Die Mannen von Astron-6 schlagen wieder zu! Wer sie noch nicht kennt: Unter dem Namen verbirgt sich eine Gruppe an ambitionierten Kanadiern, welche meist ohne Budget, aber mit reichlich grobschlächtigem Herzblut dem Charme und Sleaze des subkulturellen Kinos huldigen. Von Splatter, Slasher, Postapokalypse bis hin zu Sci-Fi und Thriller verstehen sie es, alle beliebten und berüchtigten Genres unter einen Hut zu bringen und auf Stilmerkmale aller globalen Vertreter hinzuweisen, mögen sie noch so untergründig sein. Aus diesem Grund folgt nun nach dem irren Cyber-Wahn „Manborg“ und der tromatischen Killersause „Father’s Day“ der nicht minder reißerische Giallo-Schocker „The Editor“. Wo andere Genre-Enthusiasten die Replikation des Vergangenen anstreben oder blanke Parodien als Hommagen verkaufen, schaffen es die Regisseure Adam Brooks und Matthew Kennedy, jene Untiefen ihrer filmischen Quellen als absurden Exzess zu konzentrieren. In diesem Sinne erinnern sie zwar stilistisch an Dario Argento, Mario Bava und Lucio Fulci, doch übernehmen zur authentischen Komik nicht nur audiovisuelle, sondern auch ideologische Elemente.

Ein in grellen Lichtern geschnürtes Paket der Genre-Obligation – voller Zynismus, Misogynie und Gewaltverherrlichung – platzt daher auch hier aus allen Nähten und wird mit einer Ungewissheit der Figuren begegnet, die dem Film eine gänzlich abwegige Dynamik verleiht. Das könnte man als Ironie bezeichnen, wenn denn das Ensemble überhaupt zur ironischen Selbsterkenntnis fähig wäre. Die Ausgangslage erscheint anfangs immerhin nicht ohne Ernst: Filmeditor Rey Ciso (Adam Brooks) arbeitet am Rande seiner Existenz für billige Horrorstreifen und muss dabei seit einem folgenschweren Nervenzusammenbruch per Holzhand schneiden. Die Ehe mit der ehemaligen Schauspielerin Josephine Jardin (Paz de la Huerta) bringt nur Frust herauf, während er aber auch der ihn bewundernden Cutter-Assistentin Bella (Samantha Hill) nur schweren Herzens einen Korb geben kann. Selbst in dieser unschuldigen Konstellation sind allerdings schon groteske Züge zu erkennen, die mit entrückter Lippensynchronität anfangen und dem gänzlich anachronistischen Ambiente noch lange nicht aufhören.

Brooks und Kennedy nehmen dabei die Uneinigkeit des Giallos in seiner Identitätssuche auf die Schippe, da das Genre einst zur internationalen Vermarktung unfreiwillig schizophrene Kulturverständnisse darstellte und alsbald ein Labyrinth an Einflüssen und Botschaften wurde. Nun wird dieses in der Metaebene vom „Editor“ ad absurdum geführt und zudem als Kern der Spannung genutzt: Eine kanadische Produktion emuliert europäische Kolportage, die westliche wie regionale Vorbilder entsprechen wollte – ein irres Ding, innerhalb und außerhalb des Narrativs! Deshalb tummeln sich weitere schrille Figuren und Subplots um den Schnittmeister, sobald sich ein Killer in die Studioatmosphäre einschleicht und die Besetzung von Film sowie Film im Film niedermetzelt: Polizist Peter Porfiry (Matthew Kennedy) hängt sich voller Elan und Vorurteil an den Fall und teilt regelmäßig Backpfeifen aus; der unfähige, doch vorlaute Schauspieler Cal Konitz (Conor Sweeney) steigt mit jedem Mord höher in die Besetzungsliste; Porfirys Freundin Margarit (Sheila Campbell) erblindet beim Anblick eines Tatorts und durchlebt fortan ikonenhafte Leidensbilder des Fulci-Fundus am eigenen Leib.

Das sind nur einige der am stärksten entwickelten Profile, die im Rahmen vieler Nebencharaktere ihre Aufwartung machen und in ihrer jeweiligen extensiven Auslebung zu einem Whodunit beitragen, das nicht verwegener exaltieren und entgegen aller narrativer Abrundung mit Überraschungen aufwarten könnte, käme es von Sergio Martino („Der Killer von Wien“). So steigert sich das Rätsel des meuchelnden Phantoms von gängiger Schlitzerarbeit zum Übernatürlichen und Transzendentalen. Für den Filmeditor existieren ohnehin zwei Realitäten um die Projektionsflächen seines Schneidetisches herum, weshalb deren Grenzen zu einem chaotischen Terror verwischen, der sich überhaupt nicht als witzig ausstellen muss, um aberwitzig zu sein. Kohärenz wird daher meist bewusst versäumt oder mit schludriger Retro-Logik umgangen; vieles verläuft sich wie bei den Vorbildern im Effekt und in plakativen Ambivalenzen, die fern des guten Geschmacks operieren.

Harmlos und clever sind daher keine Attribute, die man dem Film zugestehen kann. Vielmehr ist „The Editor“ derartig zelebrierender Pulp, wie er nur mit mickrigen Budgets und einer Respektlosigkeit dem Zuschauer (nicht aber dem Genre) gegenüber entstehen kann. So lässt er sich fern jedes Taktgefühls gehen, bleibt sich aber selbst treu und in aller Härte blind vor Liebe zum Giallo-Exzess. Kaum auszumalen, wie überfordert Uneingeweihte von diesem Film entlassen werden dürften. Wenn das kein Qualitätsmerkmal ist!

Meinungen

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