In Echtzeit inmitten eines einzigen Schauplatzes, einer voluminösen Boxarena mit vielen verwinkelten Ein- und Ausgängen an den unübersehbarsten Stellen, wütet Brian De Palmas rastlose Kamera. So wie sie ständig in Bewegung rotiert, abtaucht, untertaucht, schwenkt, in die Vertikale, in die Diagonale rechts und links, oben wie unten, über die Zimmer, dort in den Winkel, da in den Winkel, so befindet sich De Palmas multiperspektivischer, beschleunigender Thriller permanent in Alarmbereitschaft für die ausgeklügelte Bewegung, um sich an Fersen zu heften, Figuren nachzuschwenken, sie zu verdächtigen und wieder abzuschwenken, je nachdem, wie es um die Beweislast jener steht, die vom Auge der Kamera erfasst werden. Das Auge überblickt alles. Erneut gewinnt De Palma den komplizierten (weitgehend ungeschnittenen) Aufnahmen einer schwerelosen Kamera dramaturgische Vignetten ab.

Bereits die meisterliche Anfangssequenz gehört der Kamera ganz allein – sie lullt den Zuschauer ein; ohne Schnitt verdichtet der Regisseur mit technischen und bildästhetischen Mitteln die Suggestion des Gezeigten, das sich nie vollständig erschließt, sondern in einzelnen Wortklecksen grobschlächtig umrissen wird. Ein Boxkampf, ein Attentat, ein Protagonist, die Randfiguren. Das Gesamtbild hingegen, also das, wie was mit welchen Linien zusammenhängt, wird lediglich erahnbar angesichts der Reaktionen des Publikums, durch Nahaufnahmen von euphorischen, verzerrten Gesichtern, durch Bruchstücke von zunächst unbedeutenden (beispielsweise dem blutigen Dollarschein), von zunächst kleinen Gesten in einem Stakkato aus überreizten, ungezügelten Bildausschnitten, die stets eine Anspannung für den Höhepunkt erkennen lassen, der durch mehrere Schüsse eingeleitet wird.

Subjektive Rückblenden und Verschachtelungen sowie Überlappungen aus individuellen Blickwinkeln füllen nach dem Mord inhaltliche Haltepunkte über Schattenboxen und Geheimdeals, der uns verwehrt wurde. Ab da ermittelt Nicholas Cage – und er trifft irgendwann auf eine Zeugin (Carla Gugino), die ihre Brille verloren hat und kurzsichtig zwischen den Räumen und Räumlichkeiten irrt. De Palma kontrastiert diese Art der limitierten Handlungskontrolle mit jenem gewieften psychologischen Formalismus, wodurch das omnipräsente Kameraauge abrupt die Sicht der Zeugin vereinnahmt und Objektive schwammig bis gar nicht (mehr) einordnen kann.

Nicholas Cage übrigens ist dieser wütende Typ, der in schrillen Hawaiiklamotten geradezu sinnespathologisch, grölend und kreischend die Gegend um ihn herum unsicher macht. Er ist die Überdrehung eines Cops, Goldring und korruptionsanfällig, Dollarscheine und Frauen in den Augen, Schwindel und Betrug auf dem Kerbholz. In „Spiel auf Zeit“ brüllt er jedem ins Gesicht, während sein satanisches Lachen aus tiefstem Halse zu entstammen scheint und er gleichzeitig mit zwei Frauen telefoniert, denen er die Liebe bis in alle Ewigkeit verspricht. Cage karikiert sozusagen den (zweiten) Wirbelsturm in dieser technizistischen, spannungsgeladenen und genüsslichen Mechanik an Film, totale Bewegung, hitziger Sonnenschein und letzte Ordnung im Chaos von zehntausenden zusammengepferchten Menschen. Schön fühlt sich das trotzdem immer wieder an, einen Schauspieler wie Nicholas Cage zu erleben, der seinen Körper und Geist verlässt.

Durch Gary Sinise sieht er sich einem adäquaten Gegenspieler ausgesetzt. Sein bester Freund und stärkster Feind ist das: Schalldämpfer, mürrische Gesten. Cage muss Entscheidungen treffen: Geld oder Freund? Leben oder Tod? Sinise ist involviert in ein plakativ konstruiertes Verschwörungssyndikat (Drehbuch: David Koepp) über Raketenabwehrsysteme, die Mängel aufweisen, und über terroristische Palästinenser. Lug und Trug sowie die Täuschung allgemein avancieren bei De Palma zu maßgeblichen Konstanten, die letztendlich deshalb scheitern, weil die Stadt Atlantic City gesellschaftliche, auch menschliche Umbrüche dringend benötigt – und schließlich erfährt. Trotz der ohne Zweifel offensichtlichen Austauschbarkeit im Zentrum der Bösartigkeit inszeniert De Palma eine amüsante letzte Wendung, einen letzten pointierten Gag dieser Fingerübung. Ein akuter Hurrikan spült die Polizei direkt vor Sinises Füßen.

Meinungen

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