Peter Kern, seines Zeichens österreichischer Regisseur und Schauspieler, stellt bereits zu Beginn des Dokumentarfilms „Kern“ fest, dass dieser keine Struktur hat und auch keine haben wird. So wie er dem Zuschauer später sagen wird, dass er den wahren Peter Kern auf diesem Wege nicht kennengelernt hat. Die Regisseure Veronika Franz und Severin Fiala („Ich seh, Ich seh“) porträtieren also eine wahrlich störrische wie reizvolle Persönlichkeit. Der hier per Wiener Wohnen im Gemeindebau lebende Veteran des deutschsprachigen Autorenfilms birgt jedoch in seinem Eigensinn eine superbe Grundlage zur Dekonstruktion der dokumentarischen Inszenierung. Weil er Filmemacher ist, kann Kern nicht widerstehen, die Kontrolle zu übernehmen; weil er aufgrund von Diabetes und Fettleibigkeit am Stock gehen muss, ist er folglich an seine Fünfzig-Quadratmeter-Wohnung gebunden und deshalb eine optisch wie thematisch herausfordernde Macht; weil seine Stimmung in der Konfrontation mit der Kamera (bewusst) schwankt, ist eine Einordnung in dramaturgische Muster obsolet und 101 Minuten Laufzeit von stürmischer Abwechslung geprägt – in größtenteils statischen Beobachtungen, die dem Stil des Produzenten Ulrich Seidl nachkommen, aber auch dessen Hang zur Inszenierung gewitzt offenlegen.

Eine derartige Maßnahme würde aber ohne Peter Kern nicht existieren – einem Menschen, der sich offenbar ungern inszenieren lässt, sofern er sich nicht selber inszeniert. Einer, der mit Herzlichkeit und Wärme von der Familie und seiner Homosexualität erzählen kann, seinen sexuellen Werdegang frech und ehrlich reflektiert und gerne in galanter Musikalität versinkt. Aber auch einer, der mit Gift im Ton Leute zur Sau macht, brüllt und abbricht, wenn etwas nicht seinem Wesen entspricht oder er sich von Franz und Fiala voyeuristisch bespannt fühlt. Letzterer Punkt wird öfter im Seidl’schen Kino kritisiert – und auch hier scheint es im ersten Akt noch der Modus Operandi zu werden, so wie der Alltag Kerns in trostloser Stille eingefangen wird und ein isoliertes Leben zeigt, dessen Lebendigkeit nur noch in Anekdoten sowie Zeitkapseln in Form von DVD-Kopien und Youtube-Videos strahlen kann. Diese triste Wahrheit, in der Kerns Redegewandtheit dennoch Energie wie Perversitäten en masse zutage fördert, ist aber nur die Vorstufe zur weiterhin aktiven Schaffenslust jenes Regisseurs, der mit massivem Hängebauch Sets wie Darsteller kommandiert und auf Premieren zwar nicht stehen, aber umso vergnügter er selbst sein kann. Er liebt Film, Regie und seine Darsteller – umso mehr ist damit zu rechnen, dass er in seinem Porträt Komplize und Saboteur sein kann. Im Umkehrschluss fördert genau dies die Essenz eines Films, der antastbar und lebendig wird, indem er mit der inszenatorischen Norm bricht.

Eine nicht erst montierte Kalkulation, welche die Person Kerns offenbart und ihr näher kommt, je entschiedener die Szenerie sich und ihn entlarvt. Eine bezeichnende Sequenz ergibt sich bei den Dreharbeiten zu seinem Film „Glaube, Liebe, Tod“, die gleichzeitig mit jenen zu „Kern“ stattfanden. In dieser beichtet er Filmmutter Traute Furthner seine Homosexualität, was ihm laut einem Interview zu Lebzeiten der eigenen Mutter gelungen ist. Nicht nur so lernen wir die Sehnsucht Peter Kerns kennen. Denn gerade im Rückblick auf sein Werk offenbart er Wünsche nach Zuneigung, Jugend, Musik und Leben. Dies ergibt eine Einheit zum rückblickend fragwürdigen Anfang, aber offenbart gleichsam ein abgeklärtes Verständnis zwischen ihm und den Filmemachern: Der Film passt sich seinem Motiv an und lässt dafür die Hosen fallen – erst recht in gestellten Situationen. Er erlaubt jede Laune Kerns und somit dessen Persönlichkeit, ohne vorzugeben, die absolute Wahrheit darzustellen. Ein Porträt zwischen filmischem Anspruch und ehrlicher Schilderung eines Individuums. Allerdings gerade aufgrund letzterem voll Leidenschaft und herrlich obskurer Unterhaltung: Ekel und Charme in einem! Bisher noch immer ohne hiesigen Starttermin oder gar Veröffentlichung im österreichischen Heimkino.

Meinungen

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