Irgendwann muss alles mal abebben – im größeren Sinne fängt der Winter damit an und schafft Platz für einen Übergang zum Frühling; die Spuren des Ersteren sind aber weiterhin zu spüren. Körper und Gefühle sind von der kalten Jahreszeit geschwächt und darum bemüht, sich wieder auf Sonnenschein im Leben und auf der Haut freuen zu können. Dieser lungert jedoch noch hinter dem Horizont und kann sich nur vereinzelt einen Weg durch die Eisigkeit des menschlichen Missmuts bahnen. Kann man es den Menschen aber übel nehmen, dass sie sich nicht an Träume wagen, wenn sie auf ihren Wegen dorthin in Beschwerden stecken bleiben und somit ohnehin einen Teil ihrer Menschlichkeit verlieren? Da braucht jede regenerative Aufbauphase ihre Zeit; lässt dabei nicht bloß die Wehleidigkeit, sondern auch die Wut für sich sprechen. Das Eingeständnis zu einem Neuanfang ist nun mal kein leichtes, wie auch ein potenzielles Ziel nur in weiter Ferne zu erahnen ist.

Die Filme im März

Zur Tat muss dennoch geschritten werden, nun aber ohne Vorbehalte und Waffen – nicht umsonst ist die nahende Jahreszeit dafür bekannt, die Liebe aufblühen zu lassen. Das Glück wartet schon und auch die Leinwand blickt mit glühender Erwartung zum frischen Licht der Zukunft. Fünf nach Kinostart sortierte Wegweiser geben wir Euch dafür auf den Weg; nutzt deren Potenzial und werdet froh mit den Blumen der Lichtspielhäuser. Wenn man immer schön kontinuierlich Wasser hinzugibt, halten diese sich auch länger.

Still Alice – Mein Leben ohne Gestern

Kinostart: 5. März. Regie: Richard Glatzer und Wash Westmoreland.

Szene aus „Still Alice – Mein Leben ohne Gestern“ © Polyband/24 Bilder

Szene aus „Still Alice – Mein Leben ohne Gestern“ © Polyband/24 Bilder

Wie sich Richard Glatzers und Wash Westmorelands Drama „Still Alice“ effektiv und präsent einer Figur widmet, sie selten aus den Augen lässt und mittels Julianne Moore substanziell entwickelt, illustriert Wagemut in einer ansonsten klassischen Dramaturgie. Natürlich aber fordern die Regisseure eine andere Fallhöhe für ihre wohlsituierte Linguistikprofessorin in der Mitte ihres Lebens – mit drei erwachsenen Kindern und einem liebevollen Ehemann –, als es bei einer Protagonistin des Mittelstands oder der Arbeiterklasse möglich gewesen wäre. Das Geld ist hier nicht knapp, die familiäre Beziehung innig, der Ton weder absonderlich harsch noch missverständlich. Aus dem scheinbaren Fehler kreieren Glatzer und Westmoreland jedoch eine Tugend: Alice weiß um ihre Perspektive in der überraschungslosen Desillusionierung. Gänzlich ohne Melodram.

Cinderella

Kinostart: 12. März. Regie: Kenneth Branagh.

Szene aus „Cinderella“ © Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH

Szene aus „Cinderella“ © Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH

Wer in seinem Leben jemals ein Märchenbuch in die Hand nahm, weiß, in welche Richtung alles in Kenneth Branaghs „Cinderella“ führen wird. Dennoch beeindruckt Branaghs Hingabe: Behutsam vermittelt er das Ganze in organischen 35mm. Dabei entfaltet er eine aufwendige und bis ins kleinste Detail versierte Farbenpracht und Fülle in Kostümen und Sets, dass man sich an die Technicolor-Epen des vergangenen Jahrhunderts erinnert fühlt. Kein Wunder also, dass seine Einarbeitung von zeichentrickartigen Elementen wie den helfenden Mäusen Cinderellas oder den weiteren im Verlauf zu Menschen verzauberten Tieren gänzlich stimmig im konsequenten Märchenkonzept aufgeht. Im Vordergrund ist Hauptdarstellerin Lily James das beste Ventil dafür, gerät sie doch so kindlich ins Staunen, sobald der Zauber wirkt, sodass man ohne Vorbehalte mitmacht – auch anhand der harmonischen Bild- und Tongestaltung in klassischer Fasson.

Kingsman – The Secret Service

Kinostart: 12. März. Regie: Matthew Vaughn.

Szene aus „Kingsman – The Secret Service“ © Twentieth Century Fox of Germany GmbH

Szene aus „Kingsman – The Secret Service“ © Twentieth Century Fox of Germany GmbH

Im feinen Anzug wird in „Kingsman – The Secret Service“, dem neuen Unterhaltungsstück von „Kick-Ass“-Regisseur Matthew Vaughn, knallhart ausgeteilt, gleich welchen Geschlechts und Körperteils. Die Inszenierung findet darin jedoch einen respektlosen Spaß und somit eine lockere Distanz, die sich nahtlos ins Grundkonzept des Films, dem Fun-Revival, einordnet. Löblicherweise nimmt der Spaß aber immer noch seine Charaktere ernst und setzt im dritten Akt vollends zur Erfüllung der Katharsis an, mal als Agent schlicht die Welt retten zu können. Dazu werden ebenso die Geschütze des modernen Blockbusterkinos aufgefahren; beinahe an der Grenze zum obligatorischen Ernst und CGI-Bombast der New School, doch weiterhin von sympathischer Motivation und der typischen britischen Ironie beherrscht. Da können die Köpfe der freien Welt auch in Konfetti aufgehen und die Menschen in den Straßen sich tot boxen.

Leviathan

Kinostart: 12. März. Regie: Andrej Swjaginzew.

Szene aus „Leviathan“ © Wild Bunch/Central

Szene aus „Leviathan“ © Wild Bunch/Central

Der russische Regisseur Andrej Swjaginzew ostendiert im Verlauf von „Leviathan“ präzise, wie sich das ländliche, russische Leben abspielt. Er wirft aber keinen Hass an die Wände der Offiziellen, er zeigt eher die Unnahbarkeit der machtlosen, verarmenden Bürger, die in der Wildnis mit Gewehren auf eingerahmte Bilder von Lenin und Co. schießen und zerberstend an jene Wände klatschen wie das Meereswasser an die Klippen. Den einzigen Funken an Hoffnung könnte man noch aus Einstellungen ziehen, in denen ein gestrandetes Knochengerüst eines Wals zu sehen ist, ein toter Moloch, ein von den Fluten des Meeres angespülter Leviathan, dessen Bezwingbarkeit durch den natürlichen oder vielleicht selbstverschuldeten Tod bewiesen wird.

A Most Violent Year

Kinostart: 19. März. Regie: J.C. Chandor.

Szene aus „A Most Violent Year“ © Universum/Squareone/24 Bilder

Szene aus „A Most Violent Year“ © Universum/Squareone/24 Bilder

Fühlte sich J.C. Chandor in „Der große Crash – Margin Call“ und „All is Lost“ berufen, den Raum einzuengen, öffnet er ihn in „A Most Violent Year“ den Figuren horizontal. Buchstäblich entlastet und befreiend stiefelt, joggt, rennt Abel Morales (Oscar Isaac) New York ab. Das Rennen Morales’ wird zur sinnstiftenden Metapher des Flüchtens vor jener Grenze, die mit seinem diplomatischen Idealverständnis nicht mehr verträglich ist, dem Flüchten vor dem Öl, das sich nicht mit Blut vermischen soll. Morales ist ein Krimineller, aber das rohe Gewaltklima eines hierarisch geordneten Männerverbundes und inneren Zirkels, dem er angehört, entfaltet selbstmörderisches Potenzial: Der Gangster, der angesichts des vorsätzlich gewobenen Opportunismus in diese Rolle hineingezwungen wird, ist bereits ein ikonografisch-mythologischer Stereotyp in den Filmen von Sidney Lumet, Martin Scorsese oder etwa Brian De Palma.

Weitere Starts im März

Ebenso in den hiesigen Lichtspielhäusern laufen an: „Chappie“, „Focus“, „Project Almanac“ und „Verstehen Sie die Béliers?“ am 5. März; „Die Bestimmung – Insurgent“, „The Boy Next Door“, „Das ewige Leben“  und „Shaun das Schaf – Der Film“ am 19. sowie „Eine neue Freundin“ und „Zu Ende ist alles erst am Schluss“ am 26. März.

Für alle, die sich ihre Hintern lieber oder vorrangig auf der heimischen Couch platt drücken, gibt es: „Maps to the Stars“ und „Northmen – A Viking Saga“ ab 3., „Cold in July“, „Teenage Mutant Ninja Turtles“ und „The Riot Club“ ab 5. März, „Zwei Tage, eine Nacht“ ab 13., „Plötzlich Gigolo“ ab 19. März, „The Spectacular Now – Perfekt ist jetzt“ ab 20., „Am Sonntag bist du tot“ und „Housebound“ ab 24., „Die Pinguine aus Madagascar“, „Die Tribute von Panem – Mockingjay Teil 1“, „Dumm und Dümmehr“, „Kill The Boss 2“, „Nightcrawler – Jede Nacht hat ihren Preis“ und „Wish I Was Here“ ab 26. März, „Coherence“, „Ich darf nicht schlafen“, „Phoenix“ und „Ruhet in Frieden – A Walk among the Tombstones“ ab 27. sowie „Interstellar“ ab 31. März.

Meinungen

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Kinostart: 09.03.2017

Wilde Maus

Josef Haders Debüt als Regisseur ist ein harmloser Film über Kommunikation und Schnee.

Kinostart: 16.02.2017

Elle

Paul Verhoeven kehrt zum Wechselspiel der Moral in der humanistischen Rücksichtslosigkeit zurück.

Kinostart: 08.12.2016

Right Now, Wrong Then

Hong Sang-soo parodiert die Macht der Wahrnehmung, indem er sie egoistisch nacherzählt.

Kinostart: 01.12.2016

Die Hände meiner Mutter

Florian Eichinger blickt realitätsbewusst auf die Anatomie und Konsequenzen des Missbrauchs.

Mr. Long

Sabu, Japan (2017)

Zerbrochene Leben und einstürzende Neubauten: In seiner neunten Berlinale-Teilnahme schickt Sabu Rindersuppen in den Wettbewerb.

Wilde Maus

Josef Hader, Österreich (2017)

Selbstmord durch gefrorenes Wasser: Josef Haders Debüt als Regisseur ist ein harmloser Film über Kommunikation und Schnee.

Occidental

Neïl Beloufa, Frankreich (2017)

Italiener trinken keine Cola! Neïl Beloufa verzettelt sich in seinem chaotisch-absurden Kammerspiel-Debüt.

Tiger Girl

Jakob Lass, Deutschland (2017)

Freiheit durch Reduktion: Jakob Lass’ dritter Langfilm zeigt erneut befreites, deutsches Kino basierend auf einem Skelettbuch.