Die hübsche Theater-Schauspielerin Yeon-Shin (Dong-Mi Shin) ist frustriert über ihre Situation: Die Karriere scheint zukunftslos, keine Zuschauer kommen zu den Vorstellungen. Sie verlässt den Saal und streift von Park zu Park. Einem Detektiv (Jung-Sang Yu), der sie beim verbotenen Rauchen erwischt, erzählt sie einen eigenartigen Traum, der nicht wirklich einen Anfang oder ein Ende besitzt. Mit interessanter Bildgestaltung, die stets das Verträumte durch Farbgebung impliziert, verführt Lee Kwang-kuk den Zuschauer in eine angenehme Verwirrung, deren zahlreiche Ebenen in buñuelesker Art kaum auseinandergehalten werden können. Dies ist nichts Neues – es ist eher die Thematisierung der Figurendynamik in ihren Träumen, die sehr erfrischend wirken im Zuge der dystopischen Traumreisen, die entweder wie bei Terry Gilliam ins Märchenhafte abdriften oder kafkaeske Züge annehmen. Hier spielen tatsächlich harmlose Emotionen die größte Rolle: Trennungsschmerz, Geldnot, der mögliche Ausweg des Suizids.

Der südkoreanische Film verliert sich nicht in seinem Wuchs der essenziellen Frage nach der Existenz. Lee verleiht dem Geschehen eine ordentliche Prise Ironie und Sarkasmus, der Film nimmt sich nicht ernst und ist daher leicht zu genießen. Die Rolle des neugierigen Detektivs ist amüsant, gerade weil er eine unerwartete Fähigkeit dafür hat, Träume zu analysieren. Wer jetzt doch von wem träumt und was in diesen Träumen wirklich passiert, muss Yeon-Shin selbst herausfinden. Lee ist fasziniert von der Tatsache, wie sehr die Erlebnisse der Nacht den folgenden Tag beeinflussen können. Daher dreht er mit „A Matter of Interpretation“ eine Geschichte, die ihren Ursprung irgendwo im Unterbewusstsein haben muss und deren Auswirkungen die Realität so sehr prägen, dass nicht mehr klar ist, welche Passagen des Films sich zu welcher Zeit und in welcher Ebene ereignen. „Eine Sache der Interpretation“ ist ein relativ eindeutiger Ausdruck für eine uneindeutige Geschichte. Der Detektiv kann zwar erahnen, was bestimmte Symbole oder Gegenstände für eine Bedeutung haben könnten, doch da er Teil des Traums ist, wird seine Analyse erneut ambivalent.

Dasselbe Auto an verschiedenen Plätzen, Kofferräume mit eigenartigen Insassen, verschiedene Jahreszeiten, eine Mutter, die das Talent des malenden Kindes nicht erkennt, die Karikatur des Selbst: „A Matter of Interpretation“ besteht aus einem einzigen Traum an Symbolik und ist so leichtfüßig, dass der groteske Umgang keine Wünsche offen lässt. Alle Personen im Film tauchen in verschiedener Weise auf; auch Yeon-Shin verhält sich nicht unbedingt immer, wie man es erwarten würde. Ihr Wesen ist interessant und wandert in der Traumwelt, als wäre diese ihre Heimat. Jedoch hat dies etwas von einer Erforschung, auch der Erforschung des eigenen Ichs. Ihre Träume sind auch in anderen Köpfen, aus anderen Perspektiven, aber mit derselben Aussage, demselben Thema: Alles ist miteinander verbunden. Ohne pathetisch zu werden, ohne jedwede Eskalation, bleibt der Spannungsbogen aufrecht und verliert nicht an Tragkraft. Eine sehr unterhaltende und beruhigende Geschichte, die von ihrer Harmlosigkeit extrem profitiert, da die nächtliche Verarbeitung nachvollziehbar dargestellt wird. Der aufblitzende, schwarze Humor trägt außerdem dazu bei, dass die Einsamkeit der Charaktere eine Verbundenheit ausdrückt, die nicht nur im Traum überlebt.

Die genutzte Ästhetik ist wunderbar, das Setting der fast menschenlosen Stadt beherbergt ein Gefühl der Verwunderung über das Komische. Gepaart mit den sich wiederholenden Sequenzen, die jedoch jedes Mal anders ablaufen und in denen die Charaktere vertauscht werden, ist „A Matter of Interpretation“ ein starkes Stück Wahrheit inmitten des Unterbewusstseins.

Meinungen

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