grundtendenz wieder, mit permanentem Fingerzeig die männlichen Eigenschaften des Genres vorzuführen und gleichsam die Inkorporation einer Protagonistin als Herausforderung ihrerseits zu forcieren – selbst wenn diese Aufmerksamkeit nicht mehr hervorruft, als eine früh etablierte Selbstverständlichkeit der Gleichberechtigung hervorzuheben und als nett gemeintes Bedrängnis der Unterstützung zu entwerten. So ist Susan durchgehend in degradierend ulkigen Verkleidungen zu sehen, um die Geheimnisse von Boyanov und Co. herauszufinden, hinter Ford aufzuräumen und im Allgemeinen „ihren Mann zu stehen“. Das heißt rasante Verfolgungsjagden, blutige Shootouts und knackige Kampfsequenzen – eben all das, was das Genre erfordert (und in Steven Soderberghs „Haywire“ schon ohne Zweifel über weibliche Agenten von statten ging).

Feigs Inszenierung in diesen kämpferischen Szenarien ist teilweise ein echter Hingucker, zwar mit einigen digitalen Tricks geschmückt, aber zumindest in der Kohärenz der Action angenehm dynamisch und zeigefreudig. Dasselbe kann man nicht vom restlichen Szenenbestand sagen. Viel zu oft begnügt er sich mit faulen Schuss-Gegenschuss-Vorlagen, um die improvisierten Dialoge an einer festen Stelle zu verankern und somit praktischer schneiden zu können. Allerdings beschränkt sich der Geist der Improvisation hier meistens nur auf Phrasen wie „Du siehst aus wie [hier obskuren Vergleich einsetzen, den niemand auf die Schnelle hervorzaubern könnte]“ und lässt die knapp zwei Stunden lange Laufzeit leider merklich spüren. Naja, Humor ist ja subjektiv. Ansonsten muss man sich als Zuschauer damit abfinden, dieselben Versatzstücke einer jeden beliebigen Agenten-Parodie vom Format „Johnny English“ oder „Agent Cody Banks“ mit ihren Femme fatales, Doppelagenten, geheimen Identitäten, Intrigen und hanebüchenen Twists nochmals vorgesetzt zu bekommen – nur, dass man eben penetrant darauf aufmerksam gemacht wird, dass diesmal eine Frau alles meistert und im Sinne der weiblichen Rache zumindest noch richtig gemein und wütend werden darf.

Abgesehen davon bekommt man kurzweiliges Genrefutter serviert, das vor allem halbwegs emanzipatorische Sehnsüchte mit einer guten Portion Groteske propagiert und genauso stimmig europäische Sehenswürdigkeiten einfangen kann, wie es sonst ein kostspieliger Urlaub schaffen könnte. Dennoch bleibt der fade Beigeschmack in der Konstruktion des Films, seiner weiblichen Belegschaft ständig auf die Schulter klopfen und sagen zu müssen: „Great job, Susan!“ Wenn Feig seine zukünftigen Ladybusters genauso ungefragt an die Hand nehmen will, um Katharsis in einer Genre-Gleichberechtigung zu finden, wird der Witz jedenfalls nicht mehr jünger.

Meinungen

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